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„Das Grundgesetz war Teil meines Lebens – ob mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft – und ist es immer noch.“

Bedrohte Selbstverständlichkeit

Das Grundgesetz ist ein Bekenntnis wert. 

Als ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte, war dieser besondere Schritt für mich erst einmal weniger besonders als vielmehr ein Bürokratie-Marathon. Lebenslauf schreiben, Führungszeugnis besorgen, Schulzeugnis rauskramen, Arbeitsvertrag beilegen, Kontoauszug ausdrucken, türkische Formulare ausfüllen, deutsche Formulare ausfüllen. Um dann mit dem ganzen Pinar-Lebensbeschreibungs-Paket, das noch viele Dokumente mehr enthielt, vor dem Mitarbeiter der Ausländerbehörde zu sitzen, um nun endlich auch Deutsche mit deutschem Pass sein zu können.

Ein für mich seltsamer Teil dieses hochoffiziellen Prozederes war, dass ich ein Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland ablegen sollte. Ich blickte den Mitarbeiter etwas verdutzt an, lebte ich doch bereits seit meiner Geburt im lippischen Lemgo mit dem Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland. Dem Grundgesetz. 

Für mich war es selbstverständlich und gelebter Alltag. „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Mit Artikel 3 hatte ich bereits meine ganz eigenen Erfahrungen gemacht und bin froh, in einem Land zu leben, das diesen Satz in seiner Verfassung formuliert. „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ Artikel 8. Als Teenager machte ich auf diversen Demonstrationen Gebrauch von diesem Recht. 

Pinar Atalay

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ Und auch diese Zeilen hatten für mich bereits eine große Bedeutung, fühlte ich mich als junge Journalistin doch geschützt durch Artikel 5.

Pinar Atalay ist Reporterin und Moderatorin, unter anderem bei den ARD-„Tagesthemen“ und dem Wirtschaftsmagazin „Plusminus“

Das Grundgesetz war bereits Teil meines Lebens – ob mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft – und ist es immer noch. Doch in den vergangenen Jahren wird dieses Selbstverständnis von manchen angekratzt, ja, das Selbstverständnis der Verfassung selbst. Die Stimmen derer, die das 70 Jahre alte Grundgesetz nicht mehr für bekenntniswert erachten, steigt. 

Als Journalistin sorge ich mich um die Pressefreiheit, auch hier bei uns. Zu den Regionen, in denen sich die Lage der Pressefreiheit am meisten verschlechtert hat, gehört Europa. In Deutschland müssen Reporter Angst davor haben, auf Demonstrationen angegriffen zu werden, verbal und körperlich. Laut der aktuellen Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung glaubt jeder vierte Deutsche, dass Medien und Politik unter einer Decke stecken. Auch wird in dieser Studie deutlich, dass rechtspopulistische Einstellungen in der Mitte normaler geworden sind. Doch auch diese Zahl stammt aus derselben Studie: 93 Prozent der Befragten sind der Ansicht, Würde und Gleichheit aller sollten an erster Stelle stehen. Und das tun sie auch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Artikel 1 des Grundgesetzes.

Das Gefühl der Irritation, mich bei der Einbürgerung zu unserer Verfassung bekennen zu sollen, wich der Erkenntnis, dass dieses Bekenntnis nicht selbstverständlich ist. Ich wurde gebeten, an dieser Stelle zu schreiben, was ich anders machen oder hinzufügen würde. Vielleicht dieses: „Das Grundgesetz ist die Basis unseres Zusammenlebens und es lohnt, darüber zu diskutieren, es aber gleichzeitig in Ehren zu halten.“

Übrigens: Als ich nach dem Bürokratie-Marathon meine Einbürgerungsurkunde bekam, schenkte man mir noch ein Grundgesetz in Buchform. Es steht in meinem Bücherregal, etwas abgegriffen, aber nicht abgenutzt.

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