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Juan Guaidó erhält viel internationale Unterstützung.

Venezuela

König ohne Land

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Der Herausforderer von Nicolás Maduro in Venezuela, Juan Guaidó, hat noch nichts erreicht. Eine Analyse.

Drei Tage noch? Oder drei Wochen? Drei Monate gar? Kaum eine Frage ist in diesen aufgewühlten Tagen in Caracas und ganz Venezuela öfters zu hören als diese. Wann also kippt die Regierung, wann endet die Herrschaft von Nicolás Maduro?

Man möchte den Ungeduldigen in ihrem verständlichen Wunsch nach einem Machtwechsel zurufen: Gemach, gemach. Geduld ist die Tugend der Stunde. Es wird vielleicht nicht so schnell gehen, wie das manche vermuten und fast alle Venezolaner wünschen. Das chavistische Regime hat in den vergangenen Jahren erstaunliche Fähigkeiten bewiesen, wirtschaftlich und auch politisch zu überleben. Noch herrschen Maduro und seine Regierung in Caracas: Und der Parlamentspräsident Juan Guaidó, dem die Herzen der Venezolaner und die Unterstützung weiter Teile der internationalen Gemeinschaft zufliegen, ist vorerst ein König ohne Land.

Vor genau einem Monat hat sich Maduro für eine zweite Amtszeit vereidigen lassen, die auf umstrittenen Wahlen im Mai vergangenen Jahres beruhen. Und dieser 10. Januar war der Beginn einer Entwicklung, die niemand, absolut niemand in Venezuela für möglich gehalten hätte. Guidó, so umschrieb es ein Experte dieser Tage, sei dabei wie ein Geschenk vom Himmel gefallen. Er sei ein „totaler Outsider“, ein „Messias“. Für die hoffnungslose Bevölkerung, aber auch für die Opposition. Denn diese war zu Jahresbeginn in den Augen der Venezolaner fast genauso diskreditiert wie der regierende Chavismus. Maduro fürchtete eine Implosion und den Sturz aus den eigenen Reihen mehr als die Opposition.

Der südamerikanische Chaos- und Krisenstaat hat sich in diesen 30 Tagen wie im Zeitraffer verändert, mehr als in den vielen Jahren zuvor zusammen, in denen die Gegner es versucht hatten, Maduro von der Macht zu verdrängen. Ob drei Tage, drei Wochen oder drei Monate – das ist dann fast schon egal. Wenn man es auf die Spanne von 20 Jahren ununterbrochener Präsidentschaft von Hugo Chávez und Nicolás Maduro betrachtet, ist das Ende des chavistischen Regimes unter Führung des aktuellen Machthabers in vollem Gange und unumkehrbar.

Es folgt ein Nervenkrieg

Der Coup des jungen und bis vor wenigen Wochen noch völlig unbekannten Jungpolitikers Guaidó, sich zum Interimspräsidenten zu erklären, hat das Regime unvorbereitet erwischt und eine Dynamik ausgelöst, die Maduro nicht mehr kontrollieren kann. Zu groß ist inzwischen die internationale Isolation, zu hart sind die Sanktionen der USA vor allem und zu euphorisiert sind die Menschen in Venezuela.

Das zeigt sich schon daran, dass die Opposition jeden Dialogvorschlag ablehnt. Guaidó hält an seiner Road-Map fest: Abdankung Maduros, Übergangsregierung, Neuwahlen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Es folgt jetzt in den kommenden Tagen und möglicherweise Wochen ein Nervenkrieg. Nicht nur zwischen Opposition und Regierung, sondern auch Maduro und Trump. Washington droht mit einer „militärischen Option“, und Donald Trump ist verrückt genug, das zu tun, sollte Maduro einen Fehler begehen, wie etwa die US-Diplomaten mit Gewalt aus dem Land zu schmeißen. Nächster Brennpunkt sind die Grenzen Venezuelas, wo schon jetzt die LKW mit den lebenswichtigen Medikamenten und Lebensmitteln darauf warten, die Grenze zu überqueren.

Aber der Fehler der Opposition war es, diese humanitären Hilfe mit dem Ziel zu verbinden, Maduro zu stürzen. So kann der Autokrat die Hilfsgüter als verkappten Staatsstreich einstufen. Ganz falsch ist das auch nicht. Schließlich soll mit diesen südamerikanischen Rosinenbombern auch die Loyalität der Soldaten zum Regime untergraben werden.

Was verstört in diesem Konflikt in Venezuela, ist die Rolle Washingtons. Unter Trump nimmt die US-Regierung anscheinend wieder die alte unterdrückerische Position als Regionalmacht ein, die alles bestimmen will, was in ihrem Hinterhof passiert. Die Zeiten, wo Washington Präsidenten stürzte wie in Chile und Machthaber entführte wie in Panama, waren doch längst überwunden.

Aber mit der Machtübernahme von Donald Trump haben auch die Hardliner in den USA wieder Oberwasser, die auf Sanktionen, Boykotte und falls nötig offenbar auch auf Militärinterventionen setzen. John Bolton, Sicherheitsberater im Weißen Haus, hat die Metapher der „Achse des Bösen“ (Irak, Iran und Nordkorea) aus der Zeit von George W. Bush nun durch die „Troika der Tyrannei“ ersetzt. Zu diesem Dreigestirn gehören laut Bolton neben Venezuela auch Kuba und Nicaragua. Die drei Staaten würden nicht nur ihre Bevölkerung in humanitäre Krisen stürzen, sondern seien auch ein Hort regionaler Instabilität im Hinterhof der USA. Es steht zu befürchten, dass in dieser aufgeheizten Stimmung vieles möglich ist.

Juan Guaidó tut für seine eigene Glaubwürdigkeit gut daran, Abstand zu Trump und seinen Falken zu wahren. Sonst wird er irgendwann nach dem Ende Maduros als Marionette Washingtons wahrgenommen. In drei Tagen, drei Wochen oder drei Monaten.

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