Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Unterirdisch: Auch Kumpel in den Minen der Appalachen sind auf kostenlose Behandlungen im Wander-Hospital angewiesen.
+
Unterirdisch: Auch Kumpel in den Minen der Appalachen sind auf kostenlose Behandlungen im Wander-Hospital angewiesen.

Luxusgut Krankenschutz

Ein halbes Leben ohne Sprache

James Lowe wird mit einer Gaumenspalte geboren. Auf eine Operation wartet er 50 Jahre. Er war nie versichert.

Von DIETMAR OSTERMANN

Jeden zweiten Montag gegen 10 Uhr rollt auf dem staubigen Parkplatz vorm Rathaus des Bergarbeiterstädtchens Pound ein weißes Wohnmobil vor. Ans Wagenheck hat jemand blaue Berge gemalt, obwohl die Appalachen hier im Südwestzipfel Virginias sattgrün aufragen. Über den blauen Bergen schwebt ein Stethoskop, und auch das passt irgendwie nicht hierher. Der entlegene Landstrich an der Grenze zu Kentucky und West Virginia ist nicht nur einer der ärmsten der Vereinigten Staaten, er ist auch eine Art medizinisches Notstandsgebiet.

"Lungengürtel" nennen sie das dünnbesiedelte Kohlerevier, weil hier kaum einer, der in den Schacht einfährt, gesund das Rentenalter erreicht. Für die vielen Menschen in der Region, die keine Krankenversicherung haben oder kein Geld für den Arztbesuch, ist Teresa Gardner mit ihrem "Health Wagon" oft die letzte Hoffnung. "Manchmal stellen sich die Leute schon um vier Uhr morgens an", erzählt die Ärztin, "einige übernachten auf dem Parkplatz." Betrieben wird die rollende Praxis vom Remote Area Medical Volunteer Corps (RAM). Mediziner haben die Vereinigung gegründet. Die Behandlung ist kostenlos.

Im engen Wartezimmer, gleich hinter der Fahrerkabine, tastet Kay Sturgill auf dem Blümchensofa immer wieder die flechtenartigen Stellen an ihrer Wange, an der Lippe, auf dem Nasenrücken ab. "Hautkrebs ist es noch nicht", sagt die Frau, "aber eine Vorstufe." Ausgerechnet jetzt sind die Keratosen schlimmer geworden. Als hätte sie nicht genug um die Ohren. Ihr Mann hatte vor drei Wochen einen Herzinfarkt. Sechs Tage war er im Krankenhaus; in Notfällen dürfen Hospitäler in den USA auch Patienten ohne Krankenversicherung nicht abweisen. Jetzt sitzt er draußen im Auto, eine Bibel griffbereit auf dem Armaturenbrett. "Ich bin okay", sagt er und blickt stur geradeaus.

Das Kind kann nur grunzen

Vor fünf Jahren hatte der Diabetiker die erste Herzoperation, zwei Bypässe wurden ihm seither gelegt. 43 Jahre hat er in der Kohle gearbeitet, zuletzt als Baggerfahrer im Tagebau. Sturgill ist 57 Jahre alt und seit Ende 2006 Invalide. Die Krankenversicherung seines Arbeitgebers lief damals aus, doch die staatliche Rentnerversicherung Medicare nimmt ihn erst nach zweijähriger Wartefrist auf, im November, wenn er dann noch lebt. Die Wartezeit für Invaliden ist eine der vielen Absurditäten im amerikanischen Gesundheitssystem. "Ich bin einfach durchs Loch gefallen", sagt Farley, "du arbeitest dein ganzes Leben, und dann stehst du vor dem Nichts."

Klar, er hätte damals seine Betriebsversicherung privat weiterführen können, für rund 450 Euro im Monat. Bei 1100 Euro Invalidenrente aber war das nicht drin. Das Haus muss abbezahlt werden. Und er hätte noch weniger Geld für die Medikamente gehabt, die er so oder so aus der eigenen Tasche zahlen muss. Jetzt sitzen die Sturgills auf Rechnungen von knapp 200 000 Euro. Ihr Leben ist ein ständiger Kampf: Farley braucht Insulin und Herzpillen, Kay dringend einen Hautarzt. "Mein alter Dermatologe hat mir gesagt, dass ich mich dort nicht mehr blicken lassen soll", sagt sie. Sie schuldet ihm noch 850 Euro.

Ein typischer Fall sei das, sagt Teresa Gardner, "wir können nur versuchen, einen Spezialisten zu finden, der bereit ist, die Patientin kostenlos zu untersuchen". Seit 15 Jahren kümmert sich die Ärztin in den Appalachen nun schon um Menschen wie Kay und Farley Sturgill, Menschen, die das reichste Land der Erde mit ihren Leiden alleine lässt. 47 Millionen US-Bürger haben keinen Krankenschutz, weitere geschätzte 25 Millionen sind nur unzureichend versichert. "Das System versagt", sagt Gardner. Einige Patienten könnten wegen der hohen Benzinpreise nicht mal mehr zur Sprechstunde im "Health Wagon" kommen. Wie sollen sie da in einem Gesundheitssystem Hilfe finden, das den Gesetzen des Marktes unterliegt?

Am Stadtrand von Pound lebt ein Mann, der zum Symbol geworden ist für die raue Wirklichkeit einer Gesellschaft, in der Krankenschutz zunehmend als Luxusgut gilt. James Lowe wuchs mit 15 Geschwistern und Halbgeschwistern in einer Bergarbeiterhütte auf, die keine Toilette hatte, kein fließend Wasser und keinen Strom. Das schlichte weiße Häuschen mit Klimaanlage und einem kleinen Gemüsegarten vor der Tür, in dem Lowe heute wohnt, erscheint ihm vergleichsweise fast als Paradies. Geld ist noch immer knapp, zweimal im Monat holt sich die Familie Lebensmittelspenden von der Gemeinde. Aber Cindy ist eine gute Frau und der kleine Ethan, ihr Enkel, ein aufgeweckter Junge, aus dem mal etwas werden wird. James Lowe hat es sich angewöhnt, vor allem das Gute im Leben zu sehen und sich daran zu freuen. Vielleicht auch deshalb, weil ihn das Schicksal sonst längst in den Wahnsinn getrieben hätte.

Als James Lowe vor 52 Jahren geboren wird, kommt er mit einer Gaumenspalte zur Welt. Was der Volksmund einen Wolfsrachen nennt, könnten Ärzte zwar operieren, die Familie aber hat keine Krankenversicherung und kein Geld. Also bleibt der kleine James ein Kind, das nur röcheln und grunzen kann, weil sich mit dem entstellten Gaumen keine Worte formen lassen. Die Familie lernt mühsam und geduldig, die gequälten Laute zu entschlüsseln. "Mit acht Jahren habe ich meine Mutter gefragt, warum die Mitschüler mich auslachen", erzählt Lowe. Statt zu antworten weint die Mutter, und nach der 6. Klasse bleibt der Junge einfach zu Hause. "Ich wurde ein zurückgezogener Mensch, ich wollte mit niemandem etwas zu tun haben", sagt er.

James Lowe verdingt sich bei einer Kohlenmine. Doch das Unternehmen ist zu klein oder der Boss zu knauserig, um den Angestellten eine Krankenversicherung zu finanzieren. Als Lowe bei einem Grubenunfall beinahe verschüttet wird, kann er nicht mal um Hilfe schreien. Ärzte schrauben ihm Bolzen und Platten in den Rücken. Als die Lunge nach Jahren im Kohlenstaub pfeift, wird der stumme Bergmann zum Invaliden. Ein Inhaliergerät kann er sich bis heute nicht leisten.

Vor zwei Jahren aber geschieht das Wunder. Cindy, die ihn nicht verstehen konnte, als er ihr vor Jahren den Heiratsantrag machte, schleppt ihn im Sommer 2006 zum Jahrmarktsgelände der Kreisstadt Wise. Dort gastiert gerade die von der Organisation RAM ins Leben gerufene "Health Expedition". Das gewaltige Spektakel müsste jedem Amerikaner die Schamesröte ins Gesicht treiben. Jedes Jahr im Juli kommen aus dem halben Land Ärzte in die Appalachen, um Teresa Gardner und ihrem "Health Wagon" zu helfen, bettelarme Menschen kostenlos zu behandeln. Eine Wiese verwandelt sich für drei Tage in ein provisorisches Krankenhaus. Ein Hauch von Afrika liegt in der Luft. Im vorigen Jahr wurden bei der "Health Expedition" von Wise, der größten im Land, in Zelten und Krankenwagen 8438 Patienten behandelt. Auf 64 Zahnarztstühlen wurden 3731 Zähne gezogen. 888 Menschen erhielten neue Brillen, 124 Hörgeräte. Über 1300 Ärzte und Schwestern verzichteten auf Honorare von rund einer Million Euro.

Ein Jahr zuvor hatten die guten Seelen der "Health Expedition" auch James Lowe geholfen. 13 Stunden wartet er in der Schlange, dann steht der Mann mit der Gaumenspalte, der ein halbes Jahrhundert stumm war, endlich vor einem Spezialisten. Heute kann er sprechen, wenn auch mit Mühe. Dass seine Mutter ihn noch reden hörte, kurz bevor sie starb, erfüllt ihn mit tiefer Dankbarkeit. Der damalige Präsidentschaftsbewerber John Edwards, der die Armut im Land zum Wahlthema machen wollte, hat James Lowe vor ein paar Monaten zu den TV-Debatten der Demokraten geholt. Seine Geschichte rührte die Leute zu Tränen. Inzwischen sitzt er wieder in seinem kleinen Häuschen am Stadtrand von Pound. "Ich möchte der Welt sagen, dass man heute kein Kind, dass Hilfe braucht, 50 Jahre warten lassen darf." Mit den Worten gibt er sich besondere Mühe. Er hat das Sprechen gelernt. Ob man ihm zuhört, wird sich zeigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare