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Noch heute faszinierend: Das Erbe des großen Stifters im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main.

Ein guter Mensch aus Frankfurt

Vorbild so vieler: Er hat zu Lebzeiten sein ganzes Vermögen für das Gemeinwohl der Frankfurter gegeben, er hat wegweisende Ideen gehabt und sie durchgesetzt. Die Stadt muss Johann Christian Senckenberg feiern.

Johann Christian Senckenberg, dessen 300. Geburtstag am 28. Februar gefeiert wird, war ein guter Mensch. Ein guter Mensch aus Frankfurt. Das ist nicht ironisch gemeint. Senckenberg war Arzt. In seiner Zeit galt er als guter Arzt. Doch das ist nicht der Grund für seinen Nachruhm. Er war ein Stifter. Ein großer Stifter. Verglichen mit einem heutigen Großstifter, erscheint er größer als Bill Gates, denn Senckenberg stiftete schon zu Lebzeiten sein gesamtes Vermögen für das Gemeinwohl.

Dass er ein großer Stifter werden sollte, wurde Senckenberg nicht in die Wiege gelegt. Sein Vater war ein angesehener Frankfurter Arzt, aber kein Krösus. Der Sohn besuchte die Schule in Frankfurt und sollte dann Medizin studieren. Doch die Finanzmittel der Familie reichten zunächst nicht. Erst 1730, mit 23 Jahren, immatrikulierte er sich an der Universität Halle. Zweifellos wurde er hier von der Stiftung des Pietisten August Hermann Francke beeindruckt, die zunächst nur ein Waisenhaus umfasst hatte, dann zu den Franckeschen Anstalten, fast eine Stadt in der Stadt, geworden war. Im Juli 1731 fand der Studienaufenthalt in Halle ein unerwartet rasches Ende. Die Gründe sind nicht klar. Es mag sein, dass nach dem Tod des Vaters 1730 das Geld nicht reichte. Vielleicht stand ein Streit im Hintergrund, in dem es um einen pietistischen Dozenten ging. Nach einer kurzen Tätigkeit als medizinischer Berater eines Adligen kehrte Senckenberg jedenfalls 1732 nach Frankfurt zurück. Hier praktizierte er, geduldet von den studierten Ärzten der Stadt, ohne regulärer Arzt zu sein.

Die Tatsache, dass er kein vollgültiger Arzt war, nagte zweifellos an Senckenberg. Er ging 1737 nach Göttingen, wo er zunächst eine allgemeine Prüfung im Bereich Medizin ablegte und wenig später den Doktorhut erhielt. Noch 1737 kehrte er nach Frankfurt zurück und ließ sich beim Sanitätsamt als Arzt eintragen. Seine Privatpraxis florierte. Er wurde wohlhabend. 1742 wurde er Stadtarzt. Er war mit dieser angesehenen, aber eher mäßig bezahlten Zusatzarbeit in das öffentliche Gesundheitswesen der freien Reichsstadt eingebunden und musste u. a. die Apotheker und die Hebammen beaufsichtigen.

1763 brachte Senckenberg sein Kapitalvermögen von fast 100 000 Gulden in die Stiftung ein, die 1765 den Namen Dr. Senckenbergische Stiftung erhielt. Er verlangte nur die jährlichen Zinsen (vier Prozent wurden angesetzt) zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes, dazu kamen noch die Einnahmen aus seiner Arztpraxis. Bis zu seinem Lebensende 1772 gestaltete Senckenberg die Stiftung aus. Er präzisierte die Ziele und schuf in bestimmten Bereichen Fakten. Um nur die wichtigsten zu nennen: Im Februar 1766 kaufte er ein Haus mit dazugehörigem Grundbesitz am Eschenheimer Tor. Dieses Haus wurde nach seinem Tod zum Stiftungshaus, in dem seine umfangreiche Bibliothek, die Mineraliensammlung und die Ärzteporträtsammlung aufbewahrt wurden. Senckenberg hatte festgelegt, dass sich hier die Ärzte der Stadt regelmäßig treffen und medizinische Probleme diskutieren sollten. Auf Grund dieser Festlegung, die befolgt wurde, entstand 1845 der so genannte Ärztliche Verein. Senckenberg wollte auch durch andere Maßnahmen für die Weiterbildung der Ärzte seiner Heimatstadt sorgen. 1767 stellte er einen jungen Gärtner an, der einen botanischen Garten einrichtete. In diesem Garten konnte man Arzneipflanzen studieren. Zusammen mit dem Gärtner verfertigte Senckenberg die Pläne für das moderne Anatomiegebäude, das 1770 im Rohbau vollendet wurde. Ein stationäres Anatomie-"Theater" hatte Frankfurt bis zu diesem Zeitpunkt gefehlt, Sektionen waren in einem angemieteten Zimmer in einem Gasthaus durchgeführt worden. 1769 nahm Senckenberg den Bau eines Hospitals für Bürger und Beisassen in Angriff, das 1779 eröffnet werden konnte.

Senckenberg wurde bei seinen Aktivitäten vom Bauprogramm einer fortschrittlichen medizinischen Fakultät (Anatomie, medizinischer Garten, chemisches Labor und "klinische Anstalt") angeregt, doch es ist nicht davon auszugehen, dass er an eine medizinische Fakultät bzw. an eine Universität in Frankfurt dachte. Die von ihm gestifteten Einrichtungen sollten zum einen der Weiterbildung der Ärzte, zum anderen der besseren medizinischen Versorgung der Bevölkerung dienen. In Bezug auf den letzten Punkt hatte er noch weitergehende Pläne. Aus einer Notiz vom 23. September 1772 wird deutlich, dass er wollte, dass nach seinem Tod ein Findelhaus, ein Gebärhaus und eine Apotheke auf dem Stiftungsgelände errichtet werden sollten. Dies erinnert natürlich an die Franckeschen Anstalten in Halle. Offenkundig dachte er an Senckenbergische Anstalten in Frankfurt. Die Administratoren folgten diesem erweiterten Programm jedoch nicht.

Senckenberg starb am 15. November 1772 durch einen Sturz vom Gebälk des gerade fertig gewordenen Uhrtürmchens des Bürgerhospitals. Wegen der unklaren Umstände des Sturzes wurde sein Leichnam - als erster Leichnam überhaupt - in seiner eigenen (eigentlich noch nicht betriebsbereiten) Anatomie seziert.

Senckenbergs Stiftung war nicht die erste "Bürgerstiftung". In Frankfurt hatte z. B. schon 1624 der Arzt Johann Hartmann Beyer die Dr. Beyersche Stiftung geschaffen, die allerdings in erster Linie seinen Nachkommen und dann erst dem Gemeinwohl zugute kommen sollte. Senckenbergs Besonderheit scheint die Radikalität seiner Stiftung zu Lebzeiten gewesen zu sein. Und er hatte Erfolg. Unter der Leitung geschickter und einflussreicher Administratoren gedieh seine Stiftung auch nach seinem Tod prächtig, auch wenn sie strukturell verändert wurde.

1817 wurde auf Anregung des Stiftungsanatomen die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft gegründet, die 1821 ein naturhistorisches Museum einrichtete, das noch heute als Naturmuseum Senckenberg existiert. Im Einvernehmen mit der Naturforschenden Gesellschaft löste sich 1824 die mit der Pflege der Chemie und Physik betraute Spezialsektion von der Gesellschaft und gründete den Physikalischen Verein. Auch er existiert noch. Die Bibliothek des Stifters wurde vermehrt, seit 1840 wurde sie zusammen mit den Büchersammlungen der Tochterorganisationen verwahrt. Von der Senckenbergischen Bibliothek führte der Weg zur heutigen Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das alte Stiftungsgelände am Eschenheimer Tor preisgegeben: An der Viktoria-Allee (heute: Senckenberganlage) entstanden Neubauten für die Senckenbergische Bibliothek, für das Naturmuseum Senckenberg und für den Physikalischen Verein. Der botanische Garten hatte in der Nähe des Palmengartens eine neue Stätte gefunden. Das Bürgerhospital blieb Sitz der Stiftung, zog aber 1907 in die Nibelungenallee um.

Nur angedeutet werden kann hier die Rolle der Dr. Senckenbergischen Stiftung bei der Errichtung der Frankfurter Universität. Die Stiftung gehörte zu den Gründungsorganisationen und brachte das 1914 betriebsfertige neue anatomische Institut auf dem Gelände des Städtischen Krankenhauses in die Universität ein. Das 1907 in Sachsenhausen vollendete neue pathologische Institut (das zunächst noch Dr. Senckenbergische Anatomie hieß) wurde 1914 durch die Stadt Frankfurt übernommen und von dieser in die Universität eingebracht. 1938 kam noch das Senckenbergische Institut für Geschichte der Medizin als Universitätsinstitut hinzu. Alle drei Institute tragen noch heute den Namen Senckenbergs.

Summa summarum kann man sagen, dass Senckenberg auch nach dreihundert Jahren noch "lebt". Seine Stiftung für das Gemeinwohl lädt zur Nachahmung ein (wobei nicht unbedingt an die Maximallösung der Sofort-und-alles-Stiftung gedacht werden muss).

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