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Louise vergnügt am Strand: Während sich ihre Eltern streiten, am Handy hängen oder mit dem MP3-Player spielen, passt der Opa auf sie auf und macht auch noch schöne Fotos.

Ein großer neuer Marktplatz

Aus dem Ruhrgebiet wandern junge Leute weg, die Alten bleiben. Diese Entwicklung lässt sich stoppen: Es werden Wohngebiete für Alt und Jung saniert oder neu gebaut.

Von Franz Lehner

Als Seniorenwirtschaft werden hier die Marktsegmente bezeichnet, in denen Güter und Dienstleistungen angeboten werden, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Wünsche von über 55 Jahre alten Menschen und auf deren spezifische Nachfrage zugeschnitten sind. Die Seniorenwirtschaft umfasst Segmente aus ganz unterschiedlichen Märkten wie Wohnen, Tourismus, Kosmetik, Gesundheit und Wellness, Nahrungs- und Genussmittel, Freizeit und Unterhaltung, Bildung, Medien oder Finanzdienstleistungen. Diese Marktsegmente werden hier nicht auf Grund der Marktanteile der über 55-Jährigen zur Seniorenwirtschaft gerechnet, sondern sie sollen vor allem hinsichtlich der zusätzlichen Wachstums- und Beschäftigungspotenziale betrachtet werden, die sich aus der systematischen Berücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse und Wünsche von über 55 Jahre alten Menschen erzielen lassen.

Nur wenige Firmen haben schon Produkte für Alte entwickelt

Mit dem Begriff der Seniorenwirtschaft wird hier also nicht nur der Tatsache Rechnung getragen, dass in einer alternden Gesellschaft die Wirtschaft zwangsläufig immer stärker durch die Nachfrage der Senioren bestimmt wird und ältere Menschen in vielen Märkten ein wichtiger Faktor geworden sind. Vielmehr geht es darum, die demografischen Entwicklung für ein "problemlösendes Wachstum" zu nutzen, also für eine innovative Reaktion auf die demografische Entwicklung, durch die neue Wachstums- und Beschäftigungspotenziale entwickelt und für den Strukturwandel im Ruhrgebiet nutzbar gemacht werden können.

Auf Grund der längeren Lebenserwartung und der zahlenmäßigen Zunahme bilden die älteren Menschen ein differenziertes Wirtschaftspotenzial. Man kann nicht mehr sinnvoll von älteren Menschen oder Senioren als homogener Gruppe sprechen. Aber auch die Unterscheidung nach Altersgruppen reicht allein nicht aus, da es auch innerhalb einzelner Altersgruppen unterschiedliche Lebenslagen und Lebensstile gibt. Dies ist mit differenzierten Konsumgewohnheiten und Nachfragemustern verbunden, die man bei der Gestaltung von Angeboten in der Seniorenwirtschaft berücksichtigen muss.

Das wirtschaftliche Potenzial der Seniorenwirtschaft wird oft unterschätzt. Die älteren Generationen stellen jedoch eine beachtliche Wirtschaftskraft dar, weil gerade in Deutschland die Einkommenssituation älterer Menschen insgesamt gut ist. Das mittlere verfügbare Jahreseinkommen von Menschen über 65 Jahren liegt bei etwa 90 Prozent des Durchschnittswertes aller Einkommensbezieher. (?)

Die älteren Menschen wenden im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt mehr Geld für Verbrauchsgüter und Dienstleistungen als für Investitionen auf. Ein großer Teil des Konsums älterer Menschen konzentriert sich auf die Bereiche Wohnen sowie Nahrungs- und Genussmittel. Die Ausgaben für Wohnen steigen mit zunehmendem Alter von 25 Prozent des verfügbaren Einkommens bei den 55- bis 65-Jährigen auf 31 Prozent bei den über 70-Jährigen leicht an. Der Ausgabenanteil für Nahrungs- und Genussmittel bleibt mit Werten zwischen 10,5 Prozent und 11,6 Prozent relativ konstant. Insgesamt sind die Konsumausgaben älterer Menschen jedoch breit gefächert und umfassen auch Gesundheit, Freizeit, Reisen, Verkehr, Medien und Bildung. Der Anteil dieser Ausgaben am verfügbaren Einkommen liegt zwischen 28,9 Prozent bei den 55- bis 65-Jährigen und 27 Prozent bei den über 70-Jährigen. Noch wenig entwickelt ist die Nachfrage nach haushaltsbezogenen Dienstleistungen, wobei allerdings gerade hier die Nachfrage stark einkommensabhängig ist.

Vor diesem Hintergrund existiert eine breite Palette möglicher Angebote für eine Seniorenwirtschaft. Nur wenige Unternehmen haben bisher besondere Güter und Dienstleistungen für Senioren entwickelt oder ihre Produkte entsprechend variiert. Es gibt deshalb einen mismatch zwischen Angebot von und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen für Senioren. Das gilt für Wohnen, Tourismus und Reisen ebenso wie für Gesundheit und Wellness.

Dieses allgemeine Defizit an innovativen oder zumindest besonders ausgerichteten Produkten für Senioren ist eine besondere Chance für das Ruhrgebiet, nämlich eine Chance für die Entwicklung und das Angebot von maßgeschneiderten, möglichst innovativen Angeboten und Marketingkonzepten für ältere Menschen. Das Ruhrgebiet liegt zwar bezüglich der Haushaltseinkommen und des verfügbaren Einkommens älterer Menschen hinter den reicheren Regionen des Landes etwas zurück, verfügt aber allein schon durch die Zahl und Dichte seiner Bevölkerung über attraktive Potenziale für die Seniorenwirtschaft. Darüber hinaus kann man auch das große Bevölkerungspotenzial im Umfeld des Ruhrgebiets nutzen - im Umkreis von zwei Fahrstunden leben über 30 Millionen Menschen, also auch mehrere Millionen ältere Menschen. (?)

Betrachtet man nur das Marktpotenzial im Ruhrgebiet, bildet der Sektor Wohnen ein besonders interessantes Feld für Angebote der Seniorenwirtschaft. Dienstleistungen in der eigenen Wohnung gewinnen für die meisten Senioren eine große Bedeutung. Nur wenige ältere Menschen setzen auf Altenheime, die meisten wollen in normalen Wohnungen leben, meistens auch dann, wenn sie pflegebedürftig werden. Pflegedienstleistungen verlieren dabei allerdings insofern an Gewicht, weil Senioren zunehmend aktiver und weniger unterstützungsbedürftig sind. Damit steigt aber auch die Nachfrage nach Dienstleistungen, die den Komfort und die Eigenständigkeit älterer Menschen fördern.

Die Entwicklung von innovativen Angeboten für das Wohnen von Senioren ist für die Immobilienwirtschaft im Ruhrgebiet ein wichtiger Innovationsimpuls. Die Immobilienwirtschaft im Ruhrgebiet steht in einem harten Wettbewerb, der durchaus internationale, teilweise sogar globale Dimensionen aufweist. Dies hat seinen Grund teilweise darin, dass ausländische Investoren und Immobilienunternehmen im Ruhrgebiet aktiv werden. Noch viel wichtiger ist jedoch die Standort- und Wohnortkonkurrenz. Industrie- und Gewerbeparks im Ruhrgebiet stehen in direkter Konkurrenz zu Industrie- und Gewerbeparks in Köln, Aachen, Maastricht, Eindhoven, Lüttich, aber auch in München, Berlin, dem Rhein-Main-Neckar-Raum oder Antwerpen, Rotterdam und Bremen; Wohnorte im Ruhrgebiet konkurrieren mindestens mit Wohnorten im Münsterland, im Rheinland oder im Bergischen Land, aber auch in einem größeren Umkreis. (?)

Um in dem immer härteren Wettbewerb profitabel bestehen zu können, müssen die Immobilienunternehmen das tun, was auch Unternehmen aus anderen Branchen mit hartem Wettbewerb tun müssen - sie müssen innovative Produkte entwickeln und anbieten, die sich von denen des Wettbewerbers deutlich abheben. Dabei geht es zunächst um technologische innovative Gebäude, weit darüber hinaus aber auch um umfassende Nutzungs- und Servicekonzepte. Die Immobilienwirtschaft muss mehr bieten, als bloß Gebäude mit Technik - sie muss mit den Gebäuden und der Technik ein Servicepaket anbieten, das dem Nutzer eine auf seine Bedürfnisse und Wünsche abgestimmte umfassende Nutzung des Gebäudes ermöglicht.

Das Produkt der Immobilienwirtschaft ist also oft nicht mehr bloß ein Gebäude, sondern ein Nutzungs- und Servicekonzept, das die Gebäude und deren Architektur mit einschließt. Ein solches Nutzungs- und Servicekonzept sind Seniorenwohnparks, die ein architektonisch und technisch auf ältere Menschen abgestimmtes Baukonzept mit umfassenden Serviceangeboten verbinden. Das Serviceangebot muss neben der Instandhaltung und Reinigung der Wohnung auch eine Wartung von technischen Einrichtungen beinhalten und ambulante Pflegeleistungen, Einkaufs-, Freizeit- und Medienangebote mit umfassen. Dies lässt sich zu Drei-Generationen-Serviceparks ausbauen, deren Nutzungs- und Serviceangebot nicht nur auf ältere Menschen zugeschnitten ist, sondern auch Familien mit Kindern und unter anderem auch Kinderbetreuungsangebote mit einbezieht.

Die Generationen gehören zusammen

Der hier skizzierte Ausbau der Seniorenwirtschaft ist nicht nur eine angemessen Reaktion auf die Alterung der Gesellschaft, sondern auch eine vernünftige Maßnahme zur Korrektur der demografischen Entwicklung im Ruhrgebiet.

Die demografische Entwicklung im Ruhrgebiet ist zu einem erheblichen Teil das Resultat der Abwanderung jüngerer Menschen in das Umland. Deshalb kann sie über Wanderungsbewegungen auch kurz- und mittelfristig beeinflusst werden. Die Seniorenwirtschaft kann das Fehlen von Arbeitsplätzen als einem wichtigen Grund für die Abwanderung von jungen Menschen aus dem Ruhrgebiet abmildern oder beseitigen. In der Seniorenwirtschaft lassen sich eine beachtliche Zahl neuer Arbeitsplätze schaffen, insbesondere auch Arbeitsplätze für qualifizierte Arbeitskräfte. Das gilt insbesondere dann, wenn auch das Potenzial der Seniorenwirtschaft für die Entwicklung neuer Technologien, insbesondere im Gesundheitsbereich, genutzt wird. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze allein genügt jedoch wahrscheinlich nicht, um wieder mehr junge Menschen zur Zuwanderung in das Ruhrgebiet zu bewegen. Die Abwanderung junger Menschen erfolgt zu einem großen Teil ins Umland. Gründe liegen in der Unzufriedenheit mit den Wohn- und Lebensbedingungen in vielen Städten des Ruhrgebiets, während das Umland günstigeres Wohneigentum, gute schulische Bedingungen und weniger soziale Problemgebiete bietet. Auch das sind Randbedingungen, die beispielsweise in Form guter Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und andere Infrastrukturen und Dienstleistungen für Familien gestaltbar sind. (?)

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