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Guinea-Bissau: Der nächste Putschversuch in Westafrika

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Von: Johannes Dieterich

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Kampferfahrung haben Guinea-Bissaus Soldaten keine – aber mit Putschen kennen sie sich aus.
Kampferfahrung haben Guinea-Bissaus Soldaten keine – aber mit Putschen kennen sie sich aus. © AFP

Nach Mali und Burkina Faso versucht das Militär in Guinea-Bissau, die Macht an sich zu reißen.

Bissau – Die Einschläge kommen in immer kürzeren Abständen – erst waren es Jahre, dann Monate, inzwischen sind es Wochen. Nachdem vergangene Woche das Militär im Sahelstaat Burkina Faso die Macht an sich riss, versuchte die Armee im westafrikanischen Küstenstaat Guinea-Bissau am Dienstag das Gleiche. Alles weist darauf hin, dass der dortige Präsident Umaro Sissoco Embaló recht hat, wenn er meldet, dass der Putsch gescheitert ist. Trotzdem sind die Nachbarn des knapp zwei Millionen Menschen zählenden Kleinstaats sowie das Ausland alarmiert. Acht Umsturzversuche – mehrere davon erfolgreich – in den vergangenen eineinhalb Jahren allein in Westafrika: Die Nerven der dortigen Regierungen liegen blank.

Guinea-Bissaus Putschversuch begann am Dienstagmittag in der Hauptstadt Bissau. Vor dem Büro des Präsidenten, in dem gerade eine Kabinettssitzung stattfindet, ziehen Soldaten in Uniform und in zivil auf und umzingeln das Gebäude. Um sich schießend versuchen die Putschisten, in das Amt einzudringen. „Das war kein bloßer Umsturz, sondern ein Mordanschlag“, wird Präsident Embaló später sagen: „Sie wollten mich, den Premierminister und die Minister umbringen.“ Der Präsidentengarde gelingt es jedoch, die Angreifer abzuwehren: Es kommt zu einem fünfstündigen Feuergefecht. „Viele“ Soldaten seien getötet worden, sagt Embaló später: Bisher wurden mindestens sechs Tote gezählt. Nach den Beweggründen der Putschisten muss der 49-jährige Präsident nicht lange suchen. Es handele sich um „Rauschgiftschmuggler“ und „korrupte Agenten“, meint Embaló in seiner TV-Ansprache am Abend: Sie hätten sich an seinen Maßnahmen gegen Korruption und Rauschgifthandel gestoßen und seien „bestens organisiert“ gewesen.

Guinea-Bissau: Der afrikanische „Narko-Staat“

Der Verdacht des Staatschefs ist nicht weit hergeholt: Seit zwanzig Jahren gilt Guinea-Bissau als afrikanischer „Narko-Staat“, in dem vor allem Kokain aus Lateinamerika umgeschlagen und nach Europa weiterbefördert wird. Nach Angaben der US Drug Enforcement Agency ist das dortige Militär bis in die höchsten Ränge in den Schmuggel verwickelt: Auf den ehemaligen Streitkräftechef Antonia Indjai hat die US-Regierung ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar ausgesetzt.

Guinea-Bissau.
Guinea-Bissau. © -

Putschversuche sind in dem 1974 von Portugal unabhängig gewordenen Staat nichts Außergewöhnliches. Manche zählen neun, andere gar zwölf Versuche, vier waren erfolgreich. Der letzte Coup ereignete sich vor zehn Jahren: Danach sorgte eine „Friedensmission“ der UN zunächst für Ruhe. Als erster gewählter Präsident des Landes konnte José Mário Vaz im Dezember 2019 eine gesamte Amtszeit zu Ende führen. Danach kam Embaló mit umstrittenen Wahlen an die Macht.

Putschversuch in Guinea-Bissau: Der „Putschgürtel“ des Erdteils

Dass Afrikas Urnengänge oft das Papier nicht wert sind, auf dem ihr Ergebnis festgehalten wird, ist nach Auffassung von Fachleuten einer der Gründe, warum Umstürze auf dem Kontinent wieder en vogue sind. Seit den 50er Jahren gab es in Afrika 214 Putschversuche, mit 107 war die Hälfte erfolgreich. Seit langem galt Westafrika als der „Putschgürtel“ des Erdteils: Nach dem Ende des Kalten Kriegs und der folgenden Demokratisierungswelle beruhigte sich dieser allerdings. Doch mit den Coups in Burkina Faso, in Mali, in Guinea, im Tschad und Sudan hat die putschfreie Zeit nun wieder ein Ende gefunden.

Auch wenn jeder Umsturz seine eigenen Hintergründe hat, sind zweifellos gewisse Trends – wie die mangelnde Glaubwürdigkeit der Wahlen – auszumachen. Sowohl der Afrikanischen Union wie den regionalen Staatenbünden wird vorgeworfen, zweifelhaften Abstimmungen ihren Segen zu erteilen: Auf diese Weise werde die Legitimation der Regierenden unterwandert, heißt es. Außerdem kümmerten sich viele Regierungen eher um das eigene und das Wohl ihrer Klientel als um das der gesamten Bevölkerung. Ein Vorwurf, der vor allem in der von islamistischen Extremisten bedrohten Sahelzone erhoben wird. Dort sorgt auch die Angst ziviler Regierungen vor einem zu starken Militär und dessen absichtliche Vernachlässigung für Konfliktstoff: Die Einsatzkräfte sehen sich für ihre Aufgaben zu schlecht gerüstet.

Fachleute fürchten, dass die derzeitige Putsch-Pandemie noch lange nicht zu Ende ist. Als Nächstes könnte der Niger an der Reihe sein, wo vor einem Jahr bereits ein Umsturzversuch stattfand. Und selbst der Riese Nigeria, in dem nächstes Jahr Wahlen stattfinden, wird als Coup-Kandidat gehandelt. Das käme einer „Tragödie von epischem Ausmaß“ gleich, orakelt der nigerianische Journalist Cheta Nwanze. (Johannes Dieterich)

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