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60 JAHRE DANACH

Ein "Hänschen Klein" für den Mörder in der Hölle von Stutthoff

Dora Love, geboren als Dora Rabinowitz im litauischen Klaipéda (damals Memel), erlebte im Konzentrationslager den Tod ihrer Schwester und ihrer Mutter mit. Sie selbst überlebte die Befreiung, die bei ihr auf besonders dramatische Weise verlief, schwer krank und geschwächt.

Der 26. April 1945 war ein kalter Tag. Wir wurden beim Morgengrauen vom Gebrüll der deutschen Aufseher geweckt, die immer nur "Raus, raus, raus!" riefen und uns zum Tor trieben. Die KZ-Aufseher trieben uns runter ans Meer, wo sieben Kutter auf uns warteten. Das Ganze war offenbar gut vorbereitet worden: Die Deutschen wollten die Spuren ihrer Verbrechen tilgen. Ein paar Motorboote zogen uns in den Kuttern aufs offene Meer hinaus und verschwanden dann.

Wir trieben siebeneinhalb Tage lang auf der Ostsee. Ohne Essen, ohne Trinken. In jedem Boot saßen vielleicht 40 Personen. Wenn jemand starb, wurde er über Bord geworfen. Unter uns war Einar Hjellmo, ein wunderbarer Norweger, der etwas vom Segeln verstand. Er schrie von Boot zu Boot: "Keiner trinkt! Trinken bedeutet den Tod." Auf diese Weise wurden viele gerettet. Am achten Tag rief Einar plötzlich: "Ich sehe Land." Gemeinsam mit einem Dänen - die beiden hatten im KZ Pakete vom Roten Kreuz bekommen und waren deshalb wesentlich fitter als wir - schwamm er zur Küste und kam mit zwei kleinen Booten zurück. Ich wurde gleich ins erste Boot geladen, weil ich nicht mehr stehen konnte.

Als wir an Land kamen, fand jemand einen Schubkarren, auf den sie mich setzten und in Richtung nächster Stadt marschierten: das war Neustadt in Holstein. Auf dem Weg begegneten wir deutschen Soldaten, die noch Waffen trugen. Doch als wir uns der Stadt näherten, warfen sie plötzlich ihre Gewehre weg und rannten davon. Von der anderen Seite kamen kurz später die ersten britischen Soldaten. Sie fragten uns, ob jemand Englisch spreche. Einer deutete auf mich, aber ich hatte ganz andere Probleme. Ich sah ein Gewehr auf dem Boden liegen, und da mein größter Wunsch war, wenigstens noch einen Deutschen zu erschießen, bevor ich sterbe, versuchte ich das Gewehr hochzuheben. Ich schaffte es allerdings nicht. Der britische Offizier sagte: "We are British." Ich fragte: "Und was sind wir? Gefangene?" Undeutlich hörte ich ihn noch etwas sagen, das wie "free" klang. Dann fiel ich in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Ich war ein knappes Jahr im KZ Stutthoff eingesperrt gewesen. Unser Lagerkommandant hieß Obersturmbannführer Krause. Er pflegte morgens auf dem Pferd ins Lager zu reiten und mit der Pistole auf Kinder zu schießen. Einmal hörte ich ihn sagen: "Ich schieße nie zweimal. Wenn ich sie nicht mit dem ersten Schuss treffe, dann können sie gehen." Er war offenbar stolz darauf, ein fairer Mensch zu sein. Eines Tages fand jemand ein ziemlich kaputtes Klavier. Ich konnte ihm ein paar Töne abringen und spielte "Hänschen klein ging allein". Als Krause das hörte, sagte er: "Oh, wie schön! Das sind die Lieder meiner Kindheit." An diesem Morgen ging er nicht zum Schießen. Da war mir klar, was ich tun musste. Jeden Morgen, wenn Krause auf seinem Pferd auftauchte, versammelte ich ein paar Kinder, mit denen wir "Kommt ein Vogel geflogen" oder eben "Hänschen klein" sangen. Dann wurde kein Kind erschossen.

Wir wurden aber auch zum Ausheben von Panzersperrgräben abkommandiert. Damals starben viele vor Erschöpfung in den Gräben. Sie wurden vom Totenkommando auf Holzkarren geladen und zum Krematorium geschafft. Dessen Schornsteine rauchten die ganze Zeit. Wir wussten das. Aber es machte uns kaum noch etwas aus. Wir waren völlig abgestumpft. Dann kam der Winter, mit viel Schnee. Bevor man sie ins Krematorium karrte, wurden die Toten morgens auf Haufen geschichtet. Wir verteilten die Leichname dann auf dem Boden, damit wir wie auf einem Teppich auf ihnen laufen konnten und nicht mit bloßen Füßen in den Schnee treten mussten.

Meine Schwester wurde förmlich von Läusen aufgefressen. Ihr ganzer Körper war von den Tieren bedeckt. Eines Tages hörte sie einfach auf zu atmen. Ich sah ihr zu. Sie war 17. Ich schämte mich, dass ich immer noch am Leben war. Andererseits war ich wild entschlossen, am Leben zu bleiben, um diese schreckliche Geschichte erzählen zu können.

Einmarsch der SS

Ich war in Memel aufgewachsen, einer deutschen Stadt, die der Versailler Vertrag Litauen zugesprochen hatte. Die deutsche Bevölkerung dort fühlte sich schlecht behandelt. Deshalb fiel es den Nazis später leicht, sie auf ihre Seite zu ziehen. Meine drei Geschwister und ich wuchsen mehr als komfortabel auf. Mein Vater war Alleinrepräsentant für edles Porzellan, Glas und Besteck in den baltischen und skandinavischen Staaten.

Als die SS einmarschierte, war mein Vater gerade im Ausland und meine Mutter nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Plötzlich tauchte Dr. Kurt Selwig, der Buchhalter meines Vaters, bei uns auf und rief: "Kinder, Kinder schnell in meinen Wagen." Wir durften jeder einen uns wertvollen Gegenstand mitnehmen: Ich packte ein Album aus der Schulzeit ein. Dr. Selwig brachte uns an die Grenze nach Litauen, wo wir von einem anderen Freund meines Vaters abgeholt wurden, der uns im litauischen Schaulen in ein Haus einquartierte.

Nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin marschierten die Russen im Juni 1939 in Litauen ein. Im Frühjahr 1941 kamen dann die Deutschen, die Russen flohen. Die Litauer halfen den Deutschen, indem sie jedes Haus markierten, in dem Juden lebten. Später ging dann die SS von Haus zu Haus, sammelte die Männer ein und sperrte sie in die Synagoge. Danach wurde die Synagoge mitsamt den Menschen darin angezündet. So geschah das fast überall in Litauen. Unter den Leuten, die an unsere Tür kamen, war ein gewisser Hans Elmer, in SS-Uniform. Hans war oft bei uns zu Hause in Memel gewesen, unsere Väter waren befreundet. Als er mich in der Tür sah, erstarrte er. Er sagte kein Wort, drehte sich um und rief den Leuten hinter ihm zu: "Keine Männer hier im Haus." Dann ging er weg, ohne sich noch einmal umzudrehen. Nach dem Krieg versuchte ich ihn zu finden, weil ich wissen wollte, wie er dazu kommen konnte, Männer für ihre Ermordung auszusondern. Ich habe ihn aber nie wieder gesehen.

Nach dem Einmarsch der Deutschen wurden wir ins Ghetto in Schaulen gebracht. Eines Tages kamen Lastwagen ins Ghetto. Sie luden einige hundert Frauen und Männer auf. Es hieß, wir gingen zum Torf stechen - davon hatte ich noch nie zuvor gehört. Wir wurden in ein Moorgebiet gebracht, wo wir bis zur Hüfte im Wasser stehend arbeiten mussten. Es wurde Winter, und wenn die Leute vor Erschöpfung umfielen, ließ man sie einfach im eiskalten Wasser zurück. Morgens fuhren meist drei Lastwagen zur Arbeit hinaus, abends kam oft nur einer mit den Überlebenden zurück.

Häftlingsnummer 53799

Am 1. Juni 1944 holte uns die SS für den Transport ins KZ ab. Es dauerte Tage, bis wir in Stutthoff ankamen. In den Waggons gab es weder Wasser, noch Toiletten, noch sonst etwas, nicht einmal Luft. Ich war mit meinem Vater, meiner Mutter und meiner jüngeren Schwester im selben Waggon. Aber als wir in Stutthoff ankamen, verloren wir meinen Vater aus den Augen. Im Gegensatz zu den Gefangenen in Auschwitz wurde uns keine Nummer auf die Haut gebrannt - unsere Nummern waren auf den Häftlingskleidern aufgenäht. Ich war Nummer 53799. Das ist etwas, das man erst einmal lernen muss: keine Person mehr zu sein, sondern nur noch eine Nummer.

Jemand sagte mir, am Zaun zum Männerteil des Lagers warte mein Bruder. Moses war bereits zuvor nach Stutthoff gebracht worden. Er war erwischt worden, wie er Leute aus dem Ghetto schmuggelte. Zur Strafe hatte ihm die SS in beide Knie geschossen. Er konnte nur noch mit Krücken - das heißt: zwei umgekehrten Besen - gehen. Krüppel wurden im KZ normalerweise als erste erledigt. Doch seine Freunde konnten Moses in der ersten Nacht verstecken. Als er hörte, dass der Transport aus Schaulen angekommen war, kam er an den Zaun und fragte nach Dora Rabinowitz. Als ich kam, sagte er zu mir: "Sag' Mama, dass ich Arbeit in einer Fabrik bekommen habe, weil ich so gut Deutsch spreche. Ab morgen werde ich nicht mehr hier sein." Ich erzählte meiner Mutter, was mir Moses aufgetragen hatte, sie glaubte aber kein Wort. "Ja, ja, ich war eine glückliche Mutter", sagte sie nur: "Ich hatte vier wunderbare Kinder. Und Moses war der beste." In den kommenden Wochen wurde sie schwächer und schwächer. Eines Tages sagte meine Mutter zu mir: "Ich fühle mich so schrecklich müde." Ich legte meinen Arm um sie, kurz später war sie tot.

Als ich nach der Kapitulation der Deutschen im Landeskrankenhaus von Neustadt/Holstein aus der Bewusstlosigkeit aufwachte, war ich alles andere als glücklich. Man sagte mir, dass ich offene Tuberkulose hätte und das Zimmer nicht verlassen dürfte. Wieder war ich eingesperrt

Weil das deutsche Pflegepersonal nicht wusste, wie sie mit mir umgehen sollten, fragten sie den britischen Sanitätsdienst, ob die nicht mal mit mir reden könnten. So kam eines Tages ein britischer Sanitäter auf Besuch, der von einem Offizier namens Frank Love begleitet war. Ich weiß nicht, was dieser unglaublich gut aussehende Mann - sechs Fuß groß, sehr klug, sehr kompetent, überall respektiert - damals an mir fand. Doch von da an besuchte mich Frank jeden Tag im Krankenhaus, und ein gutes halbes Jahr später heirateten wir.

Dora Love, Johannesburg

Aufgezeichnet von Johannes Dieterich

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten von den letzten Wochen des Krieges im Dossier 60 Jahre Kriegsende

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