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Sexuelle Nötigung durch einen Abgeordneten: Was wusste Boris Johnson?

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Von: Stefan Krieger

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Ein Abgeordneter der Konservativen Partei von Boris Johnson soll betrunken zwei Männer begrabscht haben. Die Fraktion hat ihn suspendiert.

London – Nach Vorwürfen der sexuellen Nötigung gegen einen konservativen Abgeordneten steht der britische Premierminister Boris Johnson erneut unter Druck. Dem 58-jährigen Johnson wird vorgeworfen, den Abgeordneten Christopher Pincher trotz einschlägiger Vorwürfe zu einem „Einpeitscher“ (Whip) der Fraktion ernannt zu haben. Arbeitsministerin Therese Coffey nahm Johnson noch am Sonntag (3. Juni) in Schutz. „Mir ist nicht bekannt, dass der Premierminister von diesen Vorwürfen gewusst hatte“, sagte Coffey dem Sender Sky News. Doch damit ist der Fall für den britischen Premierminister nicht abgeschlossen, im Gegenteil.

Wie die britische Zeitung The Independent berichtet, soll Boris Johnson nämlich von Chris Pincher vor dessen Ernennung zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden „aus erster Hand“, also von Pincher selbst, über „unangemessenes sexuelles Verhalten“ informiert worden sein. Laut einer hochrangigen Quelle aus der Downing Street wurde der Premierminister bei mindestens zwei Gelegenheiten über konkrete Anschuldigungen gegen den Tory-Abgeordneten in Kenntnis gesetzt, so The Independent. Das Büro von Boris Johnson lehnte es bislang ab, sich zu den beiden angeblichen Gesprächen zu äußern.

UK Prime Minister BORIS JOHNSON leaves 10 Downing Street
Boris Johnson soll von Pincher selbst informiert worden sein. © Tayfun Salci/Imago Images

Boris Johnson: „Aus erster Hand“ informiert

Chris Pincher hatte sein Amt abgegeben, weil er „stark betrunken“ zwei Männer sexuell belästigt haben soll. Seine Fraktion suspendierte ihn erst nach lautstarken Protesten der Opposition und der britischen Öffentlichkeit. Am Wochenende berichteten mehrere Medien über weitere Anschuldigungen. Pincher kündigte an, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dann wolle er ins Parlament zurückkehren. Zuletzt hatten bereits mehrere Tory-Abgeordnete wegen sexuellen Fehlverhaltens ihre Mandate abgeben müssen.

Spekulationen darüber, was genau Johnson wusste und wann, waren aufgekommen, als sein offizieller Sprecher versuchte, frühere Erklärungen zu relativieren, die darauf hindeuteten, dass der Premierminister keine Kenntnis von bestimmten Anschuldigungen bezüglich des Verhaltens von Pincher hatte. Auf die Frage nach dem zeitlichen Ablauf sagte der Mitarbeiter von Johnson: „Der Premierminister wurde aus erster Hand über die unangemessenen sexuellen Berührungen informiert. Er wurde Anfang Februar und auch im Mai davon in Kenntnis gesetzt“.

Christopher Pincher musste zurücktreten.
Christopher Pincher musste zurücktreten. © Martyn Wheatley/Imago Images

Johnson steht wegen illegaler Partys in seinem Amtssitz während des Corona-Lockdowns in Großbritannien bereits massiv in der Kritik. Ein Misstrauensvotum in der eigenen Fraktion überstand er nur knapp. Zuletzt änderte er den Verhaltenskodex so, dass Regierungsmitglieder bei Verstößen nicht sofort zurücktreten müssen. Dass die Skandale nicht abreißen, könnte nach Ansicht von Kommentatoren dazu führen, dass die Zahl der parteiinternen Johnson-Kritiker wächst. (skr/dpa)

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