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Big Ben in London: „Großbritannien als kleinere Volkswirtschaft wird ohne die EU im Rücken im globalen Wettbewerb nicht bestehen können“, sagt Marcel Fratzscher.

Brexit

„Großbritannien ist zu unwichtig“

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Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, spricht im Interview über den harten Brexit und dessen Folgen. Er erwartet keine großen europäischen Dramen.

Herr Fratzscher, was bedeutet ein harter Brexit für die EU und für Großbritannien selbst?
Lassen Sie uns mit Großbritannien beginnen. Premierministerin Theresa May hat große Versprechen abgegeben, die sie nicht wird halten können. Großbritannien soll wieder eine große, globale Handelsnation werden, hat sie ihrem Volk zugesichert. Doch das klingt nach dem 18. Jahrhundert. Die Zeiten sind vorbei. May hat Enttäuschung vorprogrammiert.

Großbritannien will zwar nicht mehr am europäischen Binnenmarkt teilnehmen, strebt aber zumindest ein Freihandelsabkommen mit der EU an. Hilft das, die Versprechen zu halten?
Nein. Großbritannien ist viel zu klein und unwichtig, um eine globale Handelsnation sein zu können. Es geht ja heute nicht nur darum, wer die besten Güter produziert. Es geht hier doch immer mehr um politische Fragen. Die Europäische Union als größte Volkswirtschaft der Welt hat den großen Vorteil, eine gemeinsame und damit schlagkräftige Handelspolitik zu betreiben. Wenn beispielsweise China versucht, die Rechte eines deutschen Unternehmens zu verletzen, dann steht nicht nur Deutschland für dieses Unternehmen gerade, sondern die gesamte EU. Selbst Deutschland wäre allein zu klein, sich im weltweiten Handel behaupten zu können. Großbritannien als kleinere Volkswirtschaft wird ohne die EU im Rücken im globalen Wettbewerb nicht bestehen können, zumal die britische Wirtschaft abgesehen vom Londoner Finanzzentrum sich in den vergangenen Jahren nun wirklich nicht übermäßig wettbewerbsfähig gezeigt hat. Aber auch der Finanzsektor wird große Schwierigkeiten haben, seine Stellung zu verteidigen.

Welche Folgen hat der harte Brexit für die EU und insbesondere für Deutschland?
Er wird keinen dramatischen Schaden anrichten, aber er hat natürlich einen wirtschaftlichen Preis. Acht Prozent unserer Exporte gehen nach Großbritannien, im Automobilsektor sind es sogar zwölf. Das sind unterm Strich vier Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Das ist schon eine Hausnummer. Die deutschen Exporteure sind gut aufgestellt und hinreichend global diversifiziert, aber natürlich wird da einiges an Geschäft wegbrechen. Dadurch sind aber nicht massenhaft Arbeitsplätze in Gefahr. In unserem Alltag werden wir das wohl kaum merken.

Der künftige US-Präsident Donald Trump will die wirtschaftlichen Beziehungen der USA zu Großbritannien ausbauen. Könnte diese transatlantische Achse eine Gefahr für Europas Wirtschaft darstellen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die USA viel lieber mit Europa als mit Großbritannien ein Freihandelsabkommen abschließen wollen. Wir werden also erst einmal sehen, was tatsächlich passiert. In meinen Augen hat die britische Entwicklung auch etwas Gutes. Sie erhöht den Druck in Europa, doch noch ein Abkommen mit den USA zu Stande zu bringen. Sicherlich muss TTIP noch überarbeitet werden, aber langfristig ist ein Handelsabkommen unerlässlich.

Großbritannien droht mit einem Steuerwettbewerb. Könnte das Europa schaden?
Das ist eine klare Kampfansage. Umso wichtiger ist, dass die EU und idealerweise die G20 sich auf ein Vorgehen einigen, um so ein Verhalten zumindest zu erschweren. Es wäre vor allem ein Fehler, in die Falle zu tappen und einen Unterbietungswettbewerb mitzumachen. Bei einem Steuerwettbewerb nach unten kann es nur Verlierer geben. Aber erst einmal ist es ja nur eine Drohung für den Fall, dass Europa die Briten abstraft. Dazu darf es natürlich nicht kommen. Aber wir werden sie auch nicht bevorzugen müssen. Europa hat eine starke Verhandlungsposition. Das sollten wir ausspielen.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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