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Ex-Speaker John Bercow gab im September 2019 seinen Rückzug aus der Politik bekannt.
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Ex-Speaker John Bercow gab im September 2019 seinen Rückzug aus der Politik bekannt.

Paukenschlag in Großbritannien

Großer Schritt nach links: Abgeordneter brüskiert Johnson und wechselt die Partei

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
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Großbritanniens ehemaliger Parlamentspräsident John Bercow hat mit seiner Partei abgerechnet und wechselt die Seiten. Das dürfte Boris Johnson nicht gefallen.

London – In den schier endlosen Brexit-Debatten Großbritanniens wurde sein Schlachtruf „OOOOrdÄÄÄr!“ weltberühmt. Zuletzt war es aber still geworden um den früheren Speaker (Parlamentspräsident) des Unterhauses John Bercow – und wie man den mit einem nicht geringen Ego ausgestatteten John Bercow so kennt, dürfte ihm das gar nicht recht gewesen sein. Am Sonntag hat er sich mit einem Paukenschlag zurückgemeldet: Seine frühere Partei, Premierminister Boris Johnsons Konservative, sei „reaktionär, populistisch, nationalistisch und gelegentlich sogar fremdenfeindlich“. Bercow gehört nun der sozialdemokratischen Labour-Opposition an.

Empört zeigt sich der 58-Jährige im Gespräch mit der Sonntagszeitung „Observer“ besonders über die Behandlung des Parlaments durch die Torys. In der für ihn typischen blumigen Diktion spricht Bercow von „wachsenden, umfangreichen und unanfechtbaren“ Anhaltspunkten dafür, dass Premier und Kabinett „dem Parlament Unwahrheiten sagen“ oder es links liegen ließen. „Aber die Wahrheit ist wichtig und das Parlament ist wichtig.“

John Bercows Wechsel zur Labour-Partei: Politischer Knall in Großbritannien

Da nimmt Bercow Zweifel auf, die sein Nachfolger Lindsay Hoyle immer wieder artikuliert. Just bezichtigte der den Premier wütend „irreführender“ Mitteilungen – im parlamentarischen Sprachgebrauch ein schwerer Vorwurf, der auch zum Verfassungskonflikt führen kann. Zwar kam es bei einem Vieraugengespräch zur Versöhnung; Angesichts von Johnsons Regierungshandeln der vergangenen zwei Jahre ist zweifelhaft, wie lang der Frieden hält.

Seit seinem Ausscheiden aus dem Unterhaus im Oktober 2019 gehört Bercow dem Parlament nicht mehr an, weil die Johnson-Regierung ihm verweigerte, was sämtlichen Ex-Speakern zuteil geworden war: die Berufung auf Lebenszeit ins Oberhaus. Die beispiellose Brüskierung war wohl als Quittung gedacht dafür, dass Bercow selbst oft genug Konventionen und Regeln missachtet hatte. Nicht zuletzt geriet er in den Brexit-Debatten nicht ganz zu Unrecht in den Verdacht, er bevorzuge jene, die das Referendum mit parlamentarischen Mitteln annullieren wollten. Die härtesten Auseinandersetzungen hatte der Speaker stets mit jenen konservativ-nationalen Ex-Parteifreunden, die sich für den EU-Austritt stark machten.

John Bercow, als er noch rauflustiger Präsident des Unterhauses war.

Großbritannien: John Bercows Kritik an Boris Johnson – Keine Vision für gerechtere Gesellschaft

Dabei kam der Sohn eines jüdischen Taxifahrers mit rumänischen Wurzeln aus dem Londoner East End selbst als „fanatischer Rechtsaußen“ in die Politik, wie er heute verlegen einräumt. Nicht zuletzt Dank Ehefrau Sally, die seit langem Labour angehört, tendierte er zur politischen Mitte, machte sich für familienfreundliche Reformen in Westminster stark. Ganz wurde man dabei den Eindruck nicht los, die politische Verwandlung habe damit zu tun, dass Bercow für die Wahl zum Speaker die Stimmen gemäßigter Labour-Leute sowie der wachsenden Zahl von Parlamentarierinnen brauchte.

Der Schritt zu Labour sieht aber weniger nach Opportunismus aus – oder hat ihm dessen Chef Keir Starmer das Oberhaus versprochen? „Es gab keine Diskussion darüber, ich habe nicht darum gebeten“, beteuert Bercow, der nie ein Hehl daraus gemacht hat, wie gern er ins geliebte Parlament zurückkehren möchte. Vielmehr seien Labours Werte wie Gleichberechtigung und progressiver Wandel der Grund für seinen Eintritt. Starmer setze sich ehrlich für bessere Lebensverhältnisse ein – anders als Johnson. Der habe „keine Vision für eine gerechtere Gesellschaft“, nur „leere Slogans und Lügen“. (Sebastian Borger)

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