+
Israelische Panzer und ihre Besatzungen sind auf einem Feld in der Nähe des Gazastreifens eingesetzt.

Gazastreifen

Hamas verkündet Waffenruhe nach israelischem Vergeltungsangriff

  • schließen

Eine Hamas-Rakete zerstört ein Wohnhaus – und befeuert den Wahlkampf. Seit dem Gaza-Krieg im Sommer 2014 hat keine derart weitreichende Rakete Israel getroffen.

Niemand in Israel hatte mit einem solchen Raketenangriff am Montagmorgen gerechnet. Schon gar nicht die Bewohner im Moschav Mischmeret, einer Agrarkooperative nördlich von Tel Aviv, wo das Geschoss aus Gaza um fünf Uhr in der Früh den Dachstuhl einer Farm durchschlug, im Erdgeschoss explodierte und sieben Menschen verletzte, unter ihnen drei Kinder. Böse überrascht wurde auch die Armee von dieser Attacke. Erst vor zehn Tagen hatte sie das Abwehrsystem Eisendom im Großraum Tel Aviv wieder installiert, nachdem dort zwei angeblich versehentlich abgefeuerte Gaza-Raketen auf offenem Gelände gelandet waren. Aber selbst wenn es zur Stunde des Angriffs aktiviert gewesen wäre, was es laut einem Militärsprecher nicht war, hätte der Abfangschirm das ländliche Einschlagsgebiet kaum abdecken können.

Israel antwortete am Montag mit Vergeltungsagriffen auf den Gazastreifen. Die israelische Armee erklärte, die Angriffe auf „Hamas-Terror-Ziele“ hätten begonnen. Israelische Hubschrauber hätten eine Einrichtung des militärischen Arms der radikalislamischen Palästinenserorganisation im Westen des Gazastreifens mindestens drei Mal angegriffen, berichteten Augenzeugen. Militante Palästinense feuerten daraufhin zahlreiche Raketen ins israelische Grenzgebiet. Wenige Stunden später verkündete die Hamas einseitig Waffenruhe.  Fausi Barhum, ein Sprecher der im Gazastreifen herrschenden Hamas, teilte am Montag mit, Ägypten habe die Rückkehr zu einer entsprechenden Vereinbarung vermittelt. Diese solle sofort in Kraft treten. Von israelischer Seite gab es dafür keine Bestätigung.

Weitreichendste Rakete seit Gaza-Krieg

Seit dem Gaza-Krieg im Sommer 2014 hat keine derart weitreichende Rakete wie am Montagmorgen Israel getroffen. Abgefeuert wurde sie nach Angaben der Streitkräfte von einem Hamas-Stützpunkt an der Südspitze des Gazastreifens, über 120 Kilometer vom Einschlagsort entfernt. Die kurzen Kassem-Raketen, denen sich die israelischen Kommunen in unmittelbarer Nachbarschaft immer wieder mal ausgesetzt sahen, vermochten die ägyptischen Vermittlungsbemühungen um eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas bislang nicht zu sabotieren. Doch ein Raketenangriff mitten ins israelische Zentrum ist von anderer Qualität, die eine militärische Eskalation quasi programmiert. Umso mehr, als er genau in der heißen Wahlkampfphase geschah, zwei Wochen bevor die Israelis am 9. April über eine neue Regierung zu entscheiden haben.

Benjamin Netanjahu droht mit „harter Antwort“

Premier Benjamin Netanjahu, just zu Besuch in Washington, sagte denn auch seinen geplanten Auftritt vor der Jahresversammlung von Aipac ab, der größten amerikanisch-israelischen Lobbyorganisation. Sein Treffen mit Präsident Donald Trump nahm er noch mit, um gleich darauf heimzufliegen. „Die kriminelle Attacke“ erfordere eine „harte Antwort“ und seine Anwesenheit vor Ort, ließ er Montagmorgen erklären. Zu diesem Zeitpunkt waren zwei Infanterie- und Panzerbrigaden bereits unterwegs zur Gaza-Grenze. Ebenso mobilisierte die Armee tausende Reservisten, sich für den Fall des Falles bereitzuhalten.

Derweil kündigte das Innenministerium der Hamas in Gaza-City eine Untersuchung an, wer hinter dem Raketenangriff stecke. Die Hamas jedenfalls habe „kein Interesse“, Raketen auf Israel zu feuern. Als Alleinherrscherin in Gaza trägt sie jedoch aus israelischer Sicht die politische Verantwortung in Gaza. Offiziell bekannte sich zwar zunächst keine militante Gruppe zu dem verheerenden Abschuss, durch den in Mischmeret insgesamt dreißig Häuser beschädigt wurden.

Allerdings kursierte in Gaza ein Statement, besagte Rakete sei in Solidarität mit palästinensischen Häftlingen in Israel lanciert worden. Sie hatten Sonntagnacht eine Rebellion im israelischen Hochsicherheitsgefängnis Ketziot angezettelt, nachdem die Wächter ihre Kommunikation mittels eingeschmuggelter Handys durch Störfrequenzen unterbunden hatten. Bei den Unruhen waren zwei Aufseher und eine Reihe von Gefangenen verletzt worden. Ein Sprecher der pro-iranischen Splittergruppe „Islamischer Dschihad“ erklärte, das palästinensische Volk lasse seine Gefangenen nicht im Stich.

Palästinenser rufen zu „Millionenmarsch“ auf

Zu alldem kommt noch der für Freitag angekündigte „Millionenmarsch“, zu dem alle palästinensischen Fraktionen aufgerufen haben, um den Jahrestag der wöchentlichen Proteste am Grenzzaun von Gaza zu begehen. Ein Aktionstag, der die Gewaltspirale zusätzlich hochschrauben könnte, falls nicht schon zuvor eine kriegerische Konfrontation ausbricht. Der UN-Nahostgesandte Nickolay Mladenov bemühte sich am Montag in Kairo und bei den Konfliktparteien um Deeskalation – ein Wettlauf mit der Zeit.

Eine heftige militärische Reaktion der Israelis schien allerdings kaum noch zu verhindern sein, nach dem Raketeneinschlag in Mischmeret, den nicht nur Mladenov als „völlig inakzeptabel“ verurteilte. Premier Netanjahu war schon im Herbst, als die Lage infolge eines tödlichen Zusammenstoßes zwischen einer Spezialeinheit und einem Hamas-Trupp außer Kontrolle zu raten drohte, daheim heftiger Kritik ausgesetzt. Allzu schnell, so der Vorwurf von links wie rechts, habe er damals einer Waffenruhe zugestimmt.

Sein Herausforderer Benny Gantz, ehemals Generalstabschef, heute Spitzenkandidat des Mitte-Links-Bündnisses „Blau-Weiß“, hielt ihm vor, mit seiner Nachgiebigkeit „Israel zur Geisel der Hamas“ gemacht zu haben. Wer Raketenangriffe aus Gaza auf den Süden Israels herunterspiele, bekomme nun eben Raketen im Herzen des Landes. Netanjahu habe auf dem Gebiet der Sicherheit verloren, empörte sich ebenso Ex-Verteidigungsminister Mosche Jaalon, die Nummer zwei von „Blau-Weiß“. Bislang war Netanjahus Trumpfkarte, in den Augen vieler Israelis als „Mr. Security“ dazustehen, dem man seine Korruptionsaffären noch nachsah. Dass er sich in der so hoch gewerteten Sicherheitsfrage mit Blick auf den Wahltag neu profilieren will, macht die Lage noch brisanter. (mit dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion