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Günther Grass, hier bei einer Diskussion in den 70er Jahren.

Repression und Rebellion

Günter Grass und die Revolution

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In den Fokus der Protestierenden rückt 1967 auch Günter Grass. Insbesondere an dem Nonkonformisten arbeitet sich die kritische Studentengeneration ab.

Gegen Atom-Tod und Militarismus, gegen staatliche Restauration und die alten Nazi-Eliten, für mehr Demokratie demonstrieren seit Ende der fünfziger Jahre in Frankfurt und Berlin Abertausende von Studenten, Jungsozialisten und Initiativgruppen nach dem Vorbild der amerikanischen „Free-Speech“-Bewegung. In diesem Reizklima tritt bald ein Name als Fanal für Nonkonformismus und intellektuellen Widerstand ins Rampenlicht – Günter Grass.

Doch Grass, schnauzbärtiger Halbkaschube und eloquenter Rebellentypus, polarisiert von Anbeginn. Spätestens nach seinem Roman „Hundejahre“ (1963) erklären ihn die „Aktions-Satiriker“ von „Pardon“ zu ihrem Gegner. Eine verfremdete Büste des Dichters stellen sie damals zwischen den „erlauchtesten Pennern germanischen Geistes“ in der Nürnberger „Walhalla“ auf, um ihn als sterilen Klassiker zu verhöhnen. Ausgerechnet bei der bürgerlichen FAZ findet Grass Schützenhilfe: „Er ist bereits eine Institution, ja man kann sagen, dass unser Bürgertum kaum einen Genius so widerspruchslos in seiner Mitte aufgenommen hat wie Günter Grass.“ Für „Pardon“ hingegen ist der Dichter „schon nahezu weg vom Fenster der Literatur-Szene“, allenfalls zu Beginn der sechziger Jahre habe er als „links und anti-bürgerlich“ gegolten, mittlerweile sei der „Vater des Bürgerschrecks Oskar Matzerath“ zu einer obsoleten Ikone geworden, an „Grassens Revoluzzer-Imago (habe man) erfolgreich gekratzt.“

Nicht nur Grass, auch die „Gruppe 47“ gilt etlichen Junglinken schon Jahre vor dem Höhepunkt der Studentenrevolte als Teil jenes Systems, dem sie angeblich widerstreitet. Es ist die „Situationistische Internationale“, die markante Vorzeichen der 68er Bewegung setzt. Hier propagiert man im Geist des Surrealismus den „homo subversivus“ an der „revolutionären Front in der Kultur“, es geht um den Kampf gegen die großen Sinnentwürfe und für die Realisation der Kunst im wirklichen Leben.

Aber auch die Zeitschrift „konkret“ hat sich schon früh bemüht, Grass mit interessanten Honoraraussichten als Mitarbeiter zu gewinnen. Die Redaktion glaubt fest an eine Interessenallianz zwischen dem Bestseller-Autor und ihrem eigenen Subversionsanspruch. Später weiß Peter Rühmkorf von feucht-fröhlich durchtanzten Abenden in der „Linkslücke“ jener liberalen Hamburger „Partyrepublik“ zu berichten, bei denen das „ungleiche Paar Güntergrass/Ulrikemeinhof“ sich näher-, aber nicht wirklich nahegekommen zu sein scheint: „Hätte Ulrike Meinhof mehr mit mir getanzt, hätte sie nie zu Bomben gegriffen“, hat Grass einmal scherzhaft gesagt. Klaus Rainer Röhls „schöne Frau“ hält die „Blechtrommel“ für „grandios“ und „brillant geschrieben“, die „zurückgebliebene Körpergestalt des Oskar (sei) ein Symbol für die Situation des avantgardistischen Schriftstellers in der kapitalistischen Gesellschaft.“

Es ist bezeichnend für das damalige Generationsbedürfnis nach Widerstand und Freisprengung der eigenen Individualität, wenn dieser Romanheld der Meinhof als erratische Oppositionsfigur erscheint, als „allseitig beengt, unfähig sich auszuwachsen, abgedrängt in Bereiche der Skurrilität und Perversion“.

Grass wird sich bald in Distanz setzen gegenüber einem Politik- und Kunstverständnis, das aktionistische Literatur-Innovationen und ein utopisches Lebensmodell zum Ziel hat. Denn diese junge akademische Linke will nicht weniger als eine Kulturrevolution. Mit ihrem Pro-gramm einer „Sinnlichkeit prinzipieller Opposition“ trifft sie seit Frühsommer 1966 in Gestalt der West-Berliner „Kommune I“ auf die Bürgerrechtsbewegung gegen Atomtod und Militarisierung, beide gewinnen rasch Zugang zum studentischen Milieu.

Damit schlägt die Stunde der „Subversiven“ wie Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann, es kommt zur antiautoritären Wende der Studentenbewegung. Und schon bald finden die ersten Happenings und spielerischen Regelverletzungen statt, politische Herrschaft soll durch öffentliche Inszenierungen in ihrer Fragwürdigkeit entlarvt werden. Weg mit der „unterhaltsamen Groteske Grass’schen Typs“, heißt es jetzt, Literatur müsse unmittelbar in die subversive Aktion übergehen, ein „knisterndes Vietnam-Gefühl“ zum Ausdruck der bedrohten Frontstadt-Lage werden. Auch ein Grass-Gefährte von ehedem, Hans Magnus Enzensberger, formuliert als Kampfziel die „politische Alphabetisierung Deutschlands“. Ein Ende müsse es haben mit dem „Narrenstatus“ der Autoren, jeder parlamentarische Weg zum Sozialismus sei eine Chimäre.

Es stehe der „Tod der Literatur“ bevor, weil alles Künstlerische immer nur ein „Alibi im Überbau“, ein Medium der Herrschaftssicherung gewesen sei. Insbesondere den Kollegen Grass möchte Enzensberger als „Paradebeispiel des erledigten sozial-demokratischen Reformismus“ vorführen. Aber der sollte sich als unverdrossen reformistischer Kämpfer erweisen, als Apologet des selbstbewussten Schneckengangs in der Politik, er misstraut allen absoluten Größen, jedem ideologischen Schwarz und Weiß. Und auch wenn Rudi Dutschke erklärt, die „politische Bekämpfung von Grass (ist) wichtiger als alles andere“, der mundfertige Schriftsteller wird die Auf- und Abschwünge der Studentenrevolte als Kritiker und als Sympathisant verfolgen und beeinflussen.

Unter der Fuchtel des SDS sieht Grass die „Vollzirkel dialektischer Psychokinese“, die „vier-dimensionalen Sozial-Jesuiten“ und „spiritistischen Leninisten“ eine Art sozialistischen Mystizismus feiern, er widerstreitet jeder Utopiegläubigkeit, die dem Gewaltsyndrom verschworen sei. Das geplante, aber nicht realisierte „Pudding-Attentat“ der „Kommune I“ auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey findet er wenig witzig, aber eine ernsthafte Aufforderungsabsicht zur Kaufhauszündelei bei diesen „verwirrten, schon ältlichen Knaben“ bestreitet der Gerichtsgutachter Grass.

Entschieden allerdings ist sein Protest nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, eine „Faschisierung“ der Bundesrepublik sieht er nun heraufkommen, an der die Springer-Presse und die „Pogrompolitik“ des Berliner Senats gleichermaßen Anteil hätten. Andererseits kann Grass vor einer „befreiten Räte-Republik West-Berlin“, vor „Partisanen im Apparat“ und vor der „Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeit“ (Rudi Dutschke) nur warnen.

Gemeinsam mit Walter Höllerer inszeniert er deshalb an der TU ein Seminar zum Problem des Theaters als „Anstalt der Entlarvung“. Um den Zweifel und um Skepsis geht es in diesem Diskurs, um kritische Realitätswahrnehmung statt ideologischer Indoktrination. Das Ziel lautet – Einübung der Jungakademiker in die streitbare liberale Demokratie.

Doch ein Mann wie Klaus Schütz, der Berliner Regierende Bürgermeister, sieht seit 1967 die Zerstörung der freiheitlichen Grundordnung in der Republik heraufziehen, er setzt auf die ganze Härte der exekutiven Gewalt. Und das, obwohl Grass ihn schon im Oktober 1976 aufgefordert hat, den richtigen Ton gegenüber den Studenten zu finden: „so vulgär und unformu-liert der Protest gelegentlich laut wird, er ist begründet.“ Doch die „Berliner Malaise“ (Willy Brandt) ist nicht mehr aufzuhalten. Die vom Senat im Februar 1968 veranstaltete Demonstration „Berlin darf nicht Saigon werden“ führt zu bürgerkriegsähnlichen Exzessen.

Fast wird ein wie Rudi Dutschke aussehender Student gelyncht, Parolen wie „Teufel in den Zoo“, und „Dutschke Volksfeind Nr. 1“ werden auf Transparenten vor das Rathaus getragen. Der Stil dieser Kundgebung lasse vermuten, mahnt Grass, dass die Schlagzeilen der „Bild-Zeitung“ die Reste der politischen Vernunft verdrängt hätten: „Wie feige wird eine Demokratie vertreten, wenn ihre gewählten Abgeordneten einen marktschreierischen Appell an Pogrominstinkte zulassen.“

In offenen Briefen wirft der Dichter dem Bürgermeister eine immer bedenkenlosere Pogrompolitik vor, er hält öffentliche Reden und mahnt die SPD wiederholt, Verständnis für die radikalen jungen Menschen zu zeigen – jetzt gehe es um eine „Aufklärungsstunde in Demokratie.“ Als dann am 11. April 1968 auch noch Rudi Dutschke angeschossen wird, scheint die Gewaltsaat des Utopismus endgültig aufgegangen zu sein. Doch dies ist zugleich die Zeit, in der Grass seine ersten SPD-Wählerinitiativen gründet, sie sollen den studentischen Protest in plebiszitäre und reformpolitische Bahnen lenken. Fast wäre der Dichter damals zum Regierenden Bürgermeister von Berlin vorgeschlagen worden, Golo Mann und viele andere hätten das gern gesehen.

Auch wenn sich für den Grass der 80er die radikale Studentengeneration „früh erschöpft (hat); die gehen entweder kaputt oder kein Risiko mehr ein“, ein Dezennium später kommt die 68er-Revolte auch für ihn einer „wirklichen Volksbewegung“ gleich, die „voll und ganz ihre Berechtigung“ besessen habe. Daran wird er festhalten bis zuletzt. Schon im März 1968 hatte Grass an Horst Ehmke geschrieben: „Wir sollten froh sein, dass zum ersten Mal in der deutschen Geschichte das politische Engagement der Studenten überwiegend nach links tendiert.“

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