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An Jeremy Corbyn scheiden sich die Geister.

Umfrage

Großbritannien im Wahlkampf: Boris Johnson auf dem Weg zum Sieg

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Eine Umfrage sieht Boris Johnsons Konservative in Großbritannien weit vorn. Labour verliert vor allem in Gebieten mit hoher Brexit-Zustimmung. Ein Interview von Jeremy Corbyn verschlimmert die Lage für die Oppositionspartei.

London - Vor zwei Jahren zeigte es Jeremy Corbyn allen seinen Kritikern. Auch wenn die Umfragen lange Zeit überaus schlecht aussahen, erzielte die oppositionelle Labour-Partei ein überraschend starkes Ergebnis, mit dem vorher kaum jemand gerechnet hatte. Auch wenn die konservativen Torys die Mehrheit im britischen Unterhaus behielten, konnte sich Labour unter ihrem neuen Chef überraschend deutlich steigern. Die Wahl 2017 war also ein Triumph für Jeremy Corbyn.

Nun stellt sich die Lage ganz ähnlich dar. Wieder hofft der Labour-Chef bei der Wahl am 12. Dezember auf einen ähnlich kurzfristigen Umschwung wie seinerzeit. Denn erneut liegt die traditionsreiche Partei in sämtlichen Umfragen weit zurück. Eine in der Nacht zu Donnerstag veröffentlichte Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die „Times“ macht Labour wenig Hoffnungen auf einen Erfolg.

Demnach würden die Torys nämlich 359 von 650 Sitzen bekommen - 42 mehr als bei der letzten Wahl 2017. Corbyns Labour-Partei dagegen würde nur noch 211 Sitze und damit 51 weniger als zuletzt erzielen. Das wäre die zweitschlimmste Niederlage nach dem Krieg.

Wahl in Großbritannien: Labour droht schlimme Niederlage

Stimmenverluste drohen der Partei vor allem in Regionen, in denen es einen starken Rückhalt für den von Johnson vorangetriebenen Austritt des Königreichs aus der Europäischen Union gibt. Wie YouGov erklärt, ist der Brexit der entscheidende Faktor bei den sich abzeichnenden Stimmenverschiebungen. Befragt wurden innerhalb von sieben Tagen 100.000 Menschen, berücksichtigt wurden bei der Auswertung unter anderem Alter, Geschlecht und lokale politische Gegebenheiten.

Auch wenn YouGov als recht zuverlässig gilt, ist es immer recht zweifelhaft, nur auf eine Umfrage zu vertrauen. Zudem hat Großbritannien ein Mehrheitswahlrecht, was bedeutet, dass nur diejenigen den entsprechenden Sitz im Parlament bekommen, die in den einzelnen Wahlkreisen die Mehrheit holen. Prognosen können daher leicht daneben liegen und einige wenige Wahlkreise das Zünglein an der Waage sein.

Sinnvoll ist es deshalb, sich den Durchschnitt sämtlicher Erhebungen zu betrachten. Doch auch hier sieht das Ergebnis recht eindeutig aus. Während die Torys auf 42,4 % kommen, muss sich mit 29.6 % der Stimmen begnügen.

Wahl in Großbritannien: Labour leidet unter Corbyn

Das vorausgesagte schlechte Abschneiden von Labour bei der Unterhaus-Wahl wird vor allem dem Alt-Linken Corbyn angelastet, an dem sich seit seiner Amtsübernahme im Jahr 2015 die Geister scheiden. Viel Kritik brachte ihm ein, dass er erst relativ spät seine Haltung zum Brexit dargelegt hat. Außerdem werden immer wieder Antisemitismusvorwürfe* gegen ihn und seine Partei laut. Der 70-Jährige räumte ein, dass Disziplinarverfahren gegen antisemitische Parteimitglieder zu langsam und zaghaft betrieben worden seien.

Auch das TV-Interview mit Andrew Neil war kein Glanzstück von Corbyn, der sich sichtlich schwer tat, die Fragen des schottischen Journalisten zu beantworten. Viele britische Zeitungen sprachen von einer „Horror-Show“ und einem „desaströsen Tag“ für Corbyn, der sich strikt weigerte, sich bei Juden für antisemitische Tendenzen in seiner Partei zu entschuldigen. Stattdessen sagte er ganz allgemein, Rassismus sei ein „Gift“ und die Gesellschaft müsse sicher für „Menschen aller Glaubensrichtungen“ sein.

Jeremy Corbyn weicht Fragen aus

Aber es gab auch andere Themengebiete, in denen Corbyn ins Wanken geriet. So beispielsweise, als es um die Entschädigungen für diejenigen Frauen ging, die von Änderungen des staatlichen Rentenalters betroffen sind. Das kurzfristig erfolgte Wahlversprechen von Labour soll immerhin 58 Milliarden Pfund kosten. 

Als Neil die Frage stellte, wie Labour dieses Versprechen zu finanzieren gedenke, wich Corbyn der Frage aus und sprach nur vage von einer „moralischen Schuld“, die beglichen werden müsse. Nach mehrmaliger Nachfrage behauptete er schließlich, dass man auf die staatlichen Reserven zurückgreifen würde. Nur musste er dann zugeben, dass die Regierung über dieses Geld gar nicht verfügt.

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