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„Dass die Würde des Menschen auch ohne deutschen Pass nicht angetastet werden darf, dürfte für die meisten neu sein.“

Worte schieben sich vor den Menschen

Wie die Sprache der Missachtung die Würde der anderen verletzt. 

Unsere politischen Debatten werden bestimmt von einer Parallelgesellschaft alter weißer Männer. Aufgeheizt von amokartigen Fragestellungen, erliegen sie der Illusion, es könnte angebracht sein, draufzuhauen. Der rhetorische Trick besteht darin, Nichtanwesende mit Erwartungen zu foltern, die selbstverständlich klingen. Wenn Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft morden, folgt die Klarstellung: „Sie haben nicht zu morden!“ Wenn Schutzbefohlene randalieren: „Sie haben nicht zu rebellieren!“ Wer kein Deutsch spricht: „Sie haben Deutsch zu lernen!“ Wenn sie Sozialhilfe erhalten: „Sie haben zu arbeiten!“

In ihr Tagebuch notierte Astrid Lindgren für das Jahr 1943: „Die schwedischen Antisemiten hetzen, so gut sie können, und verschicken Flugblätter, in denen sie Flüchtlinge als eine Schar von Mördern und Vergewaltigern darstellen.“ Unsere abendlichen Talkshows sind wahrlich keine Flugblätter mehr. Hätte ich niemals deutschen Boden betreten und nichts als die Videokassette einer Maischberger-Runde, ich würde von Deutschland denken: Das ist ein Apartheidregime, in dem Politiker mit scharfen Sätzen über Menschen herrschen, die sie „Flüchtlinge“ nennen. Mit Rechten reden – das ist wichtig. Für „Flüchtlinge“ gilt: Redet über sie! Das deutsche Apartheidregime wird dabei schnell ausfällig. Ein Gast, der in der Runde die anderen an die Gleichheit aller Menschen erinnert, besitzt schon Seltenheitswert.

Da wird Menschen die Daseinsberechtigung abgesprochen. Das deutsche Grundgesetz dankt für so viel Großmütigkeit. Die Worte nähren eine Glut, mit der Terroristen die Brände legen. „Geduldete“ werden sprachlich unverklausuliert aus dem Land geworfen. Die Rederechte der braunen Terrorbrüder eisern verteidigt.

Im Kern geht es um die sprachliche Herrschaft über Abwesende. Das Fernseh-Apartheidregime der Politikrentner versucht gezielt, Menschen zu dehumanisieren. Der abstrakte „Flüchtling“, „Ausländer“, „Asylbewerber“ oder „Asylant“ wird erfunden. „Worte können sein wie winzige Arsendosen“, bemerkte Viktor Klemperer. „Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Gift-Wirkung doch da.“

Philipp Ruch.

Dass die Würde des Menschen auch ohne deutschen Pass nicht angetastet werden darf, dürfte für die meisten neu sein. Dabei fehlt vor allem eine Position, die ein Meisterdenker der verborgenen Unendlichkeit des Menschen, Emmanuel Levinas, auf die denkbar einfachste Formel gebracht hat: „Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden.“ 

Die neuen Hitler-Bewunderer sprechen von „Fickilanten“, „Rapefugees“ und „Invasoren“. Als wäre der öffentliche Diskurs in Deutschland ein Durchschlag auf Kohlepapier, drückt der Rassismus in die offiziellen Debatten durch. Menschen, die etwas gesehen haben, das den Ereignishorizont der Fernseh-Apartheid übersteigt – den Krieg! –, werden „Nafris“ oder „Asyltouristen“. Menschenretter werden „Schleuser“. Die neue Unempfindlichkeit beginnt immer sprachlich.

Worte schieben sich vor den Menschen. Der Mensch verschwindet hinter der Schutzwand aus Worten. Ein Paravan von Begrifflichkeiten deckt den Menschen ab. Damit er unsichtbar wird. Aber warum abstrahieren wir von Menschen? Warum gerade jetzt?

Warum halten wir die Menschen hinter der Sprache nicht aus? Warum versuchen wir, sie mit Worten zu verstecken? Die Antwort liegt in der Frage, was diese Menschen gesehen haben. Sie haben Dinge erlebt, die für uns unvorstellbar sind. Ein Großteil der deutschen Bevölkerung besitzt keine Vorstellung davon, was diese Menschen durchgemacht haben. 

Philipp Ruch ist Philosoph und Gründer des „Zentrums für politische Schönheit“. Das Künstlerkollektiv bekämpft mit öffentlichen Aktionen unter anderem die Politik der „Flüchtlingsabwehr“

Es gibt zwei Gefühle, die uns beschleichen müssen. Das erste ist ein Geschmacksurteil. Die neuen Rechtlosen sind uns in ihren Erfahrungen, die wir als abenteuerlustige Gesellschaft formieren, überlegen. Dagegen können wir uns mit Bewunderung wehren. Aber das kommt meist nicht in Frage, weil es dem ungesunden Empfinden der tatsächlichen Machtverhältnisse aus dem deutschen Staatsbürgerschaftsrecht zuwiderläuft. Wieso sollten die Starken die Schwachen anbeten? Ja. Warum nicht? Wer sich am Gebot der Humanität orientiert, der weiß, dass niemand unsere Achtung nötiger hätte – und verdient. Für den Mut, die Ausdauer, den Schmerz. Aber die meisten nehmen Anstoß am juristischen Geschmack des Gegebenen. Die Kraft, die die Aufrechterhaltung einer Geschmacksordnung über uns besitzt, lässt sich an der Abwehrhaltung des konservativen Denkens in dem, was sie als „Flüchtlingskrise“ phobisch geißelt (und doch nur ein zweiter Mauerfall war), belegen.

Warum entwerten wir wieder Menschen? Wir ertragen sie nicht. Wir abstrahieren, damit wir nicht aushalten müssen. Aber warum halten wir nicht aus? Der Psychoanalytiker Arno Gruen postulierte, dass wir die Erinnerung an unsere Verletzlichkeit im Fremden auslagern. Gruen war überzeugt, dass wir den elementaren Teil von uns, unsere Schwäche und unser Ausgeliefertsein, in Rechtlose auslagern. Dadurch gelingt das Kunststück, andere für ihre Schwäche zu hassen. Ich halte diese Idee, so schön sie klingt, für falsch.

Neben der Superiorität der Gefühle jeder durchschnittlichen Schutzbedürftigen gegenüber einer Vertreterin unserer gefühlshungrigen wie erfahrungslosen Gesellschaft gibt es einen tieferen Grund, warum wir Menschen sprachlich rechtlos machen. Dabei geht es um Vorstellungen und Phantasie. Wir haben keine Vorstellung davon, was in einem Kriegsgebiet, was auf der Überfahrt über das Mittelmeer geschieht. Wir können so tun, als wüssten wir. Aber selbst ich, der diese Dinge seit Jahren zum Motor dessen macht, was die Gesellschaft verändern soll, habe nicht die leiseste Ahnung davon, wie es ist.

Die Vorstellung von Gewalt ist nichts, was Menschen von Natur aus mögen. Die Menschen künden von Verbrechen, die uns aus der Geschichte vertraut sind, die wir jetzt aber auf keinen Fall schon wieder hören wollen. Wir haben doch gerade erst „Nie wieder!“ geschworen. Was ist denn jetzt schon wieder? Der Schmerz der Anderen frisst Zeit. Und alle Menschen verabscheuen Gewalt. Gewaltbilder sind Pfeile, die sich mitten ins Herz bohren. Sie paralysieren. Sie tun weh. Verbrechen, an Dritten begangen, dringen direkt ein. Die Vorstellung davon macht uns schon unbewohnbar. Diese Vorstellungen sind nicht das, was beim großen Publikum Lust auslösen würde. Aber eine Bürgerschaft hat diesen Geschichten zuzuhören. Sie hat diese Geschichten zu erzählen.

Der Schmerz anderer schlägt in uns ein. Wir haben diese Menschen immer schon in uns. Wir sind sie. Wir stempeln Schutzbedürftige lieber zu Mördern, als uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Statt zu sehen, was sie gesehen haben und was es politisch mit uns zu tun hat, entmenschlichen wir lieber.

Wenn wir nur wüssten. Wenn wir uns vorstellen könnten, wie es für sie ist, sechs Jahre in einem Flüchtlingslager in der jordanischen Wüste dahinzuvegetieren, ohne Hoffnung. Ohne Zukunft. Es ist nicht unmöglich, sich zu informieren. Es ist nicht unmöglich, sich das vorzustellen. Jede Revolution beginnt damit, sich die Verhältnisse aufs Genaueste vorzustellen. So kommen wir erst darauf, wie Änderung aussieht. Das ist die Macht der Phantasie. Das ist das Geheimnis hinter den Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit.

Wir müssen uns viel genauer vorstellen, was in Zweizeiler-Meldungen alles verriegelt ist. Wir müssen diese Meldungen mit unserer Phantasie öffnen. Hinter allen Nachrichten befinden sich Menschen. Und es gibt genügend Menschen, die mit der Phantasie gesegnet sind. Deren Vorstellungen wie Wasser „fließen“.

Ich habe am Grundgesetz lange nicht verstanden, warum jeder Satz zum Holocaust fehlt. Ich bin auch weiterhin der Meinung, dass es ein first amendment braucht, jetzt, wo diese Worte und Lehren da sind. Wenn die deutsche Politik es nicht tut, sollten wir wenigstens die Rechtlosen wie Könige behandeln.

Um Schwache wie Könige zu behandeln, benötigen wir die Phantasie, uns vorzustellen, dass alle Menschen Könige sein können. Jedes Kind beherrscht diese Gabe besser als alle ach-so-erwachsenen Talkshow-Gäste. Darauf kommt es an. Es ist kein Kinderspiel. Es ist: Humanität. Und viele Artikel des Grundgesetzes sind einzige Aufforderungen, sich endlich seiner Phantasie zu bedienen.

Den Humanismus aus unseren politischen Diskursen auszuschließen, bringt diese nicht der Wirklichkeit näher, sondern lässt sie vorstellungslos verarmen. Der Zusammenhang zwischen Phantasie und Humanität ist zwingender, als er auf den ersten Blick erscheint. Phantasie ermöglicht unsere Humanität. Ohne Einbildungskraft gibt es keine Mitmenschlichkeit.

Autor: Philipp Ruch 

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