Kinder am Hafen von Port-au-Prince: Die Armut zwang die Protestierenden zeitweise in die Knie.
+
Kinder am Hafen von Port-au-Prince: Die Armut zwang die Protestierenden zeitweise in die Knie.

Proteste

In Haiti fachen Wut, Armut und Stillstand den Aufstand an

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
    schließen

Im bitterarmen Karibikstaat geht Protest gegen Präsident Moïse weiter.

Reifen brennen, ein LKW steht in Flammen, Steine fliegen auf vorbeifahrende Fahrzeuge. Der Protesttag beginnt an der Flughafen-Kreuzung, die seit ein paar Wochen nur noch „Platz des Widerstands“ genannt wird, wie so viele in den vergangenen Monaten in Haiti.

Nahe dem Flughafen von Port-au-Prince nehmen mehrere tausend Menschen Aufstellung zum langen Marsch auf die US-Botschaft. Ein Gesandter des Washingtoner Außenministeriums ist an diesem Freitag in der Hauptstadt, um zwischen der Opposition und der Regierung von Präsident Jovenel Moïse eine Lösung der monatelangen Krise zu vermitteln. Aber die Opposition, ausnahmsweise mal geeint, denkt überhaupt nicht ans Verhandeln und fordert ein Ende der Washingtoner Unterstützung für den verhassten Staatschef.

Nach zwei Wochen Pause bläst Haitis Opposition zur finalen Attacke. Am Donnerstag begannen die Demos in Gonaïves im Landesinneren, am Freitag auch wieder in Port-au-Prince. Bis Anfang Januar werde der Staatschef gestürzt, versprechen die Oppositionsführer. Dann endet das Mandat eines Teils des Parlaments und die Haitianer fürchten, dass Moïse dann per Dekret regieren wird.

Banden erschießen Passanten

Seit Mitte September herrscht faktisch Ausnahmezustand in der Karibikrepublik. Unbeachtet vom Rest der Welt hat sich das ärmste Land der westlichen Hemisphäre zu einem weiteren lateinamerikanischen Krisenherd entwickelt. Die Proteste sind vergleichbar mit denen von Chile oder Kolumbien. Ein wütendes Volk geht gegen die Regierung auf die Straße, der sie Unfähigkeit, Korruption und Repression vorwirft.

Nur wie immer ist in Haiti alles ein gutes Stück dramatischer als anderswo. Das Leid ist größer, die Wut auch, und in der Folge sind auch die Auseinandersetzungen härter. Der Funken, der das Pulverfass zum Explodieren brachte, war eine Untersuchung, die den Präsidenten in einen der größten Veruntreuungsskandale der Geschichte des Landes verwickelt. Rund zwei Milliarden Dollar sollen zwischen 2008 und 2015 aus dem venezolanischen Solidaritätsfonds Petrocaribe abgezweigt worden sein. Einer der Korruptesten offenbar: der damals noch als Unternehmer der Firma Agritrans tätige Moïse.

Seit Beginn des Aufstands vor bald drei Monaten, in den sich auch von Politikern bezahlte Gangs und kriminelle Banden mischen, kamen laut UN-Angaben bislang 42 Menschen ums Leben. Eine Zahl, die Rosy Auguste von der haitianischen Menschenrechtsorganisation RNDDH, für viel zu niedrig hält: „Wir gehen von mehr als hundert Toten aus“, sagt die Anwältin im Gespräch.

Haiti, ohnehin seit Jahrzehnten gebeutelt von Armut, Naturkatastrophen und politischem Chaos, fiel in den totalen Stillstand. Schulen und Universitäten schlossen und öffnen erst allmählich wieder. Geschäfte, Restaurants und Banken machten dicht. Jeden Tag wurde irgendwo von irgendwem eine Barrikade auf einer der Straßen errichtet. Port-au-Prince, in dessen Großraum knapp fünf der elf Millionen Einwohner Haitis leben, war bis jetzt faktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Die wirtschaftlichen Aktivitäten kamen zum Erliegen. „Pays Lock“ nennen das die Haitianer mit schwarzem Humor. Geschlossenes Land.

Banden forderten Wegzoll, entführten oder erschossen Passanten. In dem Land, das ohnehin einen schwachen Staat hat, herrschte die völlige Gesetzlosigkeit. Präsident Moïse traut sich nicht mehr in die Öffentlichkeit. Wenn er sich im Land bewegt, muss er um sein Leben fürchten. Nur die wenigen Kilometer von seinem Haus oberhalb des bourgeoisen Stadtteils Pétionville bis zum Präsidialamt im Zentrum von Port-au-Prince kann er sicher zurücklegen. „Das ist der Teil des Landes, über den er herrscht“, spottet der Filmemacher Arnold Antonin. „Die Wirtschaft Haitis wird auch wegen des ‚Pays Lock‘ dieses Jahr um 1,2 Prozent schrumpfen“, sagt der Ökonom Kesner Pharel voraus.

Dies trifft besonders die Millionen Haitianer hart, die in der Schattenwirtschaft und vom Verkauf irgendwelcher Gebrauchsgüter am Straßenrand überleben. „Diese Menschen leben mit einem, maximal zwei Dollar am Tag. Verkaufen sie nichts, essen sie nichts,“ betont Auguste. Die Proteste hätten nur deshalb jetzt nachgelassen, weil die Menschen wieder arbeiten müssten. „Aber an der Wut und der Unzufriedenheit hat sich nichts geändert“.

Kein Vertrauen der Bürger

Die aktuelle Krise hat ihren Ursprung im Juli 2018, als Moïse über Nacht die Benzinpreise um bis zu 50 Prozent erhöhte. Spätestens da verlor die Bevölkerung das Vertrauen in den Präsidenten, der im Februar 2017 als praktisch Unbekannter, aber als Kumpel des scheidenden Amtsinhabers Michel Martelly ins Amt gewählt wurde. An der Stichwahl nahmen damals gerade 20 Prozent der Wahlberechtigten teil. „Für Moïse haben 600 000 Haitianer gestimmt. Er hat keinerlei Legitimation“, argumentiert Bernard Craan, Vorsitzender der haitianischen Industrie- und Handelskammer CCIH. Der Banker macht sich für eine Übergangsregierung stark, die das Mandat des Präsidenten bis 2022 zu Ende bringt.

Der 51-Jährige Staatschef hat es in kurzer Zeit geschafft, alle gesellschaftlichen Sektoren gegen sich aufzubringen. Kirche, Unternehmer, Frauenverbände, Gewerkschaften, Künstler, selbst Teile der Polizei haben sich an den Protesten der vergangenen Wochen beteiligt. Und alle verlangen von ihm Rechenschaft darüber, wo die Milliarden aus dem Petrocaribe-Fonds geblieben sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare