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Die neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock.

Robert Habeck und Annalena Baerbock

Grünen-Duo im Glück

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Die Grünen werden jetzt von den beiden Realos Robert Habeck und Annalena Baerbock geführt.

Die Kameras umschwirrten Robert Habeck wie Motten das Licht. Es reichte am Freitagabend, kurz den Kopf zu heben, um zu sehen, wo in der Halle sich der neue Vorsitzende der rund 65.000 Grünen befindet. Ein Augenzeuge fasste die Szene in einem schlichten Satz zusammen: „Die Partei hat einen neuen Star.“ Der erste nach Joseph Martin Fischer, genannt Joschka.

Am Samstagnachmittag bot sich das gleiche Bild. Mit dem Unterschied, dass an der Seite des 48-Jährigen eine strahlende junge Frau aufgetaucht war: Annalena Baerbock, 37, soeben gewählte Co-Parteichefin und somit Habecks Arbeitskollegin. Als die Resultate für beide publik wurden, waren sie von einer Journalistentraube umringt. Jubel brandete auf. Baerbock und Habeck umarmten einander. Kein Zweifel: Ein schönes, ein optisch wie politisch stimmiges Paar, das nun konfrontiert war mit zahllosen Gratulanten. Vielfach schulterklopfend.

38 Jahre nach ihrer Gründung werden die Grünen jetzt für mindestens zwei Jahre von einem frischen Duo geführt, vielleicht auch sehr viel länger. Damit ist alles genau so gekommen, wie Mitglieder und Öffentlichkeit es zuletzt überwiegend erwartet und vielfach auch erhofft hatten.

„Kein Nebenjob“, so ein Parteivorsitz

Der brisanteste und damit interessanteste Teil der zweitägigen Bundesdelegiertenkonferenz – der wegen der Bundestagswahl dritten in acht Monaten – war freilich nicht die Wahl der Vorsitzenden, sondern die Entscheidung über die Änderung der Satzung, die Habeck zur Voraussetzung seiner Kandidatur gemacht hatte. Denn der Mann ist bekanntlich im Hauptberuf Minister für Umweltschutz, Landwirtschaft, Energie und Digitalisierung in Schleswig-Holstein. Und das möchte er noch eine Weile bleiben – was die Satzung, eine Art Grundgesetz der Grünen, nicht zulässt.

Ursprünglich wollte der Minister ja eine Übergangsfrist von „Pi mal Daumen“ einem Jahr. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin stehen in Kiel so rasch nicht zur Verfügung. Seine Unterstützer handelten ihn auf acht Monate herunter. Doch auch diese acht Monate brauchten eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Delegierten. Habeck stieg darum in eigener Sache in die Bütt – statt den Antrag, wie zwischenzeitlich geplant, vom ehemaligen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin einbringen zu lassen. „Es wäre albern, sich hinter dem Rücken anderer zu verstecken“, sagte er. Dann ging Habeck ohne weitere Umstände aufs Ganze, in dem er schlicht und ergreifend feststellte: „Wenn die acht Monate nicht durchkommen, dann kann ich morgen nicht kandidieren.“

Wie hoch das gepokert war, ließ im Anschluss der Berliner Landesvorsitzende Werner Graf erkennen. Er erklärte, entlang von Einzelfällen wie diesem ließen sich „keine Satzungen stricken“. Zwar wolle der linke Flügel niemanden verhindern, so Graf, der für eine Übergangsfrist von maximal drei Monaten plädierte. Allerdings sei der Parteivorsitz „kein Nebenjob“, sondern erfordere hundertprozentigen Einsatz. Eine andere Delegierte beklagte erkennbar zornig: „Da ist wieder der starke Mann, der seine Forderungen stellt, damit wir ihn wählen. Ganz ehrlich, ich lasse mich nicht von Dir erpressen.“

Der Einspruch blieb folgenlos. Habeck bekam seine Zwei-Drittel-Mehrheit. Unterdessen hatte sich aber die Unruhe in der Halle zur Hysterie gesteigert. Schließlich war die Satzungsänderung nicht allein strittig. Überdies gab es Probleme bei der Abstimmung. Vor allem fielen die Würfel eine halbe Stunde vor Mitternacht. Die Delegierten, am selben Tag aus allen Teilen der Republik nach Hannover gereist, waren nach siebenstündigen Beratungen spürbar überdreht. Und manche witterten, dem designierten Parteichef gehe es im Kern um eine Machtdemonstration, der weitere Machtdemonstrationen folgen könnten. Alle Anwesenden wussten: Nach der Abstimmung über die Satzung würde die Wahl Habecks nur noch Formsache sein.

Baerbock: „Die Arktis schmilzt sehr verbindlich“

Rund zwölf Stunden später fanden sich die Delegierten abermals in der Halle ein, deren Bühne ein großer grüner Wald schmückte mit dem Slogan: „… und das ist erst der Anfang.“ Es fing jetzt damit an, dass Annalena Baerbock ihre auf zehn Minuten begrenzte Bewerbungsrede hielt. Diese Rede fiel nach Ansicht der allermeisten Beobachter stärker aus, als manche dieser Beobachter erwartet hatten. Die Mutter zweier Kinder – in Hannover geboren und heute brandenburgische Bundestagsabgeordnete – trug eine schwarze Lederjacke über einem roten Kleid. Einer ihrer ersten Sätze lautete: „Wir wählen hier heute nicht nur die Frau an Roberts Seite, sondern die neue Bundesvorsitzende.“ Das war schon mal sehr selbstbewusst.

Bald darauf betonte Baerbock: „Bei der Klimakrise brauchen wir Radikalität.“ Denn: „Die Arktis schmilzt sehr verbindlich, liebe Union und liebe SPD.“ Das ließ sich ebenso als Zeichen an den linken Flügel verstehen wie die Anmerkung: „Die größte Schande in unserer Gesellschaft ist die unsichtbare Armut.“ Die erfolgreiche Kandidatin gehört nämlich ähnlich wie Habeck zum Realo-Flügel. Ohne diesen linken Flügel kriegt man in der Partei keine überzeugenden Mehrheiten zustande – wenn man überhaupt welch kriegt.

Baerbocks Rede jedenfalls hatte Kraft und Energie. So rief sie den Gegnern des Familiennachzugs für Flüchtlinge zu: „Stellen Sie sich vor, es wäre Ihr Kind“ – das nicht nach Deutschland kommen dürfe. Auch zitierte sie jene, die ihr geraten hatten, nach der Wahl zur Parteichefin die Handy-Nummer zu wechseln. „Das werde ich nicht tun“, sagte Baerbock. Vielmehr müssten Parteifreunde damit rechnen, nachts um zwei von der Vorsitzenden angerufen zu werden, damit sie dieser ihre Meinung sagen (können). Die Grünen möchten ja ein neues Grundsatzprogramm erarbeiten.

In dem Augenblick war Baerbock der Jubel der Halle sicher; so etwas wollen Delegierte hören. Abgesehen davon hatte sie das Glück, dass die niedersächsische Fraktionsvorsitzende Anja Piel als Konkurrentin eine sehr viel schwächere Rede hielt und ihr am Schluss zu allem Überfluss auch noch die Stimme versagte. So setzte sich die 15 Jahre jüngere Wahl-Brandenburgerin durch, hielt danach einen grünen Stofftieradler in die Luft (ein Adler ziert die brandenburgische Landesflagge) und kündigte an, fortan „kraftvoll fliegen“ zu wollen.

Nach Baerbock trat Habeck ans Pult – der einzige männliche Kandidat. Niemand traute sich, ihn herauszufordern. Er hatte ebenfalls zehn Minuten und würde obsiegen. Offen war lediglich noch, was Habeck sagen und wie viele Stimmen er bekommen würde. Der Mann von der Küste lobte zunächst seine Co-Vorsitzende. „Was für ein Auftritt“, rühmte er Baerbock mit Ausrufezeichen und fuhr fort: „Vielleicht habe ich ja Glück und darf der Mann an Deiner Seite sein.“ Von ungefähr kam das nicht. Es herrschte und herrscht innerparteilich die Sorge, in der öffentlichen Wahrnehmung könne Habeck zu sehr dominieren und Baerbock zu wenig Raum lassen. Auch hatten sich die scheidenden Vorsitzenden Simone Peter und Cem Özdemir nicht selten gestritten. Habeck demonstrierte, dass er um diese Gefahren weiß und im Team spielen will.

Anschließend tat er seine Überzeugung kund, dass in Deutschland politisch etwas Neues beginne – so wie vor knapp 40 Jahren, als die Grünen gegründet wurden. „Die Situation kennen wir.“ Zentraler Teil der Rede war indes Habecks Diagnose, dass die politische Linke in Deutschland heute „keinen politischen Ort“ mehr habe, und die Ankündigung, dies ändern zu wollen. Der studierte Philosoph möchte Umverteilung und eine stärkere Besteuerung von Vermögen. Er möchte der „Durch-Ökonomisierung des Privaten eine Grenze setzen“. Er unterstrich, dass über die Agenda 2010 „die Zeit hinweg gegangen“ sei. Und er will nicht zulassen, „dass Menschen sich verabschieden“ – verabschieden aus der Gesellschaft. Ja, Habeck will „gesellschaftliche Gemeinsamkeit organisieren“, „die Gesellschaft vom Zentrum aus denken“ und „jede Frage nicht gleich mit einer Antwort zu dröhnen“. Er schloss mit: „Einmischen heißt machen. Aus Machen entsteht irgendwann auch Macht.“

Die Rede tönte um einiges linker als gedacht. Im Übrigen bot sie jene Mischung aus emphatischer Gesellschaftsanalyse und Aufbruchssignal, die zu erwarten gewesen war. Habeck bekam 83 Prozent der Stimmen. Ein sehr gutes, aber kein Traumergebnis. Özdemir hatte 2010 einmal 88 Prozent eingefahren. Der Rest war tosender Beifall über ein Tandem an der Spitze, das die Mehrheit der Partei zuversichtlich in die Zukunft schauen lässt.

Nachdem Robert Habeck seine Partei am Freitag bis an die Grenze gefordert hatte, streichelte er sie übrigens am Samstag umso wahrnehmbarer. „Danke“, sagte er. „Was ich geworden bin, bin ich durch Euch geworden.“

Es war eine Demutsgeste.

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