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Blair wusch seine Hände in Unschuld. Die Demonstranten meinen, an seinen Händen klebe Blut.

Tony Blair

Der Händewäscher

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Großbritanniens Ex-Premier Blair rechtfertigt die Irak-Invasion vor dem Untersuchungsausschuss. Und er verzichtet darauf, Reue zu demonstrieren. Von Barbara Klimke

LONDON. Tony Blair nahm den Seiteneingang. Der Anblick des kleinen Käfigs vor dem Gebäude, in dem ein Doppelgänger mit Gummimaske seine blutrot bemalten Hände durch die Gitterstäbe streckte, blieb ihm so erspart. Tony Blair, Premierminister Großbritanniens von 1997 bis 2007, wurde am Freitag erstmals öffentlich vor einem Gremium befragt, das versucht, die Umstände der britischen Irak-Invasion im März 2003 an der Seite der USA zu klären. Seine Meinung über den Militäreinsatz, hat Blair freilich nicht revidiert: Er hält den Krieg für gerechtfertigt.

Während der sechsstündigen Anhörung wies Blair den Verdacht zurück, dass er auf einen geheimen Deal mit dem früheren US-Präsidenten George W. Bush eingelassen habe. Der damalige britische Botschafter in Washington, Sir Christopher Meyer, hatte von einem "Blutschwur" gesprochen, der 2002 auf Bushs Ranch geschlossen wurde. Blair hingegen behauptete, jederzeit offen gewesen zu sein, was seine Unterredungen mit Bush betraf: Saddam Hussein sei durch seine Verletzung der UN-Resolutionen, den Einsatz chemischer Waffen gegen sein eigenes Volk, "eine Bedrohung, ein Monster" gewesen. Die Weltgemeinschaft habe mit diesem Problem umgehen müssen: "Die Methode war offen."

Blair, dunkler Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte, wirkte nervös und angespannt. Vor der ersten Antwort umklammerten seine Hände eine Wasserflasche. Er verzichtete darauf, wie einige seiner ehemaligen Kabinettskollegen Reue zu demonstrieren; er legte der Kommission nicht, wie der frühere Außenminister Jack Straw, ein schriftliches Communique vor; er unternahm auch nicht den Versuch, das Publikum mit seinem Charme zu gewinnen. Stattdessen blieb er bei seinen Rechtfertigungen ernst und konzentriert.

Die Unterstellung, dass dem Kriegsbeschluss "eine Lüge, Verschwörung oder Täuschung" zugrunde liege, sei falsch, erklärte er dem Gremium: "Es war eine Entscheidung; eine Entscheidung, die ich traf." Nach den El-Kaida-Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA habe sich die Einschätzung der von Saddam ausgehende Bedrohung "dramatisch" verändert: "Von da an konnte man bei solchen Fragen kein Risiko mehr eingehen."

Dies, betonte Blair, sei keinesfalls die amerikanische Überzeugung gewesen, sondern seine eigene. Er ging "ohne jeden Zweifel" davon aus, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besaß, auch wenn UN-Inspektoren keinen Hinweis auf ein solches Arsenal fanden. Der Kehrseite eines Krieges, sagte er, sei er sich bewusst gewesen. Nach seiner Überzeugung gibt es allerdings Militäreinsätze, die moralisch gerechtfertigt sind wie in jüngster Vergangenheit im Kosovo, in Sierra Leone oder eben im Irak. Die Welt sollte sich nicht täuschen, prophezeite Blair: Wahrscheinlich müssten schon in naher Zukunft Staatschefs erneut eine solche Entscheidung nach ihrem Gewissen fällen.

Doch nicht alle Briten denken so: Den ganzen Tag harrten rund zweihundert Demonstranten vor dem Konferenzzentrum aus, die Blair für einen Kriegsverbrecher halten. Weil die Umstände der Invasion nach wie vor so umstritten sind, hatte der Kommissionsvorsitzende John Chilcot diesmal die Öffentlichkeit eingeladen - im Gegensatz zu zwei vorausgegangenen Ausschüssen zum Irak-Krieg. Das Interesse war groß: Dreitausend Briten hatten sich für die knapp hundert Plätze im Sitzungssaal beworben. Die Anhörung war außerdem, wie bei jeder Sitzung, per Live-Stream im Internet zu verfolgen .

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