+
Die Gewerkschaften merken, dass die SPD in einer immer stärker pluralen Gesellschaft an Bindungskraft verliert. Da liegt es auf der Hand, alternative Bündnispartner zu suchen.

Gemeinsamkeiten

Grüne zielen auf Wähler der SPD

  • schließen

Das Verhältnis von Gewerkschaften und Grünen hat sich normalisiert. Denn auch die Gewerkschaften wollen sich breiter aufstellen.

Holger Börner war Sozialdemokrat, aber zuallererst war er auch Gewerkschafter. „Ich bedauere, dass es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins auf die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt“, sagte der hessische Ministerpräsident und gelernte Betonbauer im Jahr 1982 über Demonstranten gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen.

Börner schloss damals kategorisch aus, mit den Grünen über eine Koalition zu verhandeln – bildete eine solche dann aber doch notgedrungen, auf der Suche nach Mehrheiten, im Jahr 1985 gemeinsam mit Joschka Fischer. In der Person des Betonbauers Börner spiegeln sich der historisch enge Bund von SPD und Gewerkschaften und die einstige Abscheu vieler Gewerkschafter gegenüber den Grünen.

Wie hätte es auch anders sein können? Die Gewerkschaften haben ja seit jeher die Aufgabe, sicherzustellen, dass die Arbeiter einen fairen, möglichst großen Anteil vom erarbeiteten wirtschaftlichen Wohlstand abbekommen. Um große Kuchenstücke verteilen zu können, braucht es einen großen Kuchen. Die Grünen wiederum sind nicht zuletzt aus der Umweltbewegung entstanden, in der großer Zweifel daran herrschte, dass es mit dem wirtschaftlichen Wachstum für immer so weitergehen könnte. Sie mussten erst darum ringen, mit ihren ökologischen Themen ernst genommen zu werden – im Konflikt mit Unternehmen und Gewerkschaften.

Was ist heute anders? Das Verhältnis von Gewerkschaften und Grünen hat sich normalisiert. Etwa acht Prozent der in Gewerkschaften organisierten Menschen haben laut Forschungsgruppe Wahlen bei der vergangenen Bundestagswahl im September 2017 die Grünen gewählt – das liegt auf der Höhe des Gesamtergebnisses der Grünen bei dieser Wahl (8,9 Prozent). Wie im Rest der Bevölkerung schneiden die Grünen auch unter Gewerkschaftern stärker bei den Frauen als bei den Männern ab – und im Westen besser als im Osten. Mit dem in diesem Jahr scheidenden Verdi-Chef Frank Bsirske ist seit langem einer der wichtigsten Gewerkschaftschefs ein Grüner.

Die Normalisierung dürfte mit zwei Dingen zu tun haben: Erstens sind die Grünen mit ihren Themen weit in die Mitte der Gesellschaft vorgerückt. Die Deutschen sortieren ihren Müll, halten niemanden mehr so schnell für einen „Ökospinner“ – und natürlich wollen auch Gewerkschaftsmitglieder ihren Kindern eine möglichst intakte Umwelt hinterlassen.

Zweitens haben Gewerkschaften und Grüne strategische Interessen, die sich gut ergänzen: Die Gewerkschaften – ohnehin parteiübergreifend konzipiert – sehen, dass die SPD in einer immer stärker pluralen Gesellschaft an Bindungskraft verliert. Die Gewerkschaften müssen sich also möglichst breit aufstellen.

Und die Grünen? Sie wollen eine Alternative auch für die Wählerinnen und Wähler  sein, die sich zurzeit nicht von den Sozialdemokraten angesprochen fühlen. Sie hätten, so denkt mancher, um es in der Diktion Holger Börners zu sagen, „nicht alle Latten am Zaun“, wenn sie die mittlerweile gewachsene Beziehung zu den Gewerkschaften nicht pflegen würden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion