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Großbritannien: Rishi Sunak übernimmt in Downing Street

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Von: Sebastian Borger

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Rishi Sunak (rechts) hat sich gegen seinen ehemaligen Chef Boris Johnson durchgesetzt.
Rishi Sunak (rechts) hat sich gegen seinen ehemaligen Chef Boris Johnson durchgesetzt. © Leon Neal / Getty Images Europe

Ex-Finanzminister wird erster nicht weißer Premierminister Großbritanniens / Boris Johnson zieht zurück

Ein Einwandererkind wird Großbritanniens nächster Premierminister. Nach dem Rückzug des früheren Regierungschefs Boris Johnson sowie der Kabinettsministerin Penny Mordaunt verblieb der ehemalige Finanzminister Rishi Sunak am Montagnachmittag als einziger konservativer Kandidat für das höchste Regierungsamt des Landes. Der indischstämmige Politiker muss noch von König Charles III. als Nachfolger der gescheiterten Liz Truss ernannt werden. Eine Regierung unter seiner Führung werde „integer, professionell und verantwortlich“ handeln, hat Sunak in seinem Bewerbungsschreiben an die Fraktion mitgeteilt.

Es war kurz nach 14 Uhr Ortszeit, als der Leiter des zuständigen Fraktionsausschusses, Graham Brady, offiziell verkündete, was zu diesem Zeitpunkt alle Interessierten bereits wussten: Sunak wird der neue Parteichef der Konservativen und damit automatisch auch „Premierminister Seiner Majestät“. Denn kurz zuvor hatte die einzige noch verbliebene Rivalin ihre Kandidatur zurückgezogen. Bis dahin hatte Penny Mordaunt noch darauf gehofft, 100 Nominierungen ihrer insgesamt 357 Fraktionskollegen zusammenzukratzen. Doch anders als im Sommer, als die 49-Jährige bis zum Schluss im fraktionsinternen Rennen verblieben war, fehlte ihr diesmal der Rückhalt.

So blieb dem Land erspart, was Cyber-Fachleuten in den vergangenen Tagen Stirnrunzeln bereitet hatte: Hätten zwei Kandidaten die hohe Hürde übersprungen, wäre der Zweier-Vorschlag an die rund 180 000 Parteimitglieder gegangen. Diese sollten bis kommenden Freitag online abstimmen, was schon allein deshalb schwierig ist, weil Tausende älterer Torys über keinen Internetanschluss verfügen.

Rishi Sunak war nach Rücktritt von Liz Truss der haushohe Favorit

Im Sommer hatten die Torys noch bei zahlreichen Veranstaltungen im ganzen Land Sunak und Truss begutachtet. Am Ende votierten sie mit 57:43 Prozent für die vorherige Außenministerin und zeigten deren Gegenkandidaten Sunak die kalte Schulter.

Wie fatal diese Wahl fürs Land war, stellte sich binnen weniger Wochen heraus. Truss erschreckte die Brit:innen, vor allem aber die globalen Finanzmärkte, von deren Wohlwollen die Insel in besonderem Maße abhängt, mit schuldenfinanzierten Steuersenkungen für Reiche und Unternehmen. Das britische Pfund versank im Keller, die Zinsen für Staatsanleihen schossen in die Höhe – ganz wie es der Kandidat Sunak im Wettstreit mit Truss vorhergesagt hatte. „Die Leute sollten nicht an Märchen glauben“, war Sunaks Mantra, die „Phantasie-Ökonomie“ seiner Rivalin sei nicht tragfähig.

Nachdem sich diese Prognose als zutreffend herausgestellt hatte, war Sunak vom Moment an, in dem Truss vergangenen Donnerstag ihren Rücktritt nach der kürzesten Amtszeit eines britischen Premierministers in 301 Jahren angekündigt hatte, der haushohe Favorit auf die Nachfolge. Freilich unterhielten und erschreckten die Torys übers Wochenende noch die Nation mit der Idee, der erst im Juli aus dem Amt gejagte Boris Johnson könne triumphal in die Downing Street zurückkehren.

Hastig kehrte der 58-Jährige aus einem ausgedehnten Urlaub in der Karibik zurück. Und bald setzte ein, was man seit langem mit Johnson verbindet: Muntere Sprüche mischten sich mit äußerst dubiosen Behauptungen. Am Samstagmittag brüstete sich das Johnson-Lager damit, die Hürde von 100 Unterstützer:innen in der Tory-Fraktion übersprungen zu haben. Am Sonntagabend, nach 36 Stunden fiebrigen Werbens, sprach der Chef selbst von 102 Zusprüchen, und auch diese wurden nicht namentlich genannt. Seriöse Zählungen waren bis dahin auf rund 60 Johnson-Unterstützer:innen gekommen.

Rishi Sunak dürfte Jeremy Hunt im Amt belassen

Kurz darauf verkündete Johnson: Aus Sorge ums „nationale Interesse“ werde er nicht antreten, weil der Regierungschef über eine geeinte Fraktion verfügen müsse. Skeptiker:innen verwiesen darauf, dass der Showman wohl eher die fällige Abstimmungsniederlage gegen seinen Ex-Finanzminister fürchtete. Hinter Sunak hatten sich zu diesem Zeitpunkt auch prominente Partei-Rechte wie der Brexit-Ultra Steve Baker und die erst vergangene Woche zurückgetretene Innenministerin Suella Braverman versammelt. Ohne die Unterstützung dieses zahlenmäßig starken Parteiflügels hatte Johnson keine realistische Chance auf den Sieg.

Das Aus für Mordaunt zeichnete sich am Montagvormittag ab, als Sunaks Lager 179 Unterstützer:innen und damit mehr als die Hälfte der Fraktion vorweisen konnte. Denn das Experiment, gegen den Willen der Unterhaus-Abgeordneten regieren zu wollen, war mit Truss’ Scheitern beendet.

Wenn die Anzeichen stimmen, dürfte Sunak den erst seit zehn Tagen amtierenden Schatzkanzler Jeremy Hunt im Amt belassen. Am Kabinettstisch werde der neue Mann die wichtigsten Vertreter aller Gruppierungen seiner Partei versammeln, hieß es. Die Opposition gratulierte Sunak am Montag zu seiner bevorstehenden Ernennung als erster Nichtweißer im Amt. Labour-Chef Keir Starmer mahnte aber einmal mehr, das Land habe Neuwahlen nötig.

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