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Grünen-Fraktionssprecher in Rheinland-Pfalz: Eveline Lemke (r) und Daniel Köbler (verdeckt)

Wenig Erfahrung

Grünes Neuland

Die Wahlerfolge der Grünen spülen Abgeordnete, die nie damit gerechnet haben, in die Landtage. 21 Neulinge sind es in Baden-Württemberg. In Rheinland-Pfalz tendiert die landespolitische Erfahrung abseits der Fraktionssprecher gegen null.

Von Felix Helbig

Die Wahlerfolge der Grünen spülen Abgeordnete, die nie damit gerechnet haben, in die Landtage. 21 Neulinge sind es in Baden-Württemberg. In Rheinland-Pfalz tendiert die landespolitische Erfahrung abseits der Fraktionssprecher gegen null.

Zum Beispiel Fred Konrad aus Käshofen. Am Wahlabend lag er noch im Krankenhaus, eine Operation, nichts Schlimmes, neben ihm seine Lebensgefährtin, unter der Zimmerdecke der Fernseher. Aus Mainz sendete das Fernsehen die erste Prognose der Landtagswahlen, der grüne Balken auf dem Bildschirm begann zu steigen, er stieg und stieg, und als er oben angekommen war, saß Fred Konrad im Landtag. „Noch vor ein paar Monaten“, sagt er, „hätte ich nie damit gerechnet.“ Das war, als er sich auf Listenplatz 14 setzen ließ bei den Grünen in Rheinland-Pfalz.

Konrad, 49, ist praktizierender Kinderarzt, er will sich in der Landespolitik für die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum einsetzen. Die Ironie bei der Sache sei nun, sagt er, „dass ich nun erst mal selbst einen Nachfolger finden muss für meine Praxis“.

Es war Kurt Beck, der SPD-Ministerpräsident, der es sich in seiner Enttäuschung noch am Wahlabend nicht verkneifen konnte, wenigstens einen kleinen Giftpfeil auf seinen neuen Koalitionspartner abzuschießen. Beck, mit 17 Amtsjahren in Mainz schon so lange dabei, dass er gerne König genannt wird im Land, stichelte, die Grünen brächten ja nun „eine Menge kommunalpolitische Erfahrung“ mit. Er wollte das auf Nachfrage selbstverständlich positiv gewendet wissen, gemeint war es anders. Die Frage ist, ob das so schlimm sein muss, wenn nun 18 Grüne von den am Mittwoch gewählten Fraktionssprechern Eveline Lemke und Daniel Köbler im Landtag angeleitet werden, deren landespolitische Erfahrung gegen null tendiert. Und in Baden-Württemberg sogar noch einige mehr.

„Sehr spannend“

Natürlich habe er kaum parlamentarische Erfahrung, sagt Fred Konrad, nicht einmal im Kreistag habe er bislang gesessen. „Es kann aber auch von Vorteil sein, wenn nun mehr Menschen aus dem praktischen Leben im Landtag sitzen. Bei der SPD gibt es da ja eher weniger Flexibilität.“

Petra Häffner ist am Dienstag zum ersten Mal nach Stuttgart gefahren, mit der Regiobahn dauerte das 22 Minuten von Schorndorf aus, dann stand sie vor dem Landtag. „Sehr spannend“ sei es gewesen, „das alles erstmals live zu erleben“, sagt sie, die Alten im Parlament gäben außerdem gerne Hilfe bei den ersten Gehversuchen. So viele „Alte“ sind es allerdings nicht mehr, von 17 Grünen im baden-württembergischen Landtag sind nur 15 wieder eingezogen, die Differenz zu nun 36 Sitzen füllen überwiegend Neulinge. Häffner, 46, ist Sportlehrerin und Physiotherapeutin, sie kann viel erzählen über die Geschichte der „Schorndorfer Weiber“, die einst verhinderten, dass das Städtchen an Frankreich fiel; über die Abläufe im Landtag weiß sie wenig.

„Es war aussichtslos, ins Parlament zu kommen, als ich mich im April habe aufstellen lassen“, sagt sie, da habe es ja noch nicht einmal die Aufregung um Stuttgart 21 gegeben. Und Schorndorf war schwarz. Dann stieg der grüne Balken auf dem Bildschirm auf 24,2 Prozent, um kurz vor 22 Uhr am Sonntagabend war Häffner plötzlich Parlamentarierin.

„Bislang habe ich immer sehr von meiner kommunalpolitischen Erfahrung profitiert“, sagt Häffner, „die Menschen merken ja auch, wenn man nicht nur daher labert, sondern sich im Leben auskennt.“ Die Grünen hätten „sehr gute Leute in der Kommunalpolitik“, sagt auch Häffners neue Fraktionskollegin Sandra Boser. „Es gibt da niemanden, der gar keine politischen Erfahrungen hat.“ Die Vorkenntnisse der 34-jährigen Betriebswirtin aus Wolfach im Schwarzwald beschränken sich allerdings auf den Kreisverband Ortenau, außerdem hat sie für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Alexander Bonde gearbeitet und in der Redaktion der Parteizeitschrift.

Sie habe immer die Möglichkeit gesehen, auch tatsächlich reinzukommen in den Landtag, sagt Boser. „Wir haben einen guten Wahlkampf gemacht.“ Geklappt hat es wie bei Häffner über ein Ausgleichsmandat, nun lasse sie sich überraschen, wie sich alles entwickle, sagt sie. Die Grünen müssen immerhin nicht nur Arbeitsfelder verteilen, sie müssen Ministerien und Stellen in den Apparaten besetzen. So kommt es, dass die gerade erst in den Landtag eingezogene Mühterem Aras schon öffentlich als grüne Ministerin gehandelt wird.

Für Fred Konrad aus Käshofen könnte es noch dicker kommen, nämlich dann, wenn ein grüner Bundestagsabgeordneter nach Mainz umzieht, etwa um Minister zu werden. Konrad steht bei den rheinland-pfälzischen Grünen auf Platz eins der Nachrückerliste für den Bundestag in Berlin.

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