Glauben und Wissen

Wir haben uns vertan

Der Kölner Kardinal hat die Pille danach in katholischen Krankenhäusern zugelassen und mit einem Dogma gebrochen. Er befindet sich in bester Gesellschaft.

Von Frederik Bombosch und Annika Leister

Der Schutz eines Menschenlebens gilt uneingeschränkt und von der Zeugung an.

Er entschuldigte sich zwar bei dem Vergewaltigungsopfer, dem in zwei katholischen Kliniken in Köln die Behandlung versagt wurde. Doch beim Verbot der „Pille danach“ blieb Joachim Kardinal Meisner – erst einmal – hart. Der „Schutz des ungeborenen Lebens“ gelte schließlich von der Zeugung an. Nur eine Woche später vollzog der 79-jährige Hardliner eine sensationelle Kehrtwende, weil er nach einer Beratung mit Experten „neue Erkenntnisse“ gewonnen habe. Nun unterscheide er zwischen der verhütenden Wirkung der „Pille danach“ und einer Abtreibung im frühesten Stadium. Um eine „verbrecherische Befruchtung“ zu verhindern, so Meisner, sei es seiner Meinung nach „ethisch vertretbar“ Mittel zu verabreichen, deren Ziel die Verhinderung der Zeugung ist.

Na bitte, es geht doch. Zwar brauchte es einigen Druck, aber im Herbst seines Lebens hat sich Joachim Meisner zur Schar derer gesellt, die ein unhaltbares Dogma als solches erkannt und ihren Standpunkt korrigiert haben. Wir hätten noch einige Vorschläge, welche anderen Grundsätze Meisner und seine Brüder gerade jetzt zum Karneval über Bord werfen könnten. Aber davon soll diese Seite nicht handeln. Stattdessen erinnern wir an zehn Wahrheiten, die einst unumstößlich schienen, obwohl sie es doch in Wirklichkeit gar nicht waren.

Freie Märkte sind effizient.

Der frühere US-Zentralbankchef Alan Greenspan war ein großer Freund freier Märkte. Liberalisiert und dereguliert würden gerade die Finanzmärkte die Welt zu Glück und Reichtum führen, dachte er. Ein Jahr nachdem seine Memoiren „Mein Leben für die Wirtschaft“ erschienen waren, brach die US-Bank Lehman zusammen und zog das Weltfinanzsystem mit sich. „Ich habe furchtbar viele Fehler gemacht“, gestand Greenspan 2010.
Das Lob des Marktes ist verstummt. Doch die Devise lebt weiter und wird in Südeuropa umgesetzt: Dereguliert, privatisiert soll dort die Wirtschaft den Menschen Glück und Reichtum bescheren. (kau.)

Frauen können das nicht.

Wer in den 70er- oder 80er-Jahren in Westdeutschland aufgewachsen ist, der erlebte eine scheinbar naturgegebene Ordnung. Vati fuhr morgens zur Arbeit, reparierte die Fahrräder, und wenn man abends den Fernseher einschalten wollte, musste man ihn erst fragen. Mutti ging vormittags einkaufen, stellte mittags das Essen auf den Tisch und saß immer auf dem Beifahrersitz.
Und wenn man als Mann keine Fahrräder reparieren oder als Frau nicht einkaufen wollte? Dann hatte man ein Problem.
Wie befreiend ist es dagegen heute. Sicher: In den Yogagruppen sind immer noch viel mehr Frauen als Männer, Männer betatschen Frauen häufiger als umgekehrt, sie verdienen mehr und nehmen nur ein Bruchteil der Elternzeit. Aber vieles hat sich verändert, oder? (fred.)

Deutschland ist kein Einwanderungsland.

Deutschland war immer ein Einwanderungsland. Es kamen Vertriebene, Gastarbeiter, Flüchtlinge. „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ aber schrieb die schwarz-gelbe Regierung 1982 in ihren Koalitionsvertrag. Die, die kamen, waren die Fremden. Fremdenfeindlichkeit schlug um in Gewalt, Asylbewerberheime brannten. Der Spruch „Das Boot ist voll“ prägte sich ein.
Aber die Volles-Boot-Haltung war nicht unbedingt eine Frage von Parteizugehörigkeit. Auch SPD-Innenminister Otto Schily setzte auf Abschottung.
Inzwischen setzt die unionsgeführte Regierung auf Integrationsgipfel. Die erste türkischstämmige Ministerin trat 2010 ihr Amt an, im CDU-geführten Bundesland Niedersachsen. Die Realität hat sich durchgesetzt. (vat.)

Die Menschheit lässt sich in Rassen einteilen.

Menschen im Zoo? Dass Leute aus anderen Weltgegenden hier in Europa in sogenannten Völkerschauen vorgeführt wurden, ist heute kaum noch vorstellbar. Aber das gab es – bis ins 20. Jahrhundert hinein. Etwa in Hagenbecks Tierpark in Hamburg, wo man „Eskimos“ und „Beduinen“ zeigte. Eine exotische Veranstaltung, könnte man meinen, doch steckte dahinter ein rassistischer Zeitgeist mit tödlichen Folgen. 1978 hielt die Unesco fest: „Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit.“ (hahe.)

Homosexualität ist eine Krankheit.

Wir stehen belustigt im Konfetti-Regen der Paraden am Christopher-Street-Day, wir prosten fröhlich den Lesben und Schwulen zu, die auf dem Standesamt den Bund fürs Leben geschlossen haben. Und dann können wir es kaum glauben: Bis 1992 galt Homosexualität offiziell als Krankheit. Zumindest nach den Regularien der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die 1948 gegründete UN-Organisation erfasst Erkrankungen in einem Katalog, der International Classification of Diseases (ICD). Die ICD führt systematisch Krankheiten und Todesursachen auf – und weist ihnen einen bestimmten Code zu. Ärzte können mit den ICD-Notationen ihre Diagnosen international verständlich verschlüsseln. 1992 war endlich Schluss mit dem Kürzel 302.0, das für Homosexualität stand. Dass Homosexualität „heilbar“ sei, wird aber weiterhin gern geglaubt. Übrigens: In mehr als 70 Ländern der Welt sind homosexuelle Handlungen immer noch strafbar. (hahe.)

Selbstbefriedigung macht impotent.

Der männliche Samen ist ein begrenztes Gut, hieß es einst. „Tausend Schuss, dann ist Schluss,“ war ein bekannter Spruch, der pubertäre Jungen von der Selbstbefriedigung abhalten sollte. Heute weiß man, dass die Natur geradezu überboardend verschwenderisch Samenzellen produziert.
Der Begriff Onanie geht auf eine Geschichte in der Bibel zurück. Onan machte beim Sex mit der Witwe seines Bruders kurz vor dem Höhepunkt einen Rückzieher. Sein wertvoller Samen ging daneben. Gott ließ Onan zur Strafe sterben. Da war die Sache für die Kirche klar: Jeder sinnlos verschleuderte Samen ist eine Sünde. Heute gilt Selbstbefriedigung als gesund. Masturbieren soll sogar das Risiko für Prostata-Krebs senken. (ali.)

Die Atomkraft ist unverzichtbar.

Es ist eine ganze Weile her, dass es in Deutschland einen Atomminister gab. Franz Josef Strauß (CSU) trug den Titel in den 50er-Jahren mit Stolz. Die Atomkraft galt als die Zukunftsenergie schlechthin. Die Skeptiker demonstrierten, lieferten sich Schlachten mit der Polizei vor AKW-Baustellen. Einige von ihnen gründeten eine Partei, die Grünen. Sie waren erst die belächelten und misstrauisch beäugten Außenseiter im politischen Betrieb. Inzwischen haben die großen Parteien ihr Programm aufgesogen – allerdings nicht unbedingt aus inhaltlicher Überzeugung. Der SPD drängten die Grünen den Atomausstieg in der rot-grünen Regierung auf. Die CDU brauchte etwas länger.
Auch die Naturwissenschaftlerin Angela Merkel schätzte die Chancen weit größer ein als die Risiken und nahm den rot-grünen Ausstieg zurück. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima änderte Merkel über Nacht ihre Meinung. Plötzlich war Atomkraft nicht mehr unverzichtbar, sondern durch erneuerbare Energien ersetzbar. Ein wesentlicher Grund für den Schwenk war die Einschätzung, dass die Wähler keine Pro-Atom-Partei mehr wählen würden. Für alle Zweifler betont die Kanzlerin, der Ausstieg sei unumkehrbar. (vat.)

Die Erde ist eine Scheibe.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. So heißt es in der Schöpfungsgeschichte im Ersten Buch Mose. Doch was sah Gott laut Genesis? Eine flache Erdscheibe im Wasser? Oder eine Kugel, bedeckt von Meeren und Landmassen?
Die Bibel hält sich da bedeckt. Doch das frühe Christentum folgte meist den alten Griechen in ihrer Sicht auf die Welt – und die gingen von einer Kugel aus. Es ist einer der gewaltigsten Irrtümer der Neuzeit, dass Menschen auf dem Scheiterhaufen gelandet seien, wenn sie dem Dogma der flachen Erdscheibe nicht folgen mochten. Lediglich in den sehr frühen Kulturen und bei wenigen Autoren des frühen Christentums findet sich die Vorstellung einer Weltenscheibe.
Die Griechen hingegen wussten bereits, dass die Erde eine Kugelgestalt hat. Pythagoras (580-500 v. Chr.) erkannte sie als den harmonischsten Körper. Und Eratosthenes von Syrene (296-194 v. Chr.) gelang als erstem die genaue Berechnung des Umfanges von 40?000 Kilometer.
Der Streit des Mittelalters ging um eine andere Frage: Dreht sich die Sonne um die Erde oder ist es umgekehrt? (khk.)

Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.

Feierlich nahm Erich Honecker am 14. August 1989 von den Werktätigen des Kombinat Mikroelektronik Erfurt die ersten Funktionsmuster eines 32-bit-Mikroprozessors entgegen. Überwältigt sprach der Generalsekretär: „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.“
Es war sein Lieblingsspruch, August Bebel soll der Urheber sein, aber das ist nicht belegt, nur, dass er aus der deutschen Sozialdemokratie des späten 19. Jahrhundert stammt. Ihre Theoretiker glaubten unbeirrbar an den Sieg des Sozialismus, Karl Kautsky sprach von ihm gerne als „Naturnotwendigkeit“. Honecker sah sich ganz in dieser fortschrittsgläubigen Tradition, auch noch, als im Herbst 1989 sein Sozialismus den Bach runter ging und Gorbatschow vor dem Zu-spät-kommen warnte, hielt er, unbelehrbar von der Wirklichkeit, an dem überlebten Dogma fest.
Demonstranten schrieben in den Wendetagen auf ihre Transparente: „Die Demokratie in ihrem Lauf, hebt weder Ochs noch Esel auf“. So ergeht’s Dogmen, wenn Geschichte gemacht wird. Honeckers Spruch lebt aber noch – auf einem Zollstock für 4,95 Euro im Ostprodukte-Versand. (tl.)

Die Wehrpflicht ist das legitime Kind der Demokratie.

Es hat enorme Debatten gegeben, als Konrad Adenauer 1956 die Wiederbewaffnung Deutschlands durchsetzte. Mittels Wehrpflicht ließen sich schnell hohe Soldatenzahlen erreichen. Sie schien auch besser zu passen zum neuen demokratischen Deutschland. „Die Wehrpflicht ist das legitime Kind der Demokratie“, hatte Theodor Heuss schon 1949 gesagt.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die Bundeswehr kleiner. Die Parteien haben sich dennoch schwergetan mit der Abschaffung der Wehrpflicht. Die SPD laborierte an Mischmodellen. Die Union stand zur Wehrpflicht wie zu einem Glaubensbekenntnis. Dann ging es ganz schnell: Der Verteidigungsetat wurde gekürzt. Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) reagierte mit der Aussetzung der Wehrpflicht. Sein Star-Status half: Die CDU folgte ohne Murren. (vat.)

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