„Das ist meine Geschichte“: Jessica, 21 Jahre, aus Äquatorial-Afrika ist eine der Protagonistinnen in der Videokampagne.
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„Das ist meine Geschichte“: Jessica, 21 Jahre, aus Äquatorial-Afrika ist eine der Protagonistinnen in der Videokampagne.

Kampagne

„Große Gefahr, einem Alptraum zu begegnen“

  • Regina Kerner
    vonRegina Kerner
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Das italienische Innenministerium und die internationale Organisation für Migration wollen mit einer Informationskampagne für Flüchtlinge über die Risiken der Reise informieren und falsche Erwartungen ausräumen.

Die 21 Jahre alte Jessica aus Äquatorial-Afrika schaut nicht direkt in die Kamera, ihr Kopf ist zur Seite geneigt, der Blick traurig und beschämt. Fünf Monate sei sie in Libyen im Gefängnis gesessen, sagt sie, „keiner half mir“. Dann sei eine arabische Frau gekommen und habe sie freigekauft, als Haushaltshilfe. „Eines Tages sagte der Sohn, dass er Analsex mit mir haben will.“ Sie habe sich geweigert, er bedrohte sie mit der Waffe. „Ich konnte davonlaufen“, sagt Jessica, „das ist meine Geschichte.“ Am Ende des Videos erscheint die Mahnung: „Jedes Jahr werden Tausende von Frauen Opfer sexueller Gewalt auf dem Weg nach Europa.“

Der knapp einminütige Film gehört zur Informationskampagne „Aware Migrants“, die das italienische Innenministerium und die internationale Organisation für Migration (ION) jetzt gestartet haben. 80 afrikanische Flüchtlinge berichten in ihrer jeweiligen Sprache über schlimme Erfahrungen auf der Reise nach Europa. Die kurzen Videos sind auf der gleichnamigen Internetseite, auf Facebook, Twitter, Youtube und Instagram zu sehen. Sie sollen von Fernsehsendern in 15 Ländern Afrikas ausgestrahlt werden, darunter Algerien, Ägypten, Ghana, Kamerun, Marokko, Nigeria und Senegal. Für Radiostationen gibt es 80 Hör-Testimonials von Migranten, die mit Smartphones in der Stadt Agadez im Niger aufgezeichnet wurden, einer Durchgangsstation für Zehntausende, die aus dem westlichen und südlichen Afrika Richtung Libyen und Europa ziehen.

Tod im Meer und in der Wüste

Ziel der Kampagne sei es, potenzielle Migranten in den Heimat- und Transitländern über die Risiken der Reise zu informieren und falsche Erwartungen auszuräumen, sagte Innenminister Angelino Alfano am Donnerstag bei der Vorstellung in Rom.

Dieses Jahr sind im Mittelmeer schon 3000 Flüchtlinge ertrunken, viele weitere sterben in der Wüste, wie Federico Soda vom IOM betonte. Dennoch werde in Gesprächen mit Migranten deutlich, dass den wenigsten die Gefahr bewusst war, als sie aufbrachen. Denn wer es bis Europa schaffe, erzähle der Familie zu Hause nichts von den Dramen, die hinter ihm liegen. Das sei ein Tabu. „Die Reisen sind eine Investition, sie müssen ein Erfolg sein“, erklärte Soda. Auch könnten viele Flüchtlinge gar nicht über Schrecken wie Vergewaltigung und Folter reden oder darüber, dass Angehörige und Freunde starben.

„Du läufst große Gefahr, einem Alptraum zu begegnen“, das sei die klare Botschaft der Kampagne an potenzielle Migranten, sagte Alfano. Diejenigen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, ließen sich dadurch nicht aufhalten, betonte er. Ihnen müsse Europa auch Zuflucht bieten. Zielgruppe seien diejenigen, die sich aus ökonomischen Gründen und in der Hoffnung auf ein besseres Leben aufmachen. Diese Menschen müsse man davor bewahren, viel Geld an Schlepper zu zahlen und Schmerzen zu erleiden, um am Ende wieder in die Heimat geschickt zu werden.

Alfano verwies darauf, dass die Kampagne nur ein kleiner Baustein sei, um dem epochalen Phänomen der Migration zu begegnen. Italien habe der EU mit dem „Migration Compact“ eine umfassende Strategie vorgelegt, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Sie sieht unter anderem vor, die Lebensbedingungen in afrikanischen Ländern zu verbessern.

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