+
Menschen zeigen ein Tuch mit dem Konterfei des ukrainischen Nationalisten Jewhen Konowalez.

Lemberg

Nur die halbe Geschichte

  • schließen

Vor 75 Jahren überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion. In Lemberg begann die Gewalt, bevor die Deutschen die Stadt erreichten. Noch heute verehren die Lemberger den Nationalisten Stepan Bandera – zu Unrecht.

Lemberg, die Hauptstadt des westukrainischen Galizien, ist eine schöne Stadt. Im Juni ist sie doppelt schön. Es riecht nach Linden und nach jungem Glück, Touristen und Studentenpärchen flanieren durch die Gassen, und jeden Abend wird gefeiert, als wäre schon Wochenende. Auf dem Boulevard vor dem Operntheater stehen nachmittags die Rentner in großem Kreis und singen Volkslieder, bis ihnen die Tränen in die Augen steigen. Nur ab und zu donnert eine uralte Tram vorbei und erinnert daran, dass hier auch noch Menschen arbeiten.

An der Ecke des Marktplatzes, Rynok Nr. 10, steht ein Ladenschild: „Hier wurde der Lemberger Kaffee geboren“. Lemberg, oder auf ukrainisch Lwiw, wurde bis zum Ersten Weltkrieg von Wien aus regiert, deshalb gibt es hier so viele Kaffeehäuser, und zum Abschied sagt man immer noch „baba“. Es hat aber im Haus Nr. 10 noch eine andere Geburt oder Wiedergeburt stattgefunden. Hier ist, am 30. Juni 1941, die „Erneuerung des Ukrainischen Staates“ verkündet und eine Regierung unter Jaroslaw Stezko gebildet worden – so steht es auf einer Tafel, angebracht zum 50. Jahrestag im Sommer 1991, als die Sowjetunion endgültig zerbrach.

Dass im Juni 1941 in Lemberg ein ukrainischer Staat entstanden sein soll, ist für den auswärtigen Touristen eine Neuheit. Er weiß, dass im Juni 1941 die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfiel. Dass aber auf dem Weg über Lemberg nach Moskau noch eben ein neuer Premierminister für einen neuen ukrainischen Staat gewählt worden wäre, taucht in deutschen Schulbüchern nicht auf. In ukrainischen Schulbüchern ist das anders, und in Lemberg selbst ist die Neugründung des Staates vom 30. Juni ein zentrales Ereignis, das gar nicht wegzudenken ist und jedes Jahr mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz gefeiert wird. Es sind sehr verschiedene Geschichten, die über den Juni 1941 erzählt werden. Leider passen sie oft gar nicht zusammen.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, der nun genau 75 Jahre zurückliegt, war der Beginn einer Epoche. Er steigerte die Gewalt, die Deutschland schon seit September 1939 über seine Nachbarn brachte, auf ein Vielfaches. Das Projekt, die Welt neu zu ordnen nach rassischen Maßstäben, wurde jenseits des Bug rücksichtslos vorangetrieben. Der Völkermord an den Juden, das Aushungern der Zivilbevölkerung war eingeplant. Aber zugleich setzte dieser Angriff Gewalt frei, die gewissermaßen schon am Ort vorhanden war und sich mit einem Schlag entladen konnte. Nirgends ist das so sichtbar wie in Lemberg, wo in den ersten zwei Wochen des Krieges die Opfer zweier Diktaturen im Wortsinne übereinander gestapelt wurden.

Die meisten Sowjetbürger erfuhren vom deutschen Überfall am Mittag des 22. Juni, durch die Stimme von Außenminister Wjatscheslaw Molotow im Radio. Die Lemberger konnten den Angriff selbst hören. Schon am frühen Morgen hatte die Luftwaffe die Stadt und einen Militärflughafen in der Nähe bombardiert. Lemberg lag ja nur 80 Kilometer entfernt von jener Grenze, entlang derer sich Hitler und Stalin 1939 Osteuropa aufgeteilt hatten. Bis dahin hatte die Stadt zu Polen gehört. Auch ihre Einwohner waren vor allem Polen sowie Juden; Ukrainer, die auf den Dörfern Galiziens die Mehrheit stellten, waren hier in der Minderheit. Es war den Einwohnern in zwei Jahren sowjetischer Herrschaft schlecht ergangen, aber auf unterschiedliche Weise. Die Polen hatten mit ihrem Staat auch ihre Vorrangstellung eingebüßt.

Mittlerweile gut erforscht

Die Juden waren zwar froh, nicht unter deutscher Besatzung zu leben; aber Händler und Ladenbesitzer waren im Sozialismus unnötig. Und die Ukrainer galten zwar offiziell als befreit von polnischer Herrschaft; faktisch aber wurden ihre organisierten Nationalisten scharf verfolgt.

Bis die Wehrmacht in Lemberg eintraf, vergingen acht lange Tage. Es war ein großes Durcheinander: Erst flohen die sowjetischen Behörden voreilig, am 24. Juni wurde die Evakuierung rückgängig gemacht, wenige Tage darauf war sie unausweichlich. Die vier reichlich gefüllten Gefängnisse der Stadt konnte man nicht mehr evakuieren. Also wurden mehrere Tausend Häftlinge vom sowjetischen Geheimdienst erschossen. Es war ein Blutbad, wie die Stadt es nicht gesehen hatte, und sein ganzes Ausmaß wurde erst deutlich, als am 30. Juni die Deutschen einmarschierten und die Gefängnisse geöffnet wurden.

Eines der Gefängnisse, in der Lonzki-Straße, ist seit 2009 Museum. An der Tür hängen frische Zweige als Schmuck, am Sonntag haben die Griechisch-Katholischen Pfingsten gefeiert. Die düsteren Zellen sind erhalten wie zu polnischen Zeiten, als Stepan Bandera persönlich hier einsaß, der radikale Führer der Nationalisten. Er ist in Lemberg heute eine Ikone, man kann in der Altstadt Kühlschrankmagneten mit seinem Bild kaufen, und die Straße vor dem Gefängnis heißt jetzt Bandera-Straße. Die Ausstellung zeigt, wie die Leichen der ermordeten Gefangenen ausgelegt und beweint werden. Es waren viele Fotografen da, das Verbrechen war ja mitten in einer Großstadt geschehen, die deutsche Wochenschau zeigte sogar Filmaufnahmen.

Seltsam nur, dass die Führerin im Museum kein Wort verliert über die Männer, die die Leichen auslegen und auf anderen Fotos hinten an der Wand verängstigt in der Hocke sitzen. Auch die Ausstellung geht wortlos über sie hinweg. Es sind Juden. Die deutschen Truppen zwangen sie, beim Ausräumen der Zellen zu helfen. Viele wurden dabei von der ukrainischen Miliz erschlagen, als wären sie es, die die Morde von Stalins Geheimpolizei verschuldet hätten. Frische Leichen fielen so neben die alten, halbverwesten; neue Gewalt folgte auf die alte.

„Ja, das mögen wohl Juden sein“, sagt die Führerin auf Nachfrage und flüchtet sich ins Allgemeine; gewiss, da werde viel erzählt und übertrieben, im übrigen gebe es ja in jedem Land Leute, die bei Pogromen mittäten.

Das Pogrom vom 1. Juli 1941 ist mittlerweile gut erforscht. Der deutsche Historiker Kai Struve hat zuletzt die Ereignisse genau rekonstruiert, er schätzt die Zahl der Opfer auf einige Hundert. Demnach gibt es eine recht klare Verbindung zwischen denen, die am 30. Juni einen ukrainischen Staat ausriefen, und denen, die tags darauf Juden erschlugen. Hier wird die Geschichte aber recht kompliziert: Die deutsche Wehrmacht war nämlich nicht allein einmarschiert. Zusammen mit ihr hatte sich die radikale Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN, auf den Angriff gegen die Sowjetunion vorbereitet. Sie hoffte, in Lemberg das zu wiederholen, was einen Monat zuvor in kroatischen Zagreb gelungen war: Einen eigenen Staat unter Berlins Oberhoheit auszurufen. Im deutsch besetzten Krakau hatte die OUN zusammen mit der Abwehr – dem deutschen Militärgeheimdienst – sogar vorab ein ukrainisches Bataillon namens „Nachtigall“ zusammengestellt.

So kam es, dass die Lemberger am 30. Juni Soldaten in deutscher Uniform auf ihrem Marktplatz ukrainische Lieder singen hörten. Die Westukrainer waren begeistert. Die Menge kniete nieder. „Schlimmer als beim Einmarsch in das Sudetenland“ sei das gewesen, berichtete ein deutscher Offizier dem kommandierenden Major. Parallel wurde unter OUN-Aufsicht aber auch eine ukrainische Miliz mit blau-gelben Armbinden gebildet. Eben diese Männer sind es, die als Täter auf den Fotos und in Berichten der Opfer des Pogroms auftauchen.

Man bräuchte viele Augen, um das Geschehen dieser Tage in sich aufzunehmen, mit seinem Nebeneinander von Freude und brutaler Gewalt und moralischer Verwirrung, von Hoffnung und Entsetzen. Jonathan Littell hat in seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ einen Versuch gewagt, dieses Lemberger Chaos zu schildern. Hier werden Leichen gefunden, dort werden Unbeteiligte erniedrigt und erschlagen, da wird ein neuer Staat ausgerufen – ein Staat, der den einen viel bedeutet und von den anderen nicht einmal wahrgenommen wird. Für die deutsche Führung kam ein eigener Staat in Lemberg nämlich gar nicht in Frage. Hitler hatte für die Ukraine andere Pläne als für den Balkan, außerdem waren Stepan Banderas Leute bekannt für ihre Ungefügigkeit. So kam es, dass Bandera am Ende in einem Vorzugstrakt des Konzentrationslagers Sachsenhausen landete, anstatt – wie der kroatische Ustascha-Führer Ante Pavelic – selbst Konzentrationslager einzurichten.

Kommerz auf das historische Gedächtnis

Erlaubt das, von den Untaten und vom Antisemitismus des radikalen OUN-Flügels (nach Bandera „OUN-B“ genannt) abzusehen? Und was gibt es am 30. Juni eigentlich zu feiern? „Ereignisse sind komplex, die Erinnerung an sie ist immer einfach. Sie muss es sein“, stellt Jaroslaw Hryzak in philosophischem Ton fest. Aber er rechtfertigt das nicht. Er ist Lemberger Historiker, und hat dennoch erst Ende der 1980er genaueres von dem Judenpogrom im Juni 1941 erfahren. Kritik an Bandera sei in Lemberg leider tabuisiert, sagt Hryzak – das gelte übrigens auch für jene Gewalt, die Banderas Leute an nichtjüdischen Ukrainern verübt hätten. Immerhin die Massaker der Nationalisten an polnischen Zivilisten seien kein Tabu mehr. Bandera aber gilt weiterhin als Held im Kampf gegen die sowjetische Gewaltherrschaft, unter der die Galizier gelitten haben.

Hryzak ist guter Dinge, dass sich die Sicht auf die OUN und ihre Taten ändert. In der Maidan-Revolution hätten auch prominente ukrainische Juden gegen russischen Einfluss gekämpft, aus dem ethnisch definierten Volk werde eine Nation der Bürger. Und langfristig, sagt Hryzak, sei die Fixierung auf Bandera „unhaltbar“.

Mächtiger als der Maidan scheint in Lemberg derzeit allerdings der Kommerz auf das historische Gedächtnis zu wirken. Das beliebteste Restaurant am Marktplatz ist im Stil eines Bunkers der nationalistischen Partisanen gehalten. Wer herein will, muss die Parole „Ruhm der Ukraine!“ – „Den Helden Ruhm!“ aufsagen, die Treppe herab in den mit Balken verkleideten Keller bewacht ein Mann mit Maschinenpistole. Und neben der 1941 zerstörten Synagoge „Goldene Rose“ gibt es ein auf jüdisch getrimmtes Konzept-Restaurant ohne feste Preise. Gast und Kellner müssen die Kosten aushandeln, weil ja auch die Juden gerne feilschen. 75 Jahre ist es her, dass die Deutschen einmarschiert sind und mit der Ermordung der Juden Lembergs begonnen haben. Jetzt ist die Vergangenheit im Griff der Erlebnisgastronomie.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion