Spaniens Ministerpräsident Sánchez gedenkt bei einer Trauerfeier am Mittwoch im Madrid der bislang 28 400 Opfer der Pandemie.
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Spaniens Ministerpräsident Sánchez gedenkt bei einer Trauerfeier am Mittwoch im Madrid der bislang 28 400 Opfer der Pandemie.

Spanien

Große Erwartungen

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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Auf dem EU-Gipfel am Wochenende verhandeln die Staats- und Regierungschefs über das milliardenschwere Corona-Hilfspaket. Spanien ruft die EU-Partner auf, Verzicht zu üben.

Damals, nach der Finanzkrise 2008, hatte das Übel einen Namen: „La Merkel“. Wenn man manchem linken Politiker zuhörte, konnte man den Eindruck gewinnen, dass die deutsche Kanzlerin persönlich das Unglück nach Spanien gebracht habe. Ein Satz, im Mai 2011 bei einer CDU-Veranstaltung en passant fallen gelassen, genügte für ihren schlechten Ruf: „Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass sich alle auch ein wenig gleich anstrengen“, hatte Merkel damals gesagt – ohne Kenntnisse des spanischen oder portugiesischen Rentensystems zu haben.

Mittlerweile haben sich die Spanier mit Merkel versöhnt. Stattdessen steht nun der niederländische Ministerpräsident im Fokus: Mark Rutte. Der sagte am Dienstag im Parlament, dass er nicht unbedingt Vertrauen in die Fähigkeit anderer EU-Staaten habe, nötige Reformen durchzuführen: „Einige Länder haben in den letzten 30 Jahren keine mehr gemacht.“ Ob er damit auch Spanien meinte, sagte er nicht. Aber die Spanier wissen, dass die Niederländer der große Bremser bei den Verhandlungen über den europäischen Wiederaufbaufonds sind. Merkel dagegen wird jetzt als Vermittlerin wahrgenommen.

Spanien ist in Not. Strukturelle Mängel im Gesundheitssystem und schlechtes politisches Management am Anfang der Krise haben dazu beigetragen, dass Spanien zu den Ländern mit der höchsten Corona-Todesrate weltweit gehört. 28 400 Verstorbene zählten die Spanier bis Donnerstag gestern – bei 257 500 registrierten Infektionen. Und auch wirtschaftlich ist das Land härter getroffen als die meisten anderen in Europa.

Die Abhängigkeit vom Tourismus erschwert die Erholung der Wirtschaft nach dem Ende der Ausgangsbeschränkungen vor knapp vier Wochen. Spanien braucht Hilfe von den europäischen Partnern. Ministerpräsident Pedro Sánchez formuliert das so: „Wir müssen Allianzen schmieden, die die Türen für einen großen Pakt öffnen, der allen Europäern erlaubt, gemeinsam die Covid-19-Krise zu überwinden“, twitterte er am Dienstag nach seinem Besuch bei der Bundeskanzlerin in Berlin. „Es wird keine Erholung ohne Einheit geben.“

Die Spanier wissen aus Erfahrung: Wenn Sánchez von „Einheit“ spricht, ist das eine dringende Bitte, sich ihm nicht in den Weg zu stellen. Weil das auf europäischem Parkett nicht so leicht einzufordern ist wie zu Hause, gesteht er ein, dass „alle Verzicht üben müssen, um zu einer Einigung zu kommen“. 140 Milliarden Euro erhofft sich Spanien, wenn möglich bedingungslos und zu zwei Dritteln geschenkt. Auch wenn Merkel allzu große Erwartungen ausbremst, steht sie aus Sicht Madrids auf Spaniens Seite. Das Vertrauen in die Deutschen ist groß – die Erwartungen sind es auch.

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