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Auf dem weg zur Macht: Werner Kogler und seine Grünen, links Ministerin in spe Leonore Gewessler.

Österreich

Grüne Alleskönnerin mit großen Plänen für Österreich

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Die grüne Umweltaktivistin Leonore Gewessler übernimmt in Wien wohl gleich mehrere ministerielle Ressorts – ein Porträt.

„Umsteuern“ ist ihr Lieblingswort. Österreich will unter der neuen Bundesregierung das Vorzeigeland in Sachen Klimaschutz innerhalb der EU werden. Jene Frau, die die Symbolfigur dieses Umstiegs auf eine andere Steuer- und Verkehrspolitik werden soll, ist erst 42 Jahre alt, eine Steirerin und ehemalige Geschäftsführerin der Umweltorganisation Global 2000. Leonore Gewessler (siehe Bild oben) wird ein Superministerium leiten: Die Bereiche Umwelt, Verkehr, Infrastruktur, Energie, Technologie und Innovation sollen in ihm zusammenfließen.

Die Infrastruktur und Energieversorgung des Acht-Millionen-Staates im Herzen Europas soll so umgebaut werden, dass die CO2-Emissionen sich drastisch verringern und der öffentliche Verkehr so billig und so konsumentenfreundlich wird, dass immer weniger Leute mit Autos fahren. Die Schienen sollten in der EU so ausgebaut werden, dass niemand mehr für unter 800 Kilometer ins Flugzeug steigen muss, findet Gewessler.

Die Regierung wird daran gemessen werden, ob die sehr sachorientierte Frau dies trotz des zu erwartenden Widerstands von Wirtschaftstreibenden und Auto-Liebhabern gelingen wird. Sie selbst fährt am liebsten mit dem Nachtzug – ob nach Berlin oder nach Brüssel. Insbesondere in die europäische Hauptstadt reiste sie immer wieder, weil sie dort die Ökostiftung Green European Foundation leitete, bevor sie vor fünf Jahren die Leitung von Global 2000 übernahm. Dort führte sie Kampagnen gegen die Handelsabkommen TTIP und Ceta, für den Kohleausstieg und gegen eine dritte Flughafenpiste in Wien.

Bei den Verhandlungen mit der ÖVP spielte die Politikwissenschaftlerin in den vergangenen 90 Tagen eine entscheidende Rolle – die 42-Jährige gilt als fachliche Expertin, die sich seit Jahren mit Modellen und Möglichkeiten der Schadstoffreduzierung und des Energieumstiegs beschäftigt. Wie viele junge Grüne in Österreich wurde sie durch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl geprägt. Die Tochter eines Mediziners aus Graz bekam damals Sandkastenverbot. Später landete sie in der grünen Aktivistenszene, galt aber nie als Fundi, sondern als Analytikerin. Dabei nimmt ihre Liebe zur Natur durchaus konkrete Formen an. Sie hegt gerne ihre Balkonpflanzen.

Teil des bürgerlichen Milieus

Die verheiratete Gewessler kandierte als Nummer zwei auf der Grünen-Liste hinter Parteichef Werner Kogler bei den Wahlen im September. Die dunkelblonde, selbstbewusste Radfahrerin gehört zu jenen „bürgerlichen“ Grünen, die aus ähnlichen Elternhäusern kommen wie die ÖVP-Minister. Verständigungsprobleme gibt es also keine, inhaltliche Differenzen sehr wohl. Gewessler etwa kritisierte in der Vergangenheit immer wieder die Landwirtschaftspolitik der Konservativen. Und sie forderte als Global-2000-Chefin ein, dass Österreich wenigstens die von der EU-Kommission verlangten Klimaziele einhalten soll. Entscheidend wird sein, ob es ihr gelingt, die Steuern zu ökologisieren – kurz zusammengefasst heißt das: Wer CO2 ausstößt, soll mehr zahlen. Wenn es um den öffentlichen Verkehr geht, dann ist sie darauf angewiesen, dass die ÖVP zustimmt, hier ordentlich zu investieren. Gewessler wird viel Geld brauchen.

Gewessler lebte schon seit ihrem Politikwissenschaftsstudium in Wien und stand dem grünen Bezirksvorstand in Wien-Neubau, Thomas Blimlinger, zur Seite. Wien-Neubau ist so etwas wie der wichtigste Heimatrasen der Ökopartei – im siebten Bezirk gibt es schon seit langem grüne Mehrheiten. Hier leben weltoffene, europäisch gesonnene Bobos („bourgeoise Bohemiens“), hier gibt es überall veganes Essen, schicke Bio-Kleiderläden, und Jungväter schieben Kinderwägen vor sich her, mit denen man auch Joggen gehen kann. Leonore Gewessler ist Teil dieses durchaus bürgerlichen Milieus.

Kommt jetzt das „Modell Österreich?“ Eine Koalition aus Konservativen und Grünen als Vorbild für Deutschland? Schon möglich, sagt FR-Kommentator Stephan Hebel, aber der Preis wäre hoch.

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