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„Schämen Sie sich eigentlich?“: Truss im Kreuzfeuer der Kritik

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Von: Stefan Krieger

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In Großbritannien brodelt es, nachdem die Regierung eine Reihe unorthodoxer wirtschaftspolitischer Maßnahmen angekündigt hat.

London – Angesichts der wirtschaftlichen Turbulenzen in Großbritannien und der Frage nach ihrer Zukunft als Regierungschefin hatte man von Premierministerin Liz Truss eigentlich erwartet, dass sie am Donnerstag (29. September) versucht, das verunsicherte Land zu beruhigen und ihren Kurs zu erläutern.

Stattdessen verbrachte sie den Vormittag damit, sich wütenden, zumeist schriftlichen Fragen in einer Reihe von lokalen Radiosendungen zu stellen – mit dem Ergebnis, dass sie eine ganze Stunde lang in verschiedenen regionalen englischen Akzenten beschimpft wurde.

Liz Truss in der Kritik: „Was haben Sie sich dabei gedacht?“

„Schämen Sie sich eigentlich für das, was Sie getan haben?“, fragte ein Hörer auf BBC Radio Kent. „Was in aller Welt haben Sie sich dabei gedacht?“, fragte ein zweiter aus der Küstenstadt Birchington-on-Sea. „Haben Sie die Macht an sich gerissen, um die Wirtschaft zum Absturz zu bringen?“, fragte ein anderer spöttisch.

Gab keine gute Figur ab: Liz Truss.
Gab keine gute Figur ab: Liz Truss. © Jason Decrow/dpa

Truss sprach zu insgesamt acht Radiosendern und nahm sich für jeden Sender zwischen fünf und 10 Minuten Zeit. Es handelte sich um einen Teil der regelmäßigen Medienauftritte vor Parteitagen, die ausgerechnet inmitten einer nationalen Wirtschaftskrise stattfinden. Die Nachfolgerin von Boris Johnson beantwortete viele der Fragen nicht direkt, sondern gab die gleichen vagen Antworten wie in der Vergangenheit, oft unterbrochen von „bemerkenswerten Pausen und Schweigen“, wie NBC berichtet.

Was die Anrufe zeigten, war das Ausmaß an Wut und Angst, das in Großbritannien durch eine Reihe unorthodoxer wirtschaftspolitischer Maßnahmen ausgelöst wurde. Darunter unter anderem eine geplante Steuersenkung für Großbritanniens Spitzenverdiener und das Einfrieren der Energierechnungen der Bürger und Bürgerinnen für die Dauer von zwei Jahren.

Großbritannien: Katastrophale Umfragewerte für Liz Truss

Zur allgemeinen Stimmung passt, dass die oppositionelle Labour-Partei in Großbritannien in Umfragen ihren Vorsprung zu den regierenden Konservativen weiter ausbauen kann. Eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sah die sozialdemokratische Labour-Partei bei 54 Prozent der Stimmen, die konservativen Torys lagen bei 21 Prozent.

Dies ist der größte Vorsprung für die Sozialdemokraten seit den 1990er Jahren. Vergangene Woche lag die Labour-Partei noch bei 45 Prozent, die Torys bei 28 Prozent. Die Labour-Partei stellte zuletzt bis zum Jahr 2010 den Premierminister, seitdem regieren die Konservativen in Großbritannien.

Liz Truss „wie ein umgekehrter Robin Hood“

Liz Truss bleibt bislang bei ihrem Kurs, ungeachtet der Kritik und der katastrophalen Umfragewerte. Die Premierministerin hat auch in den Gesprächen mit der Bevölkerung keinerlei Andeutung einer Kehrtwende oder einer Entschuldigung gemacht. „Die Menschen mögen es, wenn Politiker ehrlich sind“, fasste Sarah Julian, die Moderatorin von BBC Radio Nottingham, den Auftritt von Truss zusammen. Aber was Truss macht, sei „wie ein umgekehrter Robin Hood“.

Sarah Julian verglich so die Steuersenkungen für Wohlhabende mit den Taten des sagenhaften Volkshelden von Nottingham, der den Reichen nahm und den Armen gab. Liz Truss scheint sich für den entgegengesetzten Weg entschieden zu haben. (Stefan Krieger)

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