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Seit 30 Jahren steht Wolfgang Niedecken im Rampenlicht. 2002 sang er vor dem Brandenburger Tor für Rot-Grün, "die anderen würden es noch viel schlimmer machen".

Gutmensch ohne Image-Programm

Der Musiker Wolfgang Niedecken singt von der gerechten Gesellschaft und wundert sich, wozu Linke fähig sind

Von JÖRG SCHINDLER

Er trägt die Haare, als habe er sie gerauft. Er hat sich eine Art Trainingsjacke übergeworfen - "Herkules" steht darauf. Er muss nochmal aufs Töpfchen, dann kann es losgehen. Er lächelt, als er wieder kommt. "Ich bin der Wolfgang, setz' dich - wo fangen wir an?"

Ja, wo fängt man an mit Wolfgang Niedecken? Bei Licht betrachtet: Was hat der Kerl überhaupt in dieser Serie verloren, die sich ja doch um altgediente Linke drehen soll, wenn wir das richtig verstanden haben? Wo er doch links und rechts "irgendwie doof" findet. Wo er sich doch als "ideologischen Bastard" begreift. Wo er doch zur Linken gekommen ist "wie die Jungfrau zum Kind". Reiner Zufall, sagt der Wolfgang, "das glaubt ja wieder keiner".

Muss so Ende der Siebziger gewesen sein. BAP war gerade auf die Beine gekommen und nichts weiter als eine Band, die auf Kölsch rockt und zu buchen war. Damals, offen gestanden, noch eine fröhlich vor sich hin dilettierende Combo, aber die Konkurrenz war mau. Also wurden sie gebucht, für Konzerte gegen Atomwaffen und gegen Atomkraft, für Hausbesetzungen, für Frieden im allgemeinen und Nicaragua im besonderen. Lauter merkwürdige Leute, etwas ungehalten und etwas ungepflegt. Aber, dachte Niedecken: "Recht hamse." Und so war er plötzlich links. Und BAP die Band der Bewegung. So schnell kann's gehen.

Wobei das mit dem Linkssein ja auch nicht mehr ist, was es früher einmal war. Was war das schön, im letzten Jahrhundert, als der Gegner rechts stand und zweifelsfrei zu identifizieren war, weil er aussah wie - sagen wir: Peter Gauweiler oder Franz Josef Strauß. Weil er Aidskranke ein- und Ausländer aussperren wollte. Weil er Langhaarige für Staatsfeinde und Umweltschutz für Kokolores hielt. Weil er das Heer munter auf- und Menschenrechte munter abrüsten wollte. Wer das nicht so gut fand, der war automatisch irgendwie links. Und hatte ja auch eine Utopie, von der er bei Nacht und Nebel träumen durfte.

"Die ist ja nun weggebrochen", sagt Wolfgang Niedecken. Wie überhaupt alles komplizierter geworden ist. Wenn man also nur mal schaut, wer da jetzt von Berlin aus welche Truppen wohin schickt. Nichts gegen Soldaten, sagt Niedecken, "ich bin kein Friedenstäubchen, das ist mir in Nicaragua abhanden gekommen". Aber dass es ausgerechnet Rote und Grüne sind, die nun die Freiheit am Hindukusch verteidigen. Schon verwirrend. Genauso wie die Tatsache, dass da jetzt eine Partei dazu gekommen ist, die das Wörtchen "sozialistisch" im Namen trägt, einen auf friedensbewegt macht, "aber die höchste Offiziersdichte hat". Niedecken richtet sich wieder die Haare zu Berge. Und dann noch die Globalisierung! Links sein, das habe doch immer auch geheißen: für die kleinen Leute zu sein, also beispielsweise für solche, die Schuhe reparieren - "nur repariert heute ja keiner mehr Schuhe". Wenn die neuen aus Bangladesch neunzehnneunzig kosten. Und bei Opel fahren jetzt viele "sicher mit dem Mazda zur Demo". Widersprüche, wohin man blickt Niedecken wittert sie allenthalben. "Und ich kann sie nicht auflösen - das gesteh' ich mir ungeheuer ungern ein."

Er selbst ist sich dabei, das muss man ihm lassen, unheimlich treu geblieben. Seit 30 Jahren steht er inzwischen im Rampenlicht und ist heute mehr grau als dunkelblond. Er hat Heim und Garten und Frau und Kind. Er ist noch immer erfolgreich. Gerade war er auf Tour mit den "BAP-Logbüchern" der Jahre 2000 bis 2004, eher was für Insider, aber als er beispielsweise in Köln die Mayersche Buchhandlung heimsuchte, da war der Laden proppenvoll. Auch als Maler ist Niedecken längst in den Stand der Ehrwürdigen aufgerückt, seit seine Bilder sogar in der Bundeskunsthalle zu sehen waren. Und dass "der Wim", also Wenders, einen Film über ihn, den Wolfgang, gedreht hat, das heißt ja schon auch was. Anders gesagt: Niedecken ist Besserverdiener, er hat es nicht mehr nötig, unrasiert über ranzige Teppiche zu schlurfen, den kleinen Mann zu besingen und Gott und die Welt zu duzen. Aber er tut es. Und wie er da so sitzt auf seiner schweren Ledercouch und sich den Kopf zermartert darüber, was heute noch links ist, da meint man zu wissen, dass das keine Attitüde ist, kein Image-Programm. "Ich lass' mich noch immer von Emotionen mitnehmen", sagt Niedecken.

Deswegen steht er dazu, dass er damals, 1992 war's, "Arsch huh, Zäng ussenander" - für Nicht-Rheinländer: Arsch hoch, Zähne auseinander - gemacht hat, um gegen Neonazis zu rocken. Deswegen könnte er Pickel kriegen, dass heute "vier Nazis" im Kölner Stadtrat sitzen. Deswegen fasst er es nicht, was "das Bush-Amerika da jetzt durchzieht" und bewundert Jungs wie "den Bruce" oder auch den dicken Michael Moore, die dagegen anrennen wie der selige Quichote. Deswegen ist es keine Frage, dass er sich für eine Benefiz-Veranstaltung einspannen lässt, in der es um den Bau einer Schule in Guinea-Bissau geht. Und deswegen auch ist er in diesem Jahr, neben Tagesthemen-Moderatorin Anne Will, Botschafter der Kampagne "Gemeinsam für Afrika".

Einmal hat er dann aber doch gezögert. 2002 war's und Edmund Stoiber schickte sich gerade an, am Kanzleramt zu rütteln, da rief Thierse - pardon: "der Wolfgang" bei ihm in Köln an, um zu fragen, ob Niedecken ihm und seiner Partei nicht ein wenig Rückenwind verschaffen könne. Nur, wenn ihr euch endlich zu einer klaren Koalitionsaussage durchringt, antwortete der Barde dem Bärtigen. Danach passierte etwas Merkwürdiges: Binnen einer Stunde hätten plötzlich das Büro Schröder und das Büro Fischer bei ihm durchgeklingelt, erzählt Niedecken. Und eh' er sich versah, stand er am 15. September 2002 vor dem Brandenburger Tor und trällerte für Rot-Grün, während der Kanzler und sein Außenminister zum öffentlichen Händedruck schritten.

"Ich würd's wieder tun", sagt Niedecken heute. Schließlich hätten "der Joschka" und der Schröder das Land von diesem "völlig idiotischen" Irak-Krieg fern gehalten. Das sei doch schon mal was. Nicht, dass er mit den - nun ja: Linken an der Regierung restlos zufrieden sei. Dieses Rumgeeiere der ersten Jahre, dieses fast schon kölsche "Et hätt noch immer jot jejange", diese Angst vor der eigenen Courage. "Furchtbar", ächzt Niedecken. Und dann noch der Brioni-Kanzler: "Der war mir peinlich."

Aber: Immerhin passiere doch jetzt mal was. Immerhin hätten sie in Berlin jetzt endlich mal - mit Verlaub - den Arsch hoch gekriegt und würden die eine oder andere Reform anpacken. Dass das im Detail vielleicht nicht immer so furchtbar gut durchdacht sei, dass das mit der Gerechtigkeit für alle womöglich etwas zu vollmundig klinge, ja dass man vielleicht nicht einmal von einer dezidiert sozialen Politik sprechen könne: mag ja sein, findet Niedecken. Nur: Es könne ja wohl niemand ernsthaft glauben, dass die "Ellbogenfraktion" um Stoiber und Merkel zahmer mit ihrer Klientel umspringen würde. "Die anderen", davon ist Wolfgang Niedecken überzeugt, "würden es noch schlimmer machen."

Und außerdem: Wenn man bedenke, mit welchen Problemen Afrika so zu kämpfen habe, dagegen sei doch die Diskussion um Hartz, zwo, drei, vier ein "lauer Furz". Auch das meint er ernst. Er ist halt so. Man kann ihm nicht böse sein. Er ist ein netter Kerl. Wieso auch immer was zu mäkeln suchen? Noch so eine Linken-Neurose. Vielleicht reicht ja so wenig: Links sein, um nicht rechts werden zu müssen. Vielleicht wird man aber auch wirklich milder mit dem Alter. Er ist ja nun auch schon 53. Und in bester Gesellschaft. Man betrachte nur Grönemeyer oder Campino, der mit Punk noch so viel zu tun hat wie Otto Schily mit den Grünen.

Deswegen wird Wolfgang Niedecken, der bekennende Bob-Dylan-Jünger, auch weiterhin mit seiner Klampfe durch die Welt ziehen, für Afrika trommeln und sich nicht scheuen, Lieder zu singen, in denen Textzeilen vorkommen wie: "Keiner möht hungre, keiner wööt jequält,/keiner wöhr kniestisch (geizig), selvsverständlich wööt jedeilt,/et jööv kein Jründe mieh für Terror, Hass und Neid." Das Lied heißt "Wie schön dat wöhr". Sollen die Lästermäuler dieser Welt ihn als "Ein-Mann-Museum der frommen Denkungsart" verhöhnen. Wolfgang Niedecken wird sich nicht mehr ändern. "Lieber bin ich Gutmensch als Schlechtmensch, da kann ich mit leben."

Vielleicht muss man ja auch nicht immer gegen etwas sein. Dafür ist doch auch mal ganz schön.

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