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Niemand weiß, wie viele Arbeitskräfte von den Einschränkungen betroffen sind – wie groß also die Versorgungslücke werden könnte.

Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland

Wegen Corona-Krise: In der häuslichen Pflege droht der Notstand

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Viele Rund-um-die-Uhr-Betreuerinnen aus Ost- und Südosteuropa kommen wohl wegen der Reisebeschränkungen und der allgemeinen Unsicherheit nicht nach Deutschland. Das könnte hunderttausende alte und kranke Menschen betreffen, die auf die Versorgung angewiesen sind.

Neben den Erntehelfern gerät wegen der Corona-Krise eine weitere oft vergessene Berufsgruppe in den Fokus: die sogenannte 24-Stunden-Pflege. Hunderttausende Frauen aus Ländern wie Polen, Bulgarien oder der Ukraine wohnen in deutschen Haushalten und ermöglichen es alten und bettlägerigen Menschen, weiter in den eigenen vier Wänden zu leben. Doch viele von ihnen könnten dieser Arbeit bald fernbleiben und schwer zu schließende Lücken hinterlassen.

Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) schätzt, dass nach Ostern zwischen 100 000 und 200 000 Menschen nicht mehr zu Hause versorgt werden können. Denn viele der Frauen, die in den kommenden Wochen die Einreise geplant haben, um andere Betreuerinnen abzulösen, ändern ihre Pläne. Wegen der Grenzkontrollen, der ungeklärten Transportfrage, aber auch wegen gesundheitlicher Sorgen. Noch dramatischer ist die Lage aus Sicht der Stiftung Patientenschutz. Viele Betreuerinnen fehlten schon jetzt, sagte Vorstand Eugen Brysch. Der Sozialverband VdK forderte Hilfe für berufstätige Angehörige, wenn sie einspringen.

Zwar hatte das Bundesinnenministerium am Mittwoch erklärt, osteuropäische Pflegekräfte seien vom Einreiseverbot für Saison-Arbeitskräfte nicht betroffen und könnten mit einer Bescheinigung des Arbeitgebers die Grenze passieren. Allerdings gilt das nur für diejenigen, die legal in Deutschland arbeiten – und das ist in der Branche der 24-Stunden-Betreuung nur eine Minderheit von rund zehn Prozent, wie der VHBP schätzt.

Aufstand der Pflegekräfte

Eine wütende Petitionvon Pflegekräften an Gesundheitsminister Jens Spahn haben nach einer Woche schon fast 300 000 Menschen unterzeichnet:

Ein „Trauerspiel“sei die Lage der Pflegenden in der Corona-Krise, heißt es in dem Aufruf. Überall im Land fehlten Pflegefachkräfte. Doch kein zusätzliches Beatmungsgerät sei etwas wert, wenn niemand da sei, der es bediene.

Statt „warmer Worteund Merci-Schokolade“ seien politische Maßnahmen notwendig – unter anderem „eine sofortige Zusage über deutliche Lohnsteigerungen“. Außerdem müsse für ausreichend Schutzausrüstung für alle Pflegekräfte gesorgt werden, denn: „Es ist nicht wertschätzend, Kanonenfutter zu sein!“

www.change.org– Corona-Krise: Gemeinsamer Aufruf von Pflegefachkräften an Jens Spahn!

Generell ist die Branche wegen oft miserabler Arbeitsbedingungen immer wieder in der Kritik. Nach Angaben der DGB-Beratungsstelle Faire Mobilität bekommen die Frauen – die in der Regel keine pflegerische Qualifikation haben – zwar offiziell den Mindestlohn, arbeiten aber durch die Rund-um-die-Uhr-Betreuung meist deutlich mehr als die angegebene Wochenarbeitszeit.

Die Existenz dieses „grauen Pflegemarkts“ führt dazu, das niemand weiß, wie viele Arbeitskräfte von den Einschränkungen betroffen sind – wie groß also die Versorgungslücke werden könnte. Aus Sicht des Pflegewissenschaftlers Michael Isfort vom Institut für angewandte Pflegeforschung zeigt der befürchtete Personalengpass bei der häuslichen Betreuung, wie in der Corona-Krise lange verdrängte Versäumnisse in der Pflege an die Oberfläche gespült würden. Zu lange habe man den Einsatz der osteuropäischen Kräfte zwar geduldet, aber keine legale Lösung dafür gefunden.

Prekäre Beschäftigung

Linkspartei-Chef Bernd Riexinger kritisierte, „die völlig unzureichende Finanzierung der Pflege“ habe zu extrem prekären Beschäftigungsverhältnissen geführt. Er forderte, auch jenen, die nicht sozialversichert beschäftigt seien, die Möglichkeit zur Einreise zu geben. Auch sie seien „systemrelevant“. Pflegeforscher Isfort schlägt vor, eine Hotline für betroffene Familien einzurichten, bei der sie sich ohne Angst vor rechtlichen Problemen melden könnten, um erst einmal den Bedarf zu ermitteln. Dietmar Erdmeier, Experte für Gesundheitspolitik bei Verdi, rät Betroffenen, sich schnell an ihre Pflegeversicherung zu wenden.

Die Bundesregierung hat den Pflegekassen größeren „Gestaltungsspielraum“ in der häuslichen Versorgung eingeräumt. Was genau das für einspringende Angehörige mit Einkommensausfällen bedeutet, ist unklar. Eine Anfrage der FR ans Bundesgesundheitsministerium blieb am Donnerstag bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Am meisten Unterstützung für die Pflegebedürftigen kommt derzeit durch die Betreuerinnen selbst. Normalerweise kehren die meisten von ihnen nach etwa drei Monaten für mehrere Wochen zu ihren eigenen Familien zurück und werden abgelöst. Doch viele haben sich inzwischen bereiterklärt, ihren Aufenthalt um zwei bis drei Monate zu verlängern. Pflegeforscher Michael Isfort findet, auch sie hätten öfter Applaus verdient. Vor allem aber schulde man es den Frauen, dass die Politik nach der Krise endlich ernsthaft ihrer Situation in den Blick nimmt. (mit dpa)

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