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Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen Europas Rolle in der Welt stärken ? mit Seriosität in der Sache und guter Laune im Auftritt.

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Die Grünen arbeiten an ihrer Zukunft

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  • Marina Kormbaki
    Marina Kormbaki
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Wo die Grünen herkommen und warum sie heute so erfolgreich sind.

Wenn man mit Wolf-Dieter Hasenclever spricht, dann leuchten die alten Zeiten wieder auf. „Am Anfang gab es noch linke Störtrupps“, sagt der 72-Jährige. „Eine Frau hat mir zum Beispiel mal bei einem Landesparteitag in Esslingen einen Schlüsselbund über die Wange gezogen, weil ihr mein eher auf die Mitte ausgerichteter Kurs nicht passte.“ Die Narbe hat er immer noch. Während Harmonie in der Ökopartei heute Pflicht ist, sei damals noch „mit härteren Bandagen gekämpft“ worden.

Hasenclever, der lange Zeit in Baden-Württemberg Politik machte und heute in Berlin-Mitte lebt, ist nicht irgendwer. „Ich war einer der Mitbegründer der Partei“, sagt er nicht ohne Stolz, und zwar 1979 zunächst im Südwesten und ein Jahr später auf Bundesebene. Beim Gründungsparteitag 1980 in Karlsruhe hielt der Gymnasiallehrer die Eröffnungsrede. „Der Name Die Grünen entstand in Abstimmung zwischen Herbert Gruhl, August Haußleiter, Petra Kelly und mir.“ An Hasenclever – so viel ist gewiss – lässt sich die Entwicklung der Partei ganz gut ablesen.

Anfangszeiten der Grünen waren wild

Die Anfangszeiten der Grünen waren ja wild. Sie gründeten sich in einem großen Dagegen – gegen die Nato-Nachrüstung und die Stationierung von Pershing-II-Raketen wie auch gegen die Atomenergie und das Waldsterben. Engagierte Christen gehörten genauso zu den Gründungsmitgliedern wie ehemalige Anhänger kommunistischer Gruppen und sogenannte Ökolibertäre, als deren Exponent Hasenclever galt.

Er zog 1980 als Abgeordneter des Wahlkreises Tübingen in den Landtag von Baden-Württemberg ein und wurde Fraktionschef. 1983 trat Hasenclever vom Fraktionsvorsitz zurück und nannte als Grund das Rotationsprinzip, das die Landesgrünen nach der Neuwahl des Landtages 1984 verankern wollten. 1998 kandidierte der seinerzeit 53-Jährige noch einmal für das Amt des Oberbürgermeisters in Tübingen und scheiterte nur knapp.

Unter dem Strich ist Hasenclevers Geschichte die Geschichte einer Entfremdung. Denn 2001 verließ der Vater von zwei Kindern die Grünen und wechselte zur FDP. Ausschlaggebend war, dass der im Vergleich zum Landesverband Baden-Württemberg wesentlich linker orientierte Berliner Landesverband mit der PDS kooperierte. „Wäre ich in Baden-Württemberg geblieben, wäre ich wahrscheinlich noch drin.“

Hasenclevers Nachfolger im Amt des Fraktionsvorsitzenden im baden-württembergischen Landtag trägt übrigens einen berühmten Namen: Winfried Kretschmann. Für den Ministerpräsidenten hat sich das Ausharren gelohnt. Überhaupt ist der Erfolg der Grünen nicht zu leugnen. 1983 rückten sie erstmals in den Bundestag ein, mit Rauschebärten, weiten Kleidern und dicken Pullovern. Zwei Jahre später wurde Joschka Fischer Umweltminister in Hessen und erschien mit Turnschuhen zur Vereidigung. 1990 flogen die West-Grünen wieder aus dem Bundestag raus, nicht zuletzt, weil sie zur Wiedervereinigung eine mindestens indifferente Haltung einnahmen. Nur acht Ost-Grüne schafften es; Werner Schulz wurde ihr Sprecher.

Grünen-Triumph 1998

1998 dann der Triumph. Die Grünen bildeten mit der SPD eine Regierung; da hatten die „Realos“ die „Fundis“ längst geschlagen. Fischer wurde Außenminister und erschien fortan im Dreiteiler. Im Herbst 2017 lag eine weitere Regierungsbeteiligung zum Greifen nahe; Jamaika scheiterte nicht an den Grünen. Es scheiterte an der FDP. Unterdessen sind die Grünen an neun Landesregierungen beteiligt. In Umfragen rangieren sie um 20 Prozent. Bundesgeschäftsführer Michael Kellner begann seine Pressekonferenz am Mittwoch mit den Worten: „Wir sind der Schrittmacher der deutschen Politik; der Laden brummt.“

Das war nicht übertrieben. Der Ökopartei ist es gelungen, aus den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen als Gewinner hervorzugehen. Mit ihrem demonstrativen Willen zum Regieren haben sie sich einen staatstragenden Anstrich verpasst, der ihnen auch jenseits des Öko-Milieus Zulauf beschert. Und mit dem fröhlichen Wechsel von Cem Özdemir und Simone Peter zu Robert Habeck und Annalena Baerbock an der Parteispitze Anfang des Jahres setzten sich die Grünen deutlich ab von Union und SPD, die immerfort von Erneuerung sprachen, sie aber nicht lieferten. Seriosität in der Sache und gute Laune im Auftritt – das ist die Formel, die den Grünen vor wenigen Wochen das 70 000. Parteimitglied beschert hat.

Zu den Neuzugängen des Jahres 2018 gehört Mathias Böhnke, 58, Angestellter im kaufmännischen Bereich und langjähriger zweiter Vorsitzender des Schützenvereins Jelmstorf und Umgegend. Die Grünen vom Kreisverband Uelzen (Niedersachsen) haben schon etwas gestaunt, als im September plötzlich ein Schütze vor ihnen saß, hießen ihn aber herzlich willkommen. Eigentlich, erzählt Böhnke, sei er ja schon länger ein grüner Schütze.

Bayerischer Landesverband der Grünen stellt 10.000 Mitglieder

Seit Joschka Fischer den Grünen ihre Realitätsferne ausgetrieben habe, habe er, Böhnke, immer grün gewählt. Er hat die Ölheizung zu Hause gegen eine Pelletheizung eingetauscht und eine Solaranlage aufs Dach gesetzt – „um hinterher sagen zu können: Wir haben wenigstens was getan für diesen Planeten“, sagt der dreifache Familienvater. Aber der Partei beitreten? Die   Frage blieb offen, bis Böhnke im Sommer Habeck im Radio hörte.

„Den Wortlaut habe ich nicht mehr im Ohr, aber sinngemäß meinte Habeck, dass die Kraft in der Überzeugung liegen müsse, nicht in Vorgaben.“ „Kraft in der Überzeugung“ – das klingt schon sehr nach Habeck und seinen wuchtig-vagen Worten. „Auf mich wirkte das ehrlich“, sagt Böhnke. „Da gibt einer zu, dass er nicht alle für sich gewinnen kann, will sich aber Mühe geben.“ Für ihn sei dies der ausschlaggebende Punkt für den Parteieintritt gewesen: „Die Zeit der oberlehrerhaften Grünen ist vorbei – dafür stehen Robert Habeck und Annalena Baerbock.“ Böhnkes sehnlichster Wunsch als Grünen-Neumitglied? „Dass der nächste Kanzler oder die nächste Kanzlerin grün ist.“ Dafür wolle er sich jetzt im Grünen-Kreisverband Uelzen einsetzen. 

Die energischen Landtagswahlkämpfe der hessischen und, mehr noch, der bayerischen Grünen haben auch ihren Anteil an den steigenden Mitgliederzahlen. Von den 70.000 Mitgliedern stellt allein der bayerische Landesverband inzwischen 10.000.

Zu ihnen zählt Lena Beier, 25, Politikstudentin in München. Sie hat sich zu Jahresbeginn für eine Parteimitgliedschaft entschieden, aus Sorge um das große Ganze. „Die rechten, autoritären Kräfte werden stärker, da will ich nicht passiv bleiben“, sagt Beier. Sie war dabei, als viele Münchner im Sommer gegen die Polizei- und Asylgesetze der CSU demonstrierten, die Grünen seien das Gegenmodell zu einer auf Abschottung abzielenden Politik. Beier ist überzeugt, dass keine andere Partei die Themen ihrer Generation so ernst nimmt: „Klimakrise, Gleichberechtigung, Digitalisierung – die Grünen denken diese Themen zusammen.“ 

Beier gehört zum nicht gerade kleinen Kreis von Grünen-Sympathisantinnen, die mit viel Respekt von Baerbock sprechen. Das kämpferische Auftreten der Lederjackenträgerin hinterlässt Eindruck. „Für mich als junge Frau ist Baerbock ein Vorbild“, sagt die Studentin und lobt die Parteichefin für deren analytischen Blick. Als Kanzlerin aber sieht Beier Baerbock noch nicht. Das Umfragehoch sei ja schön und gut, aber: „Auf dem Boden bleiben.“ Offensichtlich ist: Die grünen Kämpfe der ersten Jahre sind für Böhnke und Beier vor allem eines – Geschichte.

Auf dem Boden zu bleiben empfiehlt – wie Beier – auch Wolf-Dieter Hasenclever. Das Gründungsmitglied, das sich heute zivilgesellschaftlich engagiert, lobt zwar: „Mittlerweile hat sich bei den Grünen der Gedanke durchgesetzt, dass man politische Veränderungen nicht vom Rand her durchsetzen kann, sondern nur aus der Mitte. Die Wende kam mit Cem Özdemir.“ Gleichwohl sehe er noch eine Verdrängung von Problemen, etwa bei den Themen Flüchtlinge oder Energie. Man müsse Missstände klar ansprechen und bekämpfen, so Hasenclever. Denn: „Das Volk ist nicht so dumm, wie man glaubt.“ Würden die Grünen noch realistischer, „dann sind 30 Prozent auch bundesweit möglich“.

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