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Hurrikan „Dorian“ hat die nördlichen Inseln der Bahamas Mitte September völlig verwüstet.

Zukunft

Klimawandel: Wir haben noch zehn Jahre - oder?

Ein Blick auf die Entwicklungen zeigt eindeutig: Um die Folgen des Klimawandels zu mildern, bleibt nicht mehr viel Zeit.

Von einigen Mistreiter*innen höre ich immer wieder: „Wir haben nur noch zehn Jahre Zeit, um die Welt zu retten!“. Wenig verärgert mich innerhalb der Klimaschutzbewegung so sehr wie dieser Satz. Denn er klingt für viele so, als hätten wir noch zehn Jahre Zeit, um uns von unserer aktuellen Klimapolitik abzuwenden – ein fataler Trugschluss.

Deshalb macht es Sinn, nachzuprüfen, woher dieser Trugschluss kommt. Die Aussage bezieht sich auf die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze. So weit, so gut. Eine Überschreitung von 1,5 Grad Erwärmung würde dramatischste Folgen haben und in vielerlei Hinsicht das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten.

Klimawandel gefährdet weltweit Korallenriffe

Mehr als 99 Prozent der Korallenriffe weltweit würden zugrunde gehen und mit ihnen unzählige Arten, die auf das intakte Ökosystem der Riffe angewiesen sind. Korallenriffe werden zurecht als „Regenwälder der Meere“ bezeichnet, denn nirgends im Meer findet sich eine vergleichbare Artenvielfalt. Diese Riffe sind der Grund für den Reichtum der Regionen an Fischen – und bilden so die direkte Lebensgrundlage von Millionen von Menschen in tropischen Ländern. Diese Lebensgrundlage würde mit den Riffen verloren gehen, ebenso wie der Schutz der Küsten vor Fluten, den die Riffe bilden. 

In Kombination mit dem steigenden Meeresspiegel und durch die Klimakrise immer stärkeren Wirbelstürmen ist das eine verheerende Botschaft für die betroffenen Länder. Klimaforscher schätzen, dass hunderte Millionen Menschen auf die Riffe angewiesen sind. Weiter stellt der Weltklimarat nüchtern fest, dass bei einer Erwärmung von zwei Grad doppelt so viele Menschen zusätzlich unter Wasserstress leiden würden wie bei 1,5 Grad Erwärmung. Schon heute brechen Konflikte um Wasser aus – eine Erwärmung über 1,5 Grad würde ganze Regionen destabilisieren. 

Klimawandel erwärmt die Meere und führt so zu Wirbelstürmen

Auch die harten physikalischen Folgen haben es in sich. Die Erderhitzung zeigt sich durch die Aufnahme von Wärme, doch über 90 Prozent dieser Wärme spüren wir im Alltag gar nicht– der Großteil wurde von den Meeren aufgenommen und hat so die Wassertemperaturen erhöht. Warme Wassertemperaturen sind wiederum Treibstoff für tropische Wirbelstürme. Die Lufttemperaturen steigen durch die Erderwärmung ebenfalls. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen und führt somit zu noch verheerenderen Wirbelstürmen. Die Folgen sind unübersehbar: Alleine in den letzten drei Jahren wurden Haiti, Puerto Rico und die nördlichen Bahamas völlig zerstört.

Aktuelles vom Klimakabinett: Koalition einigt sich auf Maßnahmen, Umweltschützer enttäuscht

Extremwetter nimmt aber auch direkt vor unserer Haustür zu. Klimaforscher erwarten eine (weitere) Zunahme von Starkregen, Hitzewellen und Dürren. Im Mittelmeerraum kommt ein weiteres Phänomen dazu: Italien, Griechenland und viele weitere Länder müssen sich auf immer stärker werdende Medicanes – also Wirbelstürme ähnlich kleineren Hurrikans – einstellen. 

Der Kollaps in der Antarktis hat schon begonnen

Bereits jetzt fürchten Forscher, dass der Kollaps von Teilen des westantarktischen Eises schon begonnen hat – inklusive eines Meeresspiegelanstiegs von etwa zwei Metern bis 2100, der weite Teile von Hamburg überfluten wird. Bei einer Erwärmung über 1,5 Grad wird es immer wahrscheinlicher, dass weitere unaufhaltsame Schmelzprozesse in Gang gesetzt werden. Das Tückische daran ist, dass der Meeresspiegelanstieg zeitversetzt stattfindet. Es dauert Hunderte von Jahren, bis die Eismassen geschmolzen sein werden – aufhalten ließe sich das große Schmelzen aber nicht mehr. 

Die Menschheit hat die große Macht, unseren Planeten grundlegend zu verändern – aber muss dann oft hilflos zusehen, welche Folgen sie angerichtet hat. Dass 1,5 Grad nicht überschritten werden dürfen, sollte also klar sein – aber was ist mein Problem mit den „zehn Jahren“?

Klimawandel: Das 1,5 Grad-Ziel ist jetzt schon gefährdet

Um die Erderwärmung (mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit) auf 1,5 Grad zu begrenzen, darf die Menschheit noch etwa 350 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. Das klingt zwar viel, doch jedes Jahr schwinden derzeit 40 Milliarden Tonnen von diesem Budget durch unser Handeln. Bei unveränderten Emissionen wäre das Budget also in etwa neun Jahren (etwas weniger als den zehn Jahren) aufgebraucht. Dann hätten wir aber noch gar nicht angefangen, unsere Emissionen zu reduzieren, hätten also keine Chance mehr, das 1,5- Grad-Ziel einzuhalten. 

Was stattdessen passieren muss, steht deutlicher als es kaum sein könnte im 1,5-Grad- Sonderbericht des Weltklimarats. Unsere weltweiten Emissionen müssen bis 2030 gegenüber dem Stand von heute um mehr als die Hälfte sinken. Richtig wäre also: „Wir haben weniger als zehn Jahre, um die weltweiten Emissionen zu halbieren“ – ein dramatisches Unterfangen ohne historisches Beispiel.

Soll der Klimawandel aufgehalten werden, müssen die Emissionen deutlich fallen

Aber es wird noch schwieriger: Die weltweiten Emissionen müssen bereits in den nächsten zwei, drei Jahren deutlich fallen, anders sind über 50 Prozent weniger Emissionen in zehn Jahren kaum zu schaffen. 

Und noch schwieriger: Die Klimakrise kann nur global gelöst werden, durch internationale Kooperation – also das Pariser Abkommen. Im Pariser Abkommen setzt sich jedes Land oder jeder Staatenbund Ziele. Diese Ziele können aber nur alle fünf Jahre erneuert werden, und die nächste Erneuerung steht 2020 an. Danach ist die nächste Chance 2025 – das wäre aber zu spät für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels. Für eine Erhöhung des Ziels für 2020, wie sie für 1,5 Grad zwingend notwendig wäre, müssen auch noch die politischen Prozesse ablaufen – das passiert Anfang 2020. Also in wenigen Monaten. 

Es wäre schön, wenn wir noch zehn Jahre hätten. Das ist aber falsch. Richtig wäre eher, dass wir nur noch wenige Monate für eine realistische Chance auf das 1,5-Grad-Ziel haben. Wir stehen am Scheideweg.

Von Sebastian Grieme

Sebastian Grieme studiert Physik und war an der Entwicklung der Forderungen von Fridays for Future beteiligt.

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