Junge Klimaaktivisten hatten darauf gedrängt, Erlangen zu einer Vorreiterin in Sachen Klimaschutz zu machen.
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Junge Klimaaktivisten hatten darauf gedrängt, Erlangen zu einer Vorreiterin in Sachen Klimaschutz zu machen.

Klima-Aktivisten

Grüner als die Grünen

  • Paul Siethoff
    vonPaul Siethoff
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In Erlangen will der Verein „Klimaliste“ ins Kommunalparlament einziehen – und die Stadt in fünf Jahren klimaneutral machen.

Als erste Stadt in Bayern hat Erlangen Ende Mai vergangenen Jahres den Klimanotstand ausgerufen. Entstanden war die Idee allerdings nicht im Stadtrat, sondern während einer Bürgerversammlung. Junge Klimaaktivisten hatten darauf gedrängt, Erlangen zu einer Vorreiterin in Sachen Klimaschutz zu machen. Klimanotstand in Erlangen – also volle Konzentration auf kommunalen Klimaschutz?

Weit gefehlt, findet Sebastian Hornschild. Er war frustriert von der Klimapolitik in der Stadt: Zu wenig Konkretes, keine realpolitischen Klimaschutzziele, auch nicht, nachdem der Klimanotstand ausgerufen worden war. Also machte Hornschild, der in Erlangen die ersten „Fridays for Future“-Demonstrationen organisiert hat, Nägel mit Köpfen: Der 30-Jährige gründete gemeinsam mit zwei Mitstreitern, dem Sportwissenschaftler Karim Abu-Omar und dem Erlanger Universitätsprofessor Martin Hundhausen, die Klimaliste Erlangen.

Die Klimaliste ist keine klassische Partei, sondern ein Zusammenschluss Erlanger Bürgerinnen und Bürger. Konsequenter Klimaschutz vor Ort, das sei das Ziel der Liste, so Hornschild. Um politisch etwas erreichen zu können, will er mit der Klimaliste bei den bayerischen Kommunalwahlen am 15. März in den Erlanger Stadtrat einziehen. Dort wollen er und seine Mitstreiter möglichst viele ihrer Forderungen umsetzen – mit dem ambitionierten Ziel, Erlangen bis 2025 zur ersten klimaneutralen Stadt Deutschlands zu machen. Anfang Februar hat Hornschild zudem angekündigt, auch bei der zeitgleich stattfindenden Wahl zum Oberbürgermeister Erlangens antreten zu wollen. Er konkurriert dabei mit Amtsinhaber Florian Janik (SPD) und sechs weiteren Kandidaten.

Das Programm der Klimaliste haben Hornschild und seine Mitgründer gemeinsam mit Expertinnen und Experten erarbeitet. Zu ihren Forderungen gehören etwa massive Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und das Fördern erneuerbarer Energien, um Erlangen bis 2025 zu 100 Prozent mit Strom aus regenerativen Quellen versorgen zu können.

Im Bereich Erneuerbare setzt die Klimaliste auch auf die Expertise von Martin Hundhausen. Er lehrt als Professor für Laserphysik an der Universität Nürnberg-Erlangen und hat einen Verein für Solarenergie gegründet. Für ihn ist Photovoltaik die „Technik mit dem höchsten Potenzial“. Um die lokale Energiewende zu schaffen, plant die Klimaliste laut Hundhausen – neben dem Ausbau von Solaranlagen im Erlanger Landkreis – auch Solarpanels auf den Dächern von Miethäusern anzubringen.

Verkehrswende, grüner Strom, vegane und vegetarische Ernährung fördern – alles Forderungen, die auch von den Grünen stammen könnten. Tatsächlich sind sie an der städtischen Ampelregierung beteiligt und stellen die zweite Bürgermeisterin. Für Sebastian Hornschild ändert das nichts: „Alle anderen Parteien haben in der Klimakrise versagt“, sagt er. Auch die Erlanger Grünen kritisiert er hart: Die Partei sei kein Garant für konsequente Klimapolitik. Die Klimaliste will sich abgrenzen, indem sie auch unliebsame Forderungen stellt: So sollen beispielsweise Verbrennungsmotoren in der Erlanger Innenstadt komplett verboten werden.

Um ihren Bekanntheitsgrad muss sich die Klimaliste keine großen Sorgen machen– ihre Social-Media-Kanäle sind erfolgreicher als die aller anderen Erlanger Parteien. Im Hinblick auf die anstehende Kommunalwahl scheint die Präsenz der Politikneulinge bei den Erlanger Lokalpolitikern Angstgefühle auszulösen. Hornschild sagt, er habe Brandbriefe von Stadträten erhalten, die um ihre Sitze bangen.

Ist sie in Erlangen erfolgreich, will die Klimaliste auch in anderen Städten in die Parlamente einziehen. An mehreren Orten, unter anderem in Nordrhein-Westfalen und in Berlin, haben sich schon Interessierte gemeldet. Am weitesten ist man in Düsseldorf: Dort wird sich laut Hornschild voraussichtlich noch in diesem Monat ein weiterer Klimalisten-Verein gründen, der bei den im September anstehenden Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen antreten will.

Auch wenn sich die Bewegung als dezentral versteht, fungieren Sebastian Hornschild und seine Mitstreiter als Impulsgeber: „Wir fahren in andere Städte und pitchen dort unsere Idee“, erzählt er. Im Optimalfall soll die Erlanger Klimaliste den anderen Städten als Vorbild dienen: „Unser Wahlprogramm ist ein Baukasten, der schnell auf andere Städte übertragbar ist.“

Mit ihrem Auftreten erinnert die Klimaliste an „Fridays for Future“. Trotzdem sieht sich die Bewegung losgelöst von den Schüler- und Studierendenstreiks: „Wir sind nicht die parlamentarische Stimme von ‚Fridays for Future‘“, betont Hornschild – auch wenn die Ziele sich ähnelten. Während aber andere Klimaaktivisten auf Protest setzen, hofft Hornschild, Druck auf die Politik machen zu können, indem er selbst Politik macht. Mindestens acht der 50 Sitze im Erlanger Stadtrat will die Klimaliste bei den Wahlen am 15. März holen. Zwei, vielleicht drei Stadtratsmitglieder könnten die Klimaschützer tatsächlich stellen. Hornschild zeigt sich optimistisch: „Die Bereitschaft ist da, Klimaschutz zu wählen.“

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