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Großbritannien: Die Streikserie reißt nicht ab

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Von: Sebastian Borger

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In Großbritannien legen Arbeitskämpfe das ohnehin marode Gesundheitssystem lahm. Das Land stellt sich auf einen katastrophalen Winter ein. Die Regierung kümmert’s wenig.

London - Autofahren? Nur wenn’s unbedingt nötig ist. Schlittschuh laufen? Um Himmels willen! Rugby spielen? Lieber nicht. Alkohol auf der Weihnachtsparty? „Trinken Sie verantwortungsvoll“, dröhnt es durch die Londoner U-Bahn, „und bitte stürzen Sie nicht auf der Rolltreppe.“

Am Mittwoch konnten sich die Brit:innen kaum retten vor guten Ratschlägen von Medien und Regierungsstellen. Grund war ein eintägiger Streik von Ambulanzfahrer:innen und Krankenhaus-Reinigungspersonal – vorläufiger Höhepunkt einer Serie von Arbeitskämpfen, die Großbritannien auch über Weihnachten in Atem halten wird. Lag im November der Schwerpunkt noch auf der Eisenbahn, richtet sich nun der Fokus auf das ohnehin marode Gesundheitssystem NHS. Wie schlimm es um die Erstversorgung bestellt ist, verdeutlichte die drastische Warnung einer Leitstelle: „Rufen Sie nur dann die Notfallnummer, wenn Sie glauben, Sie müssten sterben.“

Lautstark in Birmingham: Mitglieder des Royal College of Nursing stehen vor dem dortigen Queen Elizabeth Hospital.
Lautstark in Birmingham: Mitglieder des Royal College of Nursing stehen vor dem dortigen Queen Elizabeth Hospital. © dpa

Während sich der einflussreiche Boss der Eisenbahngewerkschaft RMT, Mick Lynch, zuletzt zu Geheimgesprächen mit den privaten Zugbetreiber:innen traf, wirken die Fronten beim NHS komplett verhärtet. „Sollte es Tote geben, hat dies die Regierung zu verantworten“, gab Christina McAnea von Unison zu Protokoll. Gesundheitsminister Steve Barclay goss Benzin in die Flammen, indem er den Gewerkschaften die Schuld gab: Diese hätten mit ihren Streiks eine „bewusste Entscheidung getroffen, den Patient:innen Schaden zuzufügen“, kritisierte er.

Großbritannien: Inflation laut Zentralbank bei 10,7 Prozent

Wie in anderen Branchen auch, kämpfen Krankenpersonal, Putzkräfte und Sanitäter:innen für bessere Arbeitsbedingungen ebenso wie für höheren Lohn. In der Privatwirtschaft gab es zuletzt Abschlüsse von durchschnittlich 6,6 Prozent, der öffentliche Dienst bleibt weit dahinter zurück. Die konservative Regierung von Premier Rishi Sunak hat im NHS 4,75 Prozent mehr Lohn und Gehalt angeboten und stützt sich dabei auf die Einschätzung eines unabhängigen Gremiums. Allerdings müssen die Expert:innen bei ihrer Empfehlung die engen Parameter des laufenden Haushalts sowie das erklärte Ziel der Regierung, das Lohnniveau unter der Teuerungsrate zu halten, berücksichtigen. Die Inflation lag zuletzt nach Angaben der Zentralbank bei 10,7 Prozent.

Während im Ambulanz-Streit von Arbeitnehmer:innenseite noch keine konkrete Zahl auf dem Tisch liegt, hat die Pflege-Gewerkschaft RCN nach jahrelangen Nullrunden Inflationsausgleich plus fünf Prozent mehr gefordert. Dies hat Minister Barclay brüsk abgelehnt und verweigert jedes weitere Gespräch. In Schottland hatte die dort zuständige Regionalregierung immerhin 7,5 Prozent mehr Geld geboten, was die Gewerkschaftsmitglieder am Mittwoch mehrheitlich ablehnten.

Gesundheitssystem: Dramatische Wartezeiten auf Rettungswagen in Großbritannien

Für viele der rund 300 000 Mitglieder im Berufsverband der Pflegekräfte (RCN) ist dies der erste Arbeitskampf ihres Berufslebens – Zeichen der Verzweiflung über die Zustände im NHS, wo zuletzt sechs Millionen Patient:innen auf eine dringend nötige Untersuchung wie Magenspiegelungen oder kleine Operationen wie den Ersatz arthritischer Knie warteten. Drastisch sieht auch die Statistik für Wartezeiten auf einen Rettungswagen aus. Im Durchschnitt muss sich 60 Minuten lang gedulden, wer einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hat; in ländlichen Regionen kann es auch mal anderthalb Stunden dauern, bis die Erstversorgung eintrifft.

Sanitäter:innen beklagen, dass sie häufig ihre Schichten damit verbringen, mit ihren Patient:innen vor den Notfallaufnahmen der Krankenhäuser zu warten. Die Spitäler leiden an permanenter Bettenknappheit, weil viele ältere Patient:innen zwar zur Entlassung bereit sind, für sie aber keine Altenheim- oder Pflegeplätze zur Verfügung stehen. Der Frust über die Arbeitsbedingungen führt dazu, dass Sanitäter:innen ihrem Beruf den Rücken kehren. Weitere Arbeitsniederlegungen sind schon geplant und die Lage im NHS dürfte sich weiter verschärfen. (Sebastian Borger)

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