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Die große Gier

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Hans Leyendecker brachte unter anderem  die Parteispenden-Fälle Flick und Kohl sowie die Siemens-Affäre ans Licht.
Hans Leyendecker brachte unter anderem die Parteispenden-Fälle Flick und Kohl sowie die Siemens-Affäre ans Licht. © ap

Der SZ-Journalist Hans Leyendecker über Korruption, die Siemens-Affäre und Moral in der Wirtschaft.

24. November 2006:

Bei Siemens wird ein Whistleblower-Fall (Informant, der Missstände offenlegt, d. Red.) heiß diskutiert, allerdings nicht der des großen Unbekannten, von dessen Brief nur ein paar Insider gehört haben, sondern der eines Ex-Mitarbeiters in Norwegen. Er hat nicht weggeschaut, sich nicht an krummen Touren beteiligt, sondern den aufrechten Gang vorgezogen. Das ist ihm schlecht bekommen.

Per Yngve Monsen war Finanzkontrolleur bei der Siemens Services Business (SBS) in Oslo, und zu seinen Aufgaben gehörte es, einen Großauftrag mit dem norwegischen Militär über ein neues Kommunikationssystem abzurechnen. Laut Vertrag durfte die Siemens-Tochter bei dem Geschäft höchstens acht Prozent Gewinn machen. Monsen hatte nachgerechnet und festgestellt, dass SBS dem Militär 6,1 Millionen Euro zu viel in Rechnung gestellt hatte. Das musste ein Irrtum sein. Er informierte die Vorgesetzten. Die winkten ab.

Er beschloss, in Deutschland Alarm zu schlagen - streng nach Vorschrift. Siemens verpflichtet alle Mitarbeiter, sich an Recht und Gesetz zu halten. Anonyme Tippgeber, die Missstände aufdecken, genießen offiziell besonderen Schutz. Sie sollen unerkannt bleiben, damit sie keine Racheakte der Vorgesetzten fürchten müssen.

Ein paar Tage nachdem er (ohne Absender) den Brief mit Unterlagen nach Deutschland geschickt hatte, bestellte sein Chef alle Führungskräfte des Unternehmens zu einem Meeting. Zu Monsens Verblüffung lagen seine Unterlagen auf dem Tisch. Der Chef sagte: "Wir haben einen Maulwurf, und wir werden ihn finden." Schon bald fiel der Verdacht auf Monsen, der tagelang befragt und unter Druck gesetzt wurde. Er musste sich übergeben, bekam Durchfall, konnte nicht schlafen.

Einige Monate später wurde seine Abteilung aufgelöst. Für ihn fand sich kein Platz mehr. Er wandte sich an die Compliance-Abteilung (Anti-Korruptions-Abteilung, d.Red.) von Siemens in Erlangen. Ein Jurist reiste an. Sie trafen sich in einem Osloer Hotel. Der Compliance-Mann war besorgt und versicherte, er nehme die Vorwürfe "sehr ernst". Bald darauf teilte er Monsen mit, es seien keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden.

Monsen ließ nicht locker, ging in Oslo vor Gericht und schaltete die Medien ein. Das Gericht bestätigte (ebenso wie eine Expertenkommission des Militärs) Monsens Vorwürfe. Der Richter am Stadtgericht Oslo erklärte: "Das Gericht hat festgestellt, dass Monsen sich an die internen Vorschriften gehalten hat. Er wurde von der norwegischen Leitung einer Vergeltungsaktion ausgesetzt." SBS musste Monsen umgerechnet 181 000 Euro zahlen, Siemens erstattete dem norwegischen Verteidigungsministerium umgerechnet 4,4 Millionen Euro zurück. Dann stellte sich noch heraus, dass SBS an einige der Militärs, die für die Kontrolle des Auftrags verantwortlich waren, Geschenke verteilt hatte.

Und was macht Siemens in diesen Novembertagen 2006? Fährt ein Repräsentant aus der Konzernleitung nach Oslo und entschuldigt sich öffentlich bei Monsen? Wird der Compliance-Mitarbeiter, der das Offenkundige nicht offenkundig fand, zumindest intern gerügt? Hat derjenige, der den Kollegen in Oslo die Unterlagen geschickt hat, mit denen nach dem Whistleblower gesucht werden konnte, mit Konsequenzen zu rechnen? Mitnichten. Siemens will das Kapitel "professionell" erledigen. Der Konzern sucht einen Käufer für sein IT-Geschäft in Norwegen. Weg, einfach nur weg.

29. November 2006:

Im Berliner "Estrel"-Hotel, einem gewaltigen Betonklotz, in dem auch Liveshows und Musicals aufgeführt werden, treffen sich 600 Siemens-Betriebsräte zu ihrer Jahrestagung. (Siemens-Chef Klaus, d. Red.) Kleinfeld hat seine Beteiligung wegen anderer Verpflichtungen abgesagt. Hauptredner ist Arbeitsdirektor Jürgen Radomski, der auch der oberste Korruptionswächter im Vorstand ist. Er attackiert angebliche Nestbeschmutzer in den eigenen Reihen und mahnt die Arbeitnehmervertreter zur Solidarität gegen Angriffe von außen. "In Reue fest, die Reihen eng geschlossen?", fragt der Spiegel spöttisch.

Ende November 2006:

Ende des Monats, der Tag lässt sich nicht zweifelsfrei klären, nimmt das US-Justizministerium Ermittlungen im Fall Siemens auf. Die Münchner erfahren davon zunächst nichts.

1. Dezember 2006:

(Der langjährige Siemens-Manager Reinhard, d. Red.) Siekaczek, gegen den mittlerweile wegen schwerer Untreue ermittelt wird, erscheint zur Vernehmung bei der (Münchner, d.Red.) Amtsrichterin Irmengard Weiß-Stadler. Er weiß, dass er nur bei einem überzeugenden Geständnis aus der Untersuchungshaft freikommen wird. Der 56-Jährige bekräftigt vieles, was er schon zu Protokoll gegeben hat, sagt aber auch Neues. In anderen Geschäftsfeldern von Siemens habe es ähnliche Provisionssysteme wie bei der Telekommunikation gegeben. Im Bereich der Sparte Verkehrstechnik sei er selbst im Jahr 2000 in einen derartigen Vorgang verwickelt gewesen. Er nennt die Namen der involvierten Firmen, die Helfer, die Drahtzieher. Wer das Geld am Ende in den diversen Ländern bekommen habe, sei ihm nicht bekannt. Siekaczek wird als Erster der Siemens-Leute gegen Auflagen aus der U-Haft entlassen.

4. Dezember 2006:

Kleinfeld schlägt intern vor, die Kontrolle künftig direkt bei ihm und nicht mehr bei der Personalabteilung anzusiedeln. Er hat, wie er Vertrauten sagt, "das Gefühl, im falschen Film zu sein". Er verabscheue Korruption. Kleinfeld weilte in den USA oder betreute die hauseigene Unternehmensberatung, als die schwarzen Kassen angelegt wurden. Er hat sie weder gewollt noch geduldet.

Die Schwelphase des Skandals, wo Gerüchte und Verdächtigungen die öffentliche Meinung zu bestimmen schienen, ist vorbei: Der ganz große Skandal ist keine Erfindung mehr, sondern Realität geworden, und er entfaltet eine Sogwirkung. (Gerhard, d.Red.) Cromme fährt immer häufiger nach München. Manche hochrangigen Siemens-Leute, das spürt er, ziehen beim Versuch der Aufklärung nicht mit. Dem Chef des Prüfungsausschusses wird offenkundig nicht die volle Wahrheit gesagt. Cromme glaubt nicht mehr an die im Unternehmen populäre Theorie von den einzelnen schwarzen Schafen.

Seit 2003 sitzt er im Siemens-Aufsichtsrat. Als er Anfang 2005 das Amt des Prüfungsausschussvorsitzenden übernahm, hatte er mit Kleinfeld verabredet, bei jeder Sitzung solle ein Mitglied der Compliance-Abteilung mit am Tisch sitzen und Bericht erstatten. Jetzt dämmert ihm, wie er einem engen Mitarbeiter sagt, "dass die Compliance versagt hat". In Sitzungsvorlagen hatten die Compliance-Leute in den vergangenen Monaten mehrmals gewarnt, mit Durchsuchungen sei zu rechnen, doch aus Crommes Sicht waren die Hinweise reichlich unbestimmt geblieben. Cromme denkt darüber nach, die bei (der Siemens-Sparte, d.Red.) Com angelaufene interne Untersuchung auf alle Sparten des Unternehmens auszudehnen. Das will auch Kleinfeld.

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