Merkel vs. Papst

Grummeln in der CDU

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Merkels Rüffel für Rom stößt weiter auf Unmut - und mancher befindet der "Glaube an den Holocaust sei zur Staatsreligion geworden". Von Thomas Kröter

Berlin. "Angela Merkel hat vom Papst eine Klarstellung gefordert. Das ist jetzt nach Luther schon das zweite Mal, dass ein Ossi gegenüber dem Papst frech wird." Harald Schmidt bringt das Ressentiment satirisch auf den Punkt. Im Original ist es weniger lustig. "36 Jahre DDR gehen eben nicht spurlos an einem vorüber", zitiert ein CDU-Abgeordneter aus einem Brief. Noch weniger appetitlich liest sich einiges in den Internetforen auf der CDU-Homepage: "Der Glaube an den Holocaust ist doch längst zur Staatsreligion geworden", schimpft ein Teilnehmer.

Hunderte von Beiträgen, nicht nur von Parteimitgliedern natürlich, finden sich unter verschiedenen Überschriften. In den ersten Tagen war kaum einer darunter, der sich auf die Seite der Kanzlerin und ihrer Kritik an der Haltung des Papstes zum Holocaust-Leugner Bischof Williamson gestellt hätte. Inzwischen hat sich das Blatt etwas gewendet. Genaue Zahlen nennt man im Konrad-Adenauer-Haus allerdings nicht.

Merkel schiele mit ihrer Einmischung auf liberale Wähler, die wegen ihrer zu "sozialdemokratischen" Wirtschaftspolitik zur FDP abgewandert seien, mutmaßt Heinrich Oberreuter. Hätte der Politikwissenschaftler recht - die CDU-Chefin hätte einen verlustreichen Schachzug gewählt. Der Rüffel Richtung Rom ist in den eigenen Reihen kein Renner. Auch wenn der anynome Abgeordnete wohl übertreibt, der fürchtet: "Das kostet uns zwei Prozent." Mag die liberale Presse, mag das internationale Medienecho, mag sogar die Bild-Zeitung, die einst titelte "Wir sind Papst", auf der Linie ihres israel-freundlichen Gründers Axel Springer, sie unterstützen. Mögen sich offen nur die üblichen Verdächtigen äußern, die mit Merkel immer wieder überkreuz liegen: der abgemeierte sozialpolitische Altvater Norbert Blüm, Lebensschützer Hubertus Hüppe, Law-and-order-Opa Norbert Geis oder der Merkel-Intimfeind Georg Brunnhuber. In der namenlosen Mitgliedschaft der Partei grummelt es.

Was ein CSU-Politiker formuliert, der einen bekannten Namen hat, ihn aber nicht genannt wissen will, würden viele an der CDU-Basis unterschreiben: "Den Papst kritisiert man nicht." Kein Wunder. Bei der letzten Wahl in Hessen hatte die CDU unter Katholiken fast die absolute Mehrheit: 49,2 Prozent. Bundesweit ist über die Hälfte der Mitglieder katholisch. 75 Prozent der Katholiken, die regelmäßig zum Gottesdienst gehen, wählen die Partei.

Aber es ist nicht nur die Kirchenbindung, die im Internet wie am Stammtisch zum Ausdruck kommt: Es ist auch das Misstrauen gegenüber der "Zugereisten" aus der DDR. Es ist der Missmut über die angebliche Unterdrückung des Konservativen: "Ultrakonservativ ist man schon, wenn man gegen Abtreibung Bedenken äußert." Hinzu kommt unterschwelliger Antisemitismus: "Die Kirche ist keinem Zeitgeist unterworfen und sollte auch kein A...kriecher von Israel oder dem ZDJ (Zentralrat der Juden, d. Red) sein."

Die Stimmung in Merkel-Richtung schwanken lassen liberalere Katholiken, die das Papst-Signal an Williamson und Co. kirchenpolitisch verheerend finden. Denn vergleichbare Gesten an "linke" Häretiker sind nicht in Sicht.

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