Schülerinnen in der Provinz Fukushima bauen einen Geigerzähler zusammen, um die Belastung im Klassenraum zu messen.
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Schülerinnen in der Provinz Fukushima bauen einen Geigerzähler zusammen, um die Belastung im Klassenraum zu messen.

Sieben Jahre nach dem Gau

Grundstücke um Fukushima strahlen weiter

  • vonFinn Mayer-Kuckuk
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Sieben Jahre nach dem Reaktorunglück zeigen mehrere Untersuchungen, dass die Wälder der Provinz Fukushima radioaktive Isotope speichern.

Sieben Jahre nach der Atomkatastrophe in der japanischen Präfektur Fukushima belegen Messungen durch Umweltgruppen weiterhin eine hohe Strahlenbelastung der Umgebung. Die Bewohner der meisten umliegenden Ortschaften konnten – oder mussten – inzwischen zwar in ihre Häuser zurückkehren. Doch selbst in ihren Vorgärten finden sich weiterhin gefährliche Strahlungsnester, wie mehrere Untersuchungen unabhängig voneinander ergeben.

Das örtliche Fukuichi-Monitoring-Projekt zeigt um das havarierte Kraftwerk herum weiterhin inakzeptabel hohe Belastungen mit strahlenden Isotopen wie Cäsium 137. In den Orten Futaba und Okuma direkt östlich der Reaktorruinen haben die Mitglieder in den vergangenen Monaten mancherorts immer noch eine Bodenbelastung von bis zu drei Millionen Becquerel pro Quadratmeter nachgewiesen. Auch in bereits komplett wiederbesiedelten Ortschaften wie Minami-Soma liegen die Werte zum Teil über 500 000 Becquerel. Die gemessenen Zerfallsereignisse beziehen sich überwiegend auf Cäsium-Isotope.

Auch die entsprechende Dosis in der Einheit Sievert, die mehr über die Wirkung auf den Menschen aussagt, liegt punktuell über dem Grenzwert der Regierung. Sie erreicht beispielsweise im Ortsteil Tomioka, der wieder bewohnt ist, im Durchschnitt 1,3 Mikrosievert pro Stunde und an einigen Stellen mehr als acht Mikrosievert pro Stunde. Der japanische Grenzwert für die Bewohnbarkeit liegt bei 0,23 Mikrosievert pro Stunde.

Mit 70 Millisievert pro Jahr würde ein ständiger Aufenthalt an diesen Stellen jeden deutschen und japanischen Grenzwert um ein Vielfaches überschreiten. Das Fukuichi-Monitoring-Projekt nutzt professionelle Ausrüstung, die mit Spendengeldern finanziert ist. Zu seinen Mitgliedern und Beratern gehören Physiker und Ingenieure.

Die internationale Organisation Greenpeace kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie die Bürger vor Ort. In den Dörfern Iitate und Namie lägen die gemessenen Werte etwa dreimal höher als die Angaben der Regierung, teilte Greenpeace mit. Besonders besorgniserregend: Auf mehreren Grundstücken lag die Belastung im vergangenen Jahr wieder höher als vor zwei Jahren. „Es sieht so aus, als werde radioaktive Verschmutzung aus den Wäldern heraustransportiert“, erklärten Greenpeace-Experten das Phänomen.

Die japanische Regierung hat in den Ortschaften rund um Fukushima den Boden abtragen und in Säcke verpacken lassen. Da die radioaktive Belastung auf die obersten Zentimeter des Bodens beschränkt ist, hat sie damit die Verseuchung theoretisch in den Griff bekommen. Doch Fukushima ist eine ländliche, bergreiche und dicht bewaldete Region.

Die Dekontaminierung beschränkte sich aus praktischen Gründen nur auf die Siedlungsflächen. Die Wälder wirken nun offenbar als Reservoir für radioaktive Partikel. Ebenfalls problematisch: Die Menschen in den wieder bewohnten Häusern können ihre Wälder praktisch nicht betreten, ohne sich erhöhten Gefahren auszusetzen. Wer den Kontakt mit dem Waldboden sorgfältig vermeidet, wird tatsächlich auch kaum in Kontakt mit den strahlenden Isotopen kommen.

Doch was ist mit spielenden Kindern, mit Haustieren, mit schlammigen Gummistiefeln? „In der Praxis ist es unvermeidlich, dass verletzliche Personen in Kontakt mit radioaktiver Verschmutzung kommen“, sagt Aktivist Yoichi Ozawa vom Fukuichi-Monitoring-Projekt.

Die Regierung unter dem konservativen Premier Shinzo Abe hat aus mehreren Gründen eine Rückkehr der Bewohner in ihre Häuser angestrebt. Einerseits will sie ein Gefühl der Normalität verbreiten und die Krise hinter sich bringen – auch in Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio.

Andererseits spart die Regierung als Eigner der Betreiberfirma des Katastrophen-Kraftwerks viel Geld. Sie muss seit der Freigabe der Ortschaften kaum noch Entschädigung für geflohene Anwohner zahlen. Denn mit Aufhebung des Evakuierungsbefehls erlöschen die Ansprüche der Betroffenen. Selbst wenn die Familien aus Angst gar nicht zurückgekehrt sind.

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