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Man braucht kein Haus im Grünen, um Solarstrom zu erzeugen.
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Man braucht kein Haus im Grünen, um Solarstrom zu erzeugen.

Klimaschutz

Gründer Ramon Kempt: „Die Politik muss im Moment gar nicht so viel für die Energiewende tun, sondern weniger dagegen.“

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Ramon Kempt, Gründer und Vorstand der Genossenschaft „Energiegewinner“, über politische Bremsklötze für den Klimaschutz, den Sinn und Unsinn von Verboten und fragwürdige Privilegien für Energiekonzerne

Herr Kempt, wie wird man „Energiegewinner“?

Ich habe früher im Vertrieb gearbeitet, unter anderem für Telekommunikations- Unternehmen. Im Jahr 2009 gab es den großen Solarboom, und mir ist zum ersten Mal der Begriff „Bürgerenergie“ begegnet. Das hat mich interessiert, und dann bin ich auf meinen heutigen Vorstandskollegen Kay Voßhenrich gestoßen, der schon Erfahrung im Solarbereich hatte. Im Oktober 2010 haben wir dann die Genossenschaft „Energiegewinner“ gegründet.

Was unterscheidet Sie von anderen Projekten in diesem Bereich?

Die meisten Initiativen sind lokal sehr eingegrenzt, dadurch ist die Zahl der Anlagen und der Teilnehmenden endlich. Wir wollten ein Modell finden, bei dem Menschen sich innerhalb einer großen Genossenschaft an der Energiewende beteiligen können, ohne allerdings den regionalen Bezug zu einem konkreten Projekt zu verlieren.

Was hat das mit Politik zu tun?

Wir wirken an einer großen Veränderung mit: weg von zentraler Energieversorgung, hin zu demokratischen Formen der Beteiligung – das steckt ja schon in der Rechtsform einer Genossenschaft. Es müsste noch viel mehr davon geben, damit die Menschen wirklich mitbestimmen können und nicht auf Gedeih und Verderb dem großen Kapital ausgeliefert sind. Wir sehen uns nicht als politischen Player, aber was wir tun, hat einen politischen Effekt. Irgendwann kann die Politik dann gar nicht anders, als mit in diese Richtung zu laufen. Das haben wir an der Entwicklung der vergangenen zehn Jahre gesehen.

Inwiefern?

Wenn Sie sich anschauen, was sich seit Greta Thunberg in der politischen Landschaft und in den Medien dreht – das ist ja schon fast eine 180-Grad-Wende. Jetzt ist sogar höchstrichterlich entschieden worden, dass es gar nicht mehr erlaubt ist, Gesetze zu machen, die dem Klimaschutz entgegenstehen. Das ist ein großer Fortschritt, nachdem uns früher manche Steine in den Weg gelegt worden sind. Aber letztlich kommt die Kraft zur Veränderung von unten.

Genügt das, was politisch geschehen ist, um die notwendigen Bedingungen für die Energiewende zu schaffen?

Nein, das ist viel zu wenig. Wenn wir in Richtung 100 Prozent erneuerbarer Energien gehen wollen, müssten wir in Deutschland in den nächsten zehn Jahren ungefähr sieben Mal so viel Photovoltaik bauen, wie im vergangenen Jahrzehnt. Wir haben jetzt, auch dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), 50 Gigawatt geschafft, aber das war nur ein Anfang. Da tut die Politik zu wenig.

Ramon Kempt (45) ist Betriebswirt sowie Mitgründer und Vorstand der Genossenschaft „Energiegewinner“ in Köln. Interessierte können dort Anteile zum Preis von 50 Euro pro Stück kaufen. Dafür bekommen sie das Recht, ein Solarmodul zu erwerben. Sie verpachten es dann zurück an die Genossenschaft und erhalten jährlich die Erträge ausgezahlt. „Damit machen wir die Leute zu Erzeugern, obwohl sie selbst überhaupt kein Dach haben“, sagt Kempt.

Was fehlt?

Zunächst: Hätte es das EEG mit den Einspeise-Vergütungen für erneuerbare Energien nicht gegeben, wäre vieles nicht möglich gewesen. Aber jetzt drehen sich die Dinge in Richtung Markt. Das EEG sollte ja auch ursprünglich ein Markteinführungsgesetz sein und sich selbst irgendwann überflüssig machen. Jetzt sind wir meiner Meinung nach genau an dem Punkt, wo das passiert: Es gibt Projekte, wo die Förderung allenfalls noch als doppelter Boden für den Notfall eine Rolle spielt, weil die Photovoltaik inzwischen die günstigste Art der Energieerzeugung ist.

Was müsste die nächste Regierung tun, um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen?

Es gibt immer wieder neue Normen für Zertifikate oder Anschlussbedingungen. Es müsste dazu übergegangen werden, nur das Notwendigste vorzuschreiben, natürlich mit Rücksicht auf die Netzsicherheit. Zum Beispiel dürfen kleine Unternehmen, die sich selbst versorgen wollen, nicht an unnötigen bürokratischen Bremsklötzen scheitern. Die Politik muss im Moment gar nicht so viel für die Energiewende tun, sondern weniger dagegen.

Können Sie mal einen der „Bremsklötze“ beschreiben?

Trafos, die vollständig funktionieren, müssen teilweise ausgetauscht werden, sobald an der Anlage etwas geändert wird. Da kommt schon mal die Vermutung auf, dass große Konzerne einen gewissen Einfluss ausüben, um sich auf dem Markt Vorteile zu verschaffen. Wenn schon erneuerbar, wollen sie es lieber selber machen, als es den Bürgerinnen und Bürgern zu überlassen.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden. Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de . Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

Die Serie geht in Sommerpause : Die nächste Folge zum Thema Feminismus erscheint am Freitag, 27. August.

Zuletzt erschienen: eine Folge zum Thema Bürgerrechte am Freitag, 9. Juli.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/bundestagswahl

Was hat Politik dazu beigetragen?

Das EEG war mal ein einfaches, klares Gesetz mit neun Seiten. Genau das wurde verspielt, sonst hätte der Übergang von der Förderung zum Markt noch viel früher stattfinden können. Jetzt sind wir bei rund 30 Seiten, und die Regeln sind oft viel zu kompliziert – nicht nur im EEG. Wenn Sie sich als Privatmensch oder kleines Unternehmen eine Anlage aufs Dach setzen wollen, haben Sie irgendwann keine Lust mehr oder der Aufwand wird einfach zu groß.

Welche Regierung könnte das ändern?

Wir sind inzwischen gesellschaftlich so weit, dass es fast keine Rolle mehr spielt, wer die Bundestagswahl gewinnt. Die drei Parteien, die die Chance haben, die Bundeskanzlerin oder den Bundeskanzler zu stellen, werden gar nicht anders können, als den Klimaschutz zu unterstützen. Natürlich werden die einen mehr tun und die anderen weniger. Aber grundsätzlich kann es sich niemand mehr leisten, ist die Politik in eine andere Richtung zu bringen.

Was müsste eine ideale Regierung tun?

In einer idealen Welt würde Politik den Menschen wieder mehr Verantwortung für ihr eigenes Leben zutrauen, nicht nur auf unserem Gebiet. Verbraucherschutz in Ehren, aber muss ich wirklich alle per Gesetz davor schützen, Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten? Ist es nicht besser, aufzuklären und die Konsequenzen eines bestimmten Handelns deutlich zu machen?

Aber oft heißt es doch, dass es ohne Ordnungsrecht und Verbote nicht geht.

Beim Klimawandel ist es ja so: Wenn es so weitergeht, werden wir alle sterben, aber nicht morgen. Wir nehmen die Entstehung des Schadens nicht wahr, weil sich vom einen auf den nächsten Tag nur wenig ändert. Nur im Zeitraffer können wir erkennen, wie ein Eisberg über die Jahre schmilzt. Natürlich ist es Aufgabe der Politik, die Menschen davor zu schützen. Aber vieles ist so stark reguliert worden, dass nichts mehr investiert wird.

Was heißt das konkret?

Nehmen Sie das Beispiel Crowdfunding: Sie dürfen nicht einfach mehr als 25 000 Euro in ein Projekt stecken, selbst wenn Sie es wollen. Ich verstehe schon, dass die Bürgerinnen und Bürger vor denen geschützt werden sollen, die mit dem Geld stiften gehen wollen. Aber dafür würde doch auch die Pflicht der Anbieter genügen, genaue Informationen zur Verfügung zu stellen. Die Leute würden gern viel mehr in erneuerbare Energien investieren. Und Politik müsste nicht mehr tun, als zu sagen: Schaut genau hin, aber investiert euer Geld in Dinge, die uns allen nutzen.

Also keine Ge- und Verbote?

Doch, zum Beispiel Vorgaben für den CO2-Ausstoß. Auch mit Steuervergünstigungen, etwa für Elektroautos, lässt sich politisch viel bewirken, ohne viel Geld ausgeben zu müssen.

Im Rückblick auf die Ära der Kanzlerin: Gibt es einen „Merkel-Moment“, der Sie besonders beeindruckt hat?

Ja, das war der Satz „Wir schaffen das“. Diese historische Sekunde, in der Deutschland auch international als weltoffen und menschenoffen wahrgenommen wurde. Leider hat das dann eine andere Richtung genommen, aber solche Momente wünsche ich mir häufiger in der Politik.

Interview: Stephan Hebel

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