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Haiti: Ein Staat, der keiner mehr ist

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Von: Klaus Ehringfeld

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Gefährliches Pflaster in Port-au-Prince: „200 Entführungen pro Monat sind inzwischen die Regel.“ Imago Images
Gefährliches Pflaster in Port-au-Prince: „200 Entführungen pro Monat sind inzwischen die Regel.“ © imago images/Agencia EFE

500 Tote in zehn Tagen: Haiti wird von kriminellen Banden terrorisiert. Die Mittelschicht flieht, die Ärmeren rutschen ins totale Elend. Internationale Hilfe bleibt aus.

Port-au-Prince – Als Anfang des Monats Hilfsorganisationen und die UN von kriegsähnlichen Gefechten in Cité Soleil, einem Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince, berichteten, schaute die Welt auch einmal wieder nach Haiti. Seither liefern sich waffenstarrende Milizen in dem Slum Straßenkämpfe, fackeln Hütten ab, entführen, töten und verbrennen Menschen. Mindestens 500 Tote seien zu beklagen, vermutlich aber sehr viel mehr. Oft würden die Leichen an Ort und Stelle verbrannt. Hunderttausende Menschen waren zeitweise eingeschlossen, ihnen fehlten Trinkwasser, Nahrung und medizinische Versorgung.

Cité Soleil liegt nahe dem Hafen der Hauptstadt und ist einer der größten Slums Lateinamerikas. Die Gangs G9 und GPEP kämpfen hier um den Zugang zu Treibstoffreservoirs, die in Haiti zentral für Transport und die Energieversorgung mit Dieselgeneratoren sind. Aber sie ringen auch um Routen und Reviere für Drogen- und Menschenhandel und für Waffenschmuggel. Während staatliche Sicherheitskräfte kaum zu sehen sind, geben Kriminelle wie Jimmy Chérizier, alias „Barbecue,“ Chef der G9, lokalen Medien große Interviews und sind im Land bekannter als Premierminister Ariel Henry.

Der Bandenkrieg eskaliert praktisch am Jahrestag der Ermordung von Präsident Moïse

Der Bandenkrieg um Cité Soleil fällt zusammen mit dem ersten Jahrestag der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse, der am 7. Juli 2021 in einem filmreifen Attentat von kolumbianischen Söldnern nachts in seinem Haus getötet wurde. Hintermänner und Hintergründe liegen auch ein Jahr später noch im Dunklen.

Die neue Eskalation der Gewalt und die fehlende Aufklärung des Attentats belegten, „wie furchtbar es um die Sicherheit und die politische Lage im Land steht“, sagt Richard Widmaier, Chef des Nachrichtensenders „Métropole“ in Port-au-Prince. Wer vor einem Jahr gedacht habe, Haiti sei nach dem Präsidentenmord auf dem Höhepunkt des Chaos, der Krise und der Unregierbarkeit angekommen, sehne sich beinahe ins Jahr 2021 zurück. „Jetzt ist die Situation noch mal deutlich schlimmer“, weiß Widmaier.

Haiti im Sommer 2022 ist ein Land ohne Präsident und ohne Staat, das immer tiefer in die Hände von kriegslüsternen Warlords fällt. Wer kann, der flieht. Aber diese „Somaliasierung“ Haitis, wie es Analysten nennen, findet fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Kampf um Cité Soleil war Agenturen und internationalen Medien gerade mal eine längere Meldung wert. Dazu trägt auch bei, dass der Karibikstaat, der sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, seit mehr als zweihundert Jahren ein Land im chronischen Chaos ist. Politische Instabilität, Umstürze und US-Interventionen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Haitis, das 1804 als erstes Land in Lateinamerika die Fesseln der Kolonialisten abwarf.

Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine verdrängt Haiti aus der Weltöffentlichkeit

Und so ist im langen Schatten des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine auch das ärmste Land der westlichen Hemisphäre weitgehend aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit gefallen, wie so viele Krisenherde im globalen Süden. „In der Tat mangelt es Haiti an Aufmerksamkeit. Der Krieg in der Ukraine ist dabei ein weiteres Element, das hinzu kommt,“ sagt Annalisa Lombardo, Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Port-au-Prince. Die Gründe für die derzeitige Situation seien vielschichtig und zu einem Gutteil lokal. „Doch der Krieg kommt sicher als Alibi gelegen“, fügt Lombardo im Gespräch mit der FR hinzu. Haiti sei aufgrund des Konflikts in Osteuropa „von der politischen und finanziellen Hilfsagenda der US-Regierung sowie anderer westlicher Nationen und multinationaler Organisationen“ gerutscht. „Es wird derzeit sehr wenig getan, um die politische Stabilität im Land wirksam zu fördern und die Sicherheit zu gewährleisten“.

Proteste gegen steigende Preise, Treibstoffmangel und Kriminalität. Pierrin/AFP
Proteste gegen steigende Preise, Treibstoffmangel und Kriminalität. © AFP

Richard Widmaier hingegen glaubt, dass die Internationale Gemeinschaft auch schon vor dem Ukraine-Krieg unter „Haitian Fatigue“, einer „Haiti-Müdigkeit“, litt. „Ich denke, dass unser Land gerade auch für seine Arroganz gegenüber der internationalen Gemeinschaft bestraft wird, mit der wir sie für all das Elend im Land verantwortlich gemacht haben“. Dabei wäre gerade jetzt ein unterstützender Blick auf die karibische Republik dringend geboten. „Vor dem Mord an Moïse steckte Haiti ja schon jahrelang in einer tiefen Krise, doch nach dem Verbrechen brachen der Staat und alle Institutionen weg, während die Menschenrechtslage immer verzweifelter wird“, unterstreicht Annalisa Lombardo.

Wer kann, versucht, in sichere Regionen Haitis zu gelangen

„200 Entführungen pro Monat sind inzwischen die Regel“, ergänzt Richard Widmaier. Vor allem die schmale Mittelklasse sei bedroht. Die meisten Opfer der Kidnappings seien Ärzte, Lehrerinnen, Rechtsanwälte und Geschäftsleute – aber sogar Friseurinnen werden zum Ziel. Die Lösegeldforderungen liegen selten unter 50 000 Dollar. „Daher steigt der Migrationsdruck der Mittelklasse in die USA und die Dominikanische Republik enorm an.“ Aber selbst die Ärmsten der Armen, wie diejenigen aus Cité Soleil, versuchten inzwischen, in sichere Regionen innerhalb Haitis zu gelangen.

„Reich wie ein Kreole“ - Haitis bittere Geschichte

Kolonialzeit: Vor gut 200 Jahren galt Haiti als die blühendste Kolonie der Welt: Der Stolz Frankreichs und Quelle scheinbar unerschöpflicher Gewinne für die weißen Herren. Haiti versorgte damals praktisch ganz Europa mit Kaffee und Zucker. „Reich wie ein Kreole“, war ein beliebtes Sprichwort im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Der Reichtum basierte auf der gnadenlosen Ausbeutung der von Westafrika nach Haiti verschleppten Sklav:innen, die sich 1791 gegen ihre Unterdrücker erhoben und sie schließlich 1804 vertrieben hatten. Haiti war das erste Land Lateinamerikas, das sich von den Fesseln der Unterdrückung befreite.

Neue Eliten: Nach der Unabhängigkeit rangen die neuen Eliten bitter um die Macht, aber nicht im Interesse des Landes, sondern im eigenen. Sie traten in gewisser Weise das ideelle Erbe der alten Eliten an, die sie gerade vertrieben hatten. „Je suis là, je prends tout“ (Ich bin dran, ich nehme alles) war das Prinzip der Machthaber. Für die Herausbildung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen war in Haitis gewaltvoller Geschichte kein Platz. Damals wie heute nicht.

Gewaltherrschaft: Zwischen 1843 und 1915 regierten 22 Staatschefs die Republik, von denen nur einer sein Mandat beendete und die große Mehrzahl gestürzt wurde. 1915 besetzten die USA den Karibikstaat unter dem Vorwand, die anhaltenden Unruhen gefährdeten Leben und Eigentum ihrer Landsleute. Erst nach 19 Jahren zogen die Besatzer wieder ab. Aber die Strukturen blieben unverändert und ermöglichten Erb-Diktaturen wie die von Vater und Sohn Duvalier. Die fast dreißigjährige Gewaltherrschaft von François („Papa Doc“) und Jean-Claude („Baby Doc“) Duvalier zwischen 1957 und 1986 trug wesentlich zu Haitis Rückständigkeit bei. Auch danach kam – und kommt – das Land nicht zur Ruhe. keh

Zur Serie: Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt. Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein.

In der dritten Folge am Montag, 1. August, beschreibt Korrespondent Johannes Dieterich, wie die Menschen im Sudan sich gegen die Herrschaft des Militärs wehren.

Für den Ort mit einer halben Million Einwohner:innen passt das Wort Slum nur unzureichend. Es ist eine Ansammlung von Hütten aus rostigem Wellblech, Planen und Platten, hingestellt dahin, wo andere Unrat und Exkremente verklappt haben. In der Regenzeit steht in den Unterkünften das schwarz schimmernde Brackwasser knöcheltief. Orte, wo sich zwischen Pfützen und Abfall alle Probleme Haitis versammeln: Dreck, Hunger, Armut, Gewalt und die fast vollständige Abwesenheit eines funktionierenden Staates. Solche Orte gibt es viele in Port-au-Prince. Sie haben verräterische Namen wie Sonnenstadt (Cité Soleil), Gottesstadt (Cité de Dieu) oder Ewige Stadt (Cité L’ Eternel). Aber es sind Plätze, die dem Schatten, der Hölle und der Vergänglichkeit nahe sind.

Richard Widmaier ist Chef des Nachrichtensenders „Métropole“. Über sein Land spricht er mit Galgenhumor.
Richard Widmaier ist Chef des Nachrichtensenders „Métropole“. Über sein Land spricht er mit Galgenhumor. © Klaus Ehringfeld

Und die Banden, von denen es landesweit 150 geben soll, übernehmen immer mehr die Kontrolle über Haiti. Auf 60 Prozent des Territoriums regiere inzwischen die Organisierte Kriminalität, schätzen Sicherheitsfachleute. „Wir sind Zeugen der Entstehung eines Somalia in Amerika“, orakelt Ralph P. Chevry vom „Haitianischen Zentrum für sozioökonomische Politik“ (Hacsep) in Port-au-Prince. Damit bezieht er sich auf das afrikanische Land, das nach 1991 in einen blutigen Konflikt zerfiel, in dem Clans, Warlords, Banden und Privatmilizen vor allem in der Hauptstadt Mogadischu selbst um einzelne Straßenzüge kämpften.

Ist der aktuelle Premierminister selbst in den Mord an Moïse verstrickt?

Weil es derzeit keinen Präsidenten gibt, wird Haiti von Ariel Henry regiert, einem zwielichtigen Premierminister, bei dem nicht klar ist, inwiefern er selbst in den Mord an Moïse verstrickt ist. Dieser hatte Henry einen Tag vor seinem Tod noch ernannt. Die fällige Präsidentenwahl ist aus Sicherheitsbedenken auf unbestimmte Zeit verlegt.

Demokratische Stabilität hat sich in Haiti nie ausgebildet. In den 26 Jahren, seit Diktator Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier 1986 ins Exil floh, hat das Land 21 Präsidenten verschlissen. Kaum einer erreichte das Ende seines Mandats, manche regierten nur Tage. Jovenel Moïse immerhin amtierte viereinhalb Jahre, bevor er nachts in seinem Haus im Schlaf mit zwölf Kugeln exekutiert wurde.

Haiti, einst blühendste Kolonie der Welt, ist heute ein unfassbares Armenhaus. Auf dem UN-Entwicklungsindex fand sich die Inselrepublik im Jahr 2020 auf Platz 170 von 189 Staaten. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei rund 1320 Dollar und damit mehr als fünfmal niedriger als in der benachbarten Dominikanischen Republik. Ohne die Hilfe der Internationalen Gemeinschaft und die rund drei Milliarden Dollar, die im Ausland lebende Haitianer:innen jährlich an ihre Angehörigen überweisen, stürben Hunderttausende den Hungertod.

Fast die Hälfte von Haitis Bevölkerung ist auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen

So ist die Bestandsaufnahme tragisch und die Aussicht auf irgendeine Besserung illusorisch. „Die Kombination aus Gewalt, chronischer Brennstoffknappheit und dem institutionellen und politischen Vakuum führt zu einem beispiellosen sozioökonomischen Chaos und vor allem einer alarmierenden Ernährungsunsicherheit“, sagt Welthungerhilfe-Landesdirektorin Lombardo. 4,4 Millionen Menschen in Haiti – fast die Hälfte der Bevölkerung – sind auf sofortige Nahrungsmittelhilfe angewiesen. 1,2 Millionen von ihnen leiden unter schwerem Hunger. Über eine Million Haitianerinnen und Haitianer befinden sich in einer Situation, die als Notlage eingestuft wird.

Und die Auswirkungen des Ukraine-Krieges verschärften all diese Krisen nur noch weiter, sagt Lombardo. Aber nicht einmal jetzt komme es der Regierung in den Sinn, mit der Opposition oder der Zivilgesellschaft gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, kritisiert die Expertin. Hinzu kommt, dass die Anführer der Banden immer häufiger offen politisch Stellung beziehen – manchmal, um die Regierung zu unterstützen, manchmal, um sie zu untergraben –aber immer, um Chaos zu stiften.

Vier Ermittlungsrichter haben hingeschmissen - teils wegen Morddrohungen

Und die Mordakte Moïse? 42 Verdächtige sind in Haiti im Gefängnis, darunter die 18 kolumbianischen Söldner. Weitere Beschuldigte, die als Hintermänner gelten, sitzen in den USA und Jamaika in Untersuchungshaft. Mittlerweile ist der fünfte Ermittlungsrichter mit der Aufklärung befasst. Die vier vorherigen haben zum Teil nach Morddrohungen hingeschmissen. Im Oktober brannte das Büro nieder, in dem die Beweismittel aufbewahrt wurden.

„Ich bin sehr pessimistisch bezüglich der Aufklärung“, sagt Samuel Madistin, der zwei der Inhaftierten verteidigt. „Die Tat ist jetzt ein Jahr her, und es gibt keine nennenswerten Fortschritte bei den Ermittlungen.“ Je länger die Untersuchung eines Verbrechens dauere, desto geringer seien die Chancen, die entscheidenden Beweise zu finden, sagt der Anwalt.

Richard Widmaier, der „Métropole“-Senderchef, bleibt angesichts des drohenden Zusammenbruchs seines Landes nur noch Galgenhumor: „Die Infrastruktur und die grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen werden täglich schlechter, der Rechtsstaat ist nicht vorhanden.“ Aber genau wie in der Ukraine und anderen Ländern, in denen Gewalt und Krieg herrschten, gelte auch für Haiti: „Life goes on.“ (Klaus Ehringfeld)

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