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Henning Scherff (re.), Bremens Ex-Bürgermeister, gratuliert seinem Nachfolger, dem SPD-Spitzenkandidaten Jens Böhrnsen.

Bürgerschaftswahl in Bremen

Grüne lassen CDU hinter sich

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Nach der ersten Hochrechnung des Landeswahlleiters kommt die SPD auf 38,8 Prozent und kann mit den Grünen weiterregieren. Es ist ein Wahlabend nicht der großen, sondern einiger kleiner Überraschungen an der Weser.

Michael Pelster trägt Spendierhosen. Er steigt aufs Podium und greift zum Mikrophon. Dann verkündet der Landesschatzmeister der Bremer Grünen, dass er tief in die Konten geblickt habe, alles sei in Ordnung. Also: „Zehn Kisten Freibier, bis sie weg sind!“ Jubel dröhnt durchs Weserhaus. Wieder einmal. Die SPD erzielte nach der ersten Hochrechnung des Landeswahlleiters 38,8 Prozent, die Grünen 22. CDU, FDP und Linke mussten Verluste hinnehmen. Die CDU erreichte noch 20,1 Prozent, die Linke liegt bei 6,4 und die FDP ist mit 2,5 Prozent nicht mehr im Parlament. Mit einem Sitz in der neuen Bürgerschaft sind die Bürger in Wut über ihr Ergebnis in Bremerhaven vertreten. Das Ergebnis basierte auf 27 der Stimmen aus 70 repräsentativen Wahlbezirken.

Es ist ein Wahlabend nicht der großen, sondern einiger kleiner Überraschungen an der Weser. Niemand hatte daran gezweifelt, dass die SPD mit Bürgermeister Jens Böhrnsen stärkste Partei würde. Seit 1946 regieren die Genossen Bremen, stehen so stabil da wie der Roland vor dem Rathaus. Aber dass die Grünen, die seit 2007 mit der SPD regieren, vor der CDU in die Bürgerschaft einziehen und die Union auf den dritten Platz schicken würden? Schon eine kleine Sensation.

„Ein grandioses Ergebnis“, findet jedenfalls Karoline Linnert, Grünen-Spitzenkandidatin und Finanzbürgermeisterin. „Jetzt müssen wir uns richtig anstrengen.“ Sie muss auch keine Fragen mehr abwehren, ob die Grünen nicht vielleicht doch mit der CDU als Junior regieren wollen. Je später der Abend, desto klarer die Prognosen: Es reicht eh nicht. „Ich bin doch auch so Bürgermeisterin“, sagt Linnert und freute sich auf ihre Art: nach innen und mit einem frechen Grinsen.

Vor dem Weserhaus feiern die Grünen mit Hunderten Anhängern vergnügt in den leicht windigen Abend. Man sitzt in Strandkörben, trinkt ein Bierchen auf Parteikosten, drinnen spielt eine Band, Grünen-Chefin Claudia Roth knuddelt höchstvergnügt den Parteinachwuchs. „Nur schade“, sagt einer im Trikot des diese Saison unglücklich spielenden Fußballbundesligisten SV Werder Bremen, „nur schade, dass Werder nicht am Samstag den Pott geholt hat, sondern Schalke.“

Andere haben andere Sorgen. Zum Beispiel die CDU, die gar nicht weiß, wie sie ihr neues Elend in Worte fassen soll. „Ein Desaster ist das nicht“, findet der CDU-Fraktionsvorsitzende Thomas Rövekamp nach der ersten Prognose. Er sieht aus, als glaubte er den Satz selbst nicht. „Ein bitteres Ergebnis“, meint hingegen die CDU-Spitzenkandidatin Rita-Mohr-Lüllmann. Es ist ein Desaster erlebt: Die Bremer Wähler sind in Scharen davongelaufen. Nicht einmal mehr Wirtschaftskompetenz vermuten sie bei der CDU.

Das Ergebnis der FDP ist für die Liberalen schockierend. Die Linke ist geschrumpft und geblieben, was sie war: eine noch unfertige Kleinpartei, sehr mit sich selbst beschäftigt und deshalb gerade noch einmal in die Bürgerschaft gerutscht.

In den Wochen vor dem Wahlsonntag bestand nie ein Zweifel daran, dass der 61-jährige Böhrnsen im Amt bleiben würde. Er ist beliebt, hat einen Amtsbonus, sein Ruf ist seriös, man ist zufrieden mit ihm. Man wollte eine Fortsetzung für Rot-Grün.

Ein sichtlich entspannter SPD-Bürgermeister bedankt sich am Wahlabend bei seiner SPD und erlaubt sich ein bisschen Spott über die CDU, die auf ihren Wahlplakaten mit kernigen Hafenarbeitern geworben hatte, die in Wahrheit Männermodells waren. Dann verkündet er, was sowieso alle wissen: Er werde mit den Grünen weitermachen.

Es gab nie eine Mehrheit für einen Wechsel an der Weser, es gab keine zündenden Themen im Wahlkampf, die Opposition war mit sich selbst beschäftigt. Warum also Frau Mohr-Lüllmann von der CDU an die Rathausspitze wählen? Eine freundliche Apothekerin, die eher aus Mangel an tapferen Männern Spitzenkandidatin der Union geworden war?

Politik ist in Bremen ein undankbares Geschäft. Es gibt nichts zu verteilen. Und die kommende Zeit wird noch rauer. Bürgermeister Böhrnsen kündigt an, was die nächsten Jahre passieren muss: sparen, sparen und noch einmal sparen. Er will im Duett mit seiner grünen Finanzsenatorin Linnert Bremen aus seiner „unverschuldeten Haushaltsnotlage“ herausführen. Und das, sagt er brauche einen „langen Atem“.

Bremens prächtige Altstadt mit ihren vielen und teils auch teuren und noblen Geschäften täuscht über die wahre Lage des Stadtstaates hinweg: Zwar brummt die Wirtschaft, florieren Branchen wie Hafenwirtschaft, Luft- und Raumfahrtindustrie. Wie in Stuttgart ist Daimler Benz der größte Arbeitgeber. Mehr als 16.000 Menschen schrauben Autos zusammen oder arbeiten bei Zulieferern. Andererseits ist die Stadt fast pleite, die Kinderarmut hoch, die Arbeitslosigkeit ebenso. Bremen ist Hartz-IV-Hochburg, hat die meisten Firmenpleiten und Privatinsolvenzen, bei Pisa-Studien liegt die Stadt an der Weser regelmäßig am Ende.

Derzeit gibt Bremen jährlich über eine Milliarde Euro mehr aus, als es einnimmt. Der Schuldenberg ist auf über 18 Milliarden Euro gestiegen. Jährlich muss der Stadtstaat allein 650 Millionen Euro nur für Zinsen zahlen. Eine höhere Pro-Kopf-Verschuldung als die der Bremer gibt es nirgends in Deutschland.

Eine kleine, aber keine schöne Überraschung an diesem Wahlabend in Bremen ist auch die schwache Beteiligung, knapp über 50 Prozent: Da hat man erstmals das Stimmalter auf sechzehn abgesenkt, von einem wichtigen Schritt gegen Politikverdrossenheit geredet – und dann so etwas. „Vielleicht“, sagt Hennig Scherf, der frühere SPD-Bürgermeister, ratlos und leicht geknickt, „hat es ja an dem ausgesprochen lahmen Wahlkampf“ gelegen.

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