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„Die Sicherheit wird als erstes geopfert, wenn das Geld knapp ist. Und falls besser gebaut wird, dann sind oft die Orte schlecht gewählt, wenn man zum Beispiel an einem Abhang baut“, erklärt Annalisa Lombardo.

Haiti

Haiti: „Im Moment herrscht politisches Chaos“

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Annalisa Lombardo von der Welthungerhilfe über Defizite bei den Behörden und die Lehren aus der Tragödie.

Frau Lombardo, das verheerende Beben in Haiti jährt sich zum zehnten Mal. Ist das Land heute besser auf eine solche Katastrophe vorbereitet?

Die Menschen haben heute ein besseres Verständnis von dem, was ein Erdbeben bedeutet. Das war vor zehn Jahren noch nicht so. Da traf viele das Unglück völlig unvorbereitet und ohne Wissen, was zu tun ist. Das hat sich deutlich verbessert. Es gibt auch formelle Änderungen, zum Beispiel bei den Bauvorschriften. Aber oft fehlt es den Menschen an den Mitteln, diese auch umzusetzen. Die Sicherheit wird als erstes geopfert, wenn das Geld knapp ist. Und falls besser gebaut wird, dann sind oft die Orte schlecht gewählt, wenn man zum Beispiel an einem Abhang baut. Aber insgesamt ist Haiti auch heute nicht ausreichend auf ein Erdbeben und auf keine andere Naturkatastrophe vorbereitet.

Woran liegt das?

Vor allem an den großen Problemen hier im Land. Es gibt so viele Notwendigkeiten, angefangen bei der, das tägliche Überleben zu sichern. Die Menschen sind damit beschäftigt, genügend zu essen aufzutreiben für den täglichen Bedarf oder genügend zu verdienen, um vorhandene Nahrungsmittel auch bezahlen zu können.

Es gab damals nach dem Beben viel Kritik am Staat und den Hilfsorganisationen. Was hätte 2010 besser laufen können?

Annalisa Lombardo , 48, arbeitet seit 2008 für die Welthungerhilfe in Port-au-Prince, Haiti.

Die Zusammenarbeit zwischen den Hilfsorganisationen und den staatlichen Stellen lief nicht gut. Zum einen haben die Organisationen den Staat ein Stück weit ausgegrenzt, angefangen schon bei der Tatsache, dass ab einem bestimmten Punkt nur noch englisch gesprochen wurde. Aber klar war auch der Staat so schwer getroffen, dass er phasenweise aktionsunfähig war. Viele Regierungsmitglieder sind bei dem Beben gestorben. Aber eine Lehre wäre, dass man künftig besser und effizienter kooperiert.

Haiti ist nach wie vor ein Staat in chronischer Krise, politisch und auch sozial. Was sind die drängendsten aktuellen Probleme des Landes?

Haiti braucht Stabilität. Sie ist die Voraussetzung für alles andere. Für Bildung, für Investitionen, für Wachstum. Aber es herrscht im Moment politisches Chaos. Die Wirtschaft stagniert, aber die Bevölkerung wächst. Und die Investitionen, die Haiti so dringend braucht, bleiben aus. Das Land hat ein Regierungsproblem. Der Staat ist nur bedingt in der Lage, die Probleme zu lösen, die Ressourcen richtig einzusetzen. Es fehlen rechtsstaatliche Strukturen und es wird zu viel für Partikularinteressen regiert. Das ist ein Problem, dessen Lösung noch Generationen in Anspruch nehmen wird. Aber eine Lösung drängt. Allein dieses Jahr werden vier Millionen Haitianer auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein.

Interview: Klaus Ehringfeld

Zehn Jahre nach dem großen Erdbeben in Haiti gilt der Wiederaufbau des Karibikstaats als gescheitert. 

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