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Digitalexpertin Marina Weisband rügt überkommene Debatten.

Halle

Marina Weisband hat Zweifel an Szenekenntnis der Sicherheitsbehörden

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Nach Halle: Digitalexpertin rügt Kritik an „Killerspielen“ als überholt.

Nach dem Attentat von Halle ist eine Diskussion darüber entbrannt, wie Radikalisierung und Hass im Netz erkannt und verhindert werden können. Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, stellte dabei in der Diskussionsrunde von Maybrit Illner am Donnerstagabend einen Bezug zu der mehr als 20 Jahre alten „Killerspiel“-Debatte her. Das findet die Grünen-Politikerin und Digitalexpertin Marina Weisband fahrlässig. „Es fällt ein Stichwort und die Politiker stürzen sich reflexhaft darauf“, sagte sie am Freitag der Frankfurter Rundschau. Mit diesen alten Mustern könne man die rechtsextremen Netzwerke von heute nicht mehr analysieren. „Diese sind global und sprechen – mit viel Geld befeuert – gezielt junge Männer über soziale Netzwerke an, um sie zu radikalisieren.“

Als „Killerspiel“-Debatte wird die in den 90er Jahren angestoßene Diskussion bezeichnet, ob das Spielen von Ego-Shootern Gewalttaten wie Amokläufe befördert. Wissenschaftliche Studien konnten einen Zusammenhang jedoch widerlegen. Weisband vermutet, dass den Sicherheitsbehörden die Szenekenntnis fehlt, diese Entwicklungen im Netz zu erkennen: „Sie müssen Streamingplattformen und Imageboards beobachten und lernen, wie dort kommuniziert wird. Sie müssen lernen, dass die rechte Sprache dort über Humor, Anspielungen, Bilder und Memes funktioniert, deren tatsächliche Bedeutung geleugnet werden kann.“

„Dreiklang schürt den Hass in den Foren besonders stark“

Das gelte in abgeschwächter Form auch für Lehrkräfte an Schulen. Die gehörten geschult, damit sie erkennen können, wann ihre Schüler in solche Szenen gerieten, sagte Weisband. Sie forderte mit Blick auf die Medienkompetenz außerdem, Umgang mit dem Smartphone zu reflektieren. „Wenn wir das Netz und das Handy als Instrument zur demokratischen Beteiligung begreifen, und sie im Unterricht nutzen, müssen junge Menschen keinen Halt im Hass des Netzes suchen.“

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In diesem Zusammenhang kritisiert Weisband auch den engen Fokus auf das antisemitische Motiv des mutmaßlichen Attentäters von Halle, Stephan B. in der aktuellen Diskussion. Vielmehr betrachteten rechtsextreme Verschwörungstheorien Antisemitismus immer in Verbindung mit Rassismus und Antifeminismus. „Dieser Dreiklang schürt den Hass in den Foren besonders stark“, sagte sie.

Für den Medienpsychologen Tobias Dienlin von der Universität Hohenheim erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Radikalisierung auf den rechten Plattformen dann, „wenn sich Nutzer ausschließlich auf einschlägige Portale konzentrieren und sich von anderen Inhalten abschotten.“ Dann fehle das soziale Korrektiv, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Täter suchen Dienlin zufolge insbesondere durch das Live-Streamen ihrer Tat Anerkennung in der Community: „Mit solchen Videos generieren sie eine immense Aufmerksamkeit, die eine sehr starke Wirkung auf andere hat.“

„Video schnell, zielstrebig und dezentral weiterverbreitet“

Obwohl das Video von Stephan B. bereits kurz nach der Tat von der Streamingplattform Twitch genommen wurde, fand es eine weite Verbreitung. Nach Angaben der „Frankfurter Allgmeinen Zeitung“ hatten es bis zu seiner Sperrung bereits 2200 Menschen gesehen. Darüber hinaus identifizierte Megan Squire, Professorin am Institut für Informatik der Elon University (USA), alleine 15.000 Accounts, deren Nutzer das Video gesehen haben.

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Twitch erklärte, es habe zwar den sogenannten Hash, einen Code zur Identifizierung des Videos, an andere Unternehmen weitergereicht, um die Verbreitung weitestgehend zu unterbinden. Allerdings habe sich das Video durch Repostings mit geändertem Hash und durch Messenger-Dienste wie Telegramm weiterverbreiten können. Weisband sagte dazu: „Durch die extrem enge Vernetzung der weltweiten rechten Szene wurde das Video schnell, zielstrebig und dezentral bearbeitet und weiterverbreitet.“

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