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Lindsay Hoyle ist der neue Präsident des britischen Unterhauses.

Großbritannien

Lindsay Hoyle zum neuen Präsidenten des britischen Unterhauses gewählt

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Lindsay Hoyle wird Nachfolger von John Bercow: Der Labour-Abgeordnete konnte sich im vierten Wahlgang durchsetzen.

Lindsay Hoyle ist zum neuen Präsidenten des britischen Unterhauses gewählt worden. Der Labour-Abgeordnete setzte sich am Montagabend im vierten Wahlgang gegen seinen Parteifreund Chris Bryant durch. „Ich werde neutral sein, ich werde transparent sein“, sagte der 62 Jahre alte Politiker.

Hoyle hatte eine Veränderung im Unterhaus versprochen. Es gehe darum, dass die Abgeordneten auf den hinteren Bänken die Regierung zur Rechenschaft ziehen könnten, hatte Hoyle in seiner Bewerbungsrede gesagt. Ein verantwortungsvoller Speaker müsse das unterstützen.

Hoyles Vorgänger John Bercow hatte vergangene Woche nach zehn Jahren das Amt abgegeben, wenige Tage bevor das Parlament für die vorgezogene Wahl am 12. Dezember aufgelöst wird. Dadurch wurde die Auswahl des neuen Speakers ungewöhnlicherweise am Ende statt zu Beginn einer Legislaturperiode getroffen.

John Bercow gibt Amt nach mehr als zehn Jahren ab  

Der bisherige Amtsinhaber, John Bercow, ist eine echte Kultfigur. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. In den turbulenten Brexit-Jahren hat sich John Bercow mit seinen donnernden „Order–Ordaaah“-Rufen weit über die britischen Grenzen hinaus einen riesigen Fanclub verschafft. Nun aber ist die große Zeit des kleinen Mannes vorbei. Nach mehr als zehn Jahren im Amt stand der 56-Jährige am 31. Oktober zum letzten Mal als Präsident dem britischen Unterhaus vor, am Montag (4.11.) entscheiden die Abgeordneten von 15.30 Uhr an darüber, wer das britische Unterhaus künftig zur Ordnung rufen wird. 

Der Abschied ist Bercow allerdings nicht leicht gefallen, als er sich bei einer seiner letzten Sitzungen für die Unterstützung bedankte, konnte er sich kaum seiner Tränen erwehren. Doch einmal muss es genug sein, die Familie hat nun mal Vorrang. Er habe es seiner Ehefrau Sally und den drei Kindern versprochen, sagte der „Speaker of the House of Commons“, der die Debatten im Unterhaus leitet und darauf achtgibt, dass die Parlamentarier nicht gegen Regeln verstoßen.

John Bercow galt den Brexit-Hardlinern als viel zu europafreundlich

Bercow galt im Streit um den geplanten EU-Austritt des Landes in den Augen von Brexit-Hardlinern als parteiisch und viel zu europafreundlich. So beispielsweise am 21. Oktober, als er im Rückgriff auf eine längst vergessene Konvention aus dem Jahr 1604 darauf bestanden hatte, dass über dieselbe Vorlage in einer Legislaturperiode nicht zwei Mal abgestimmt werden könne - und sich damit im Namen des Parlaments den Plänen von Premierminister Boris Johnson in den Weg stellte

Die Reaktion der Torys fiel entsprechend saftig aus: Für sie war Bercow ein „Saboteur“, „Handlanger der Brexit-Gegner“ und „dummer, scheinheiliger Zwerg“. Dass sich der 1,68-Meter-Mann, der selbst Mitglied der Konservativen ist, offenbar nie so recht vergeben, dass er sich von einem Gleichgesinnten zu einem sozialliberalen, pro-europäischen Freigeist wandelte.

Und das, obwohl Bercow schon bei seiner Bewerbung um das Amt gesagt hatte, er wolle dafür sorgen, „dass sich das Parlament von den Knien erhebt und begreift, dass es nicht einfach Erfüllungsgehilfe der jeweiligen Regierung ist“. 

John Bercow gefiel seine Rolle im Brexit-Drama 

Der wortgewaltige Bercow rechtfertigte sein Tun mit einem immer stärker autoritären Regierungsstil. Bestätigt wurde er darin von Alterspräsident Ken Clarke. „Während Ihres Jahrzehnts gab es wirklich nie da gewesene Versuche, die Macht der vollziehenden Gewalt auf Kosten des Parlaments zu erhöhen, und Sie waren großartig darin, die Pflicht der Regierung aufrechtzuerhalten, diesem Haus Rechenschaft abzulegen“, sagte Clarke am Mittwoch.

Anhaben konnten ihm seine Kritiker aber eh nichts. Im Gegenteil: Seine Rolle im Brexit-Drama gefiel dem Exzentriker sichtlich. Und der Anschuldigung, nicht neutral zu sein, trat er immer entschieden entgegen. Auf den Anti-Brexit-Sticker seiner Ehefrau angesprochen, erwiderte er, dass sie für sich selbst sprechen könne, sie sei sei nicht „Hab und Gut ihres Ehemanns“.

Auch die ganz Großen machten Bercow keine Angst, jedenfalls nicht erkennbar. So bekam er denn auch viel Beifall für seine Ankündigung, Donald Trump bei einem Staatsbesuch nicht im Parlament zu empfangen. Indirekt warf er dem US-Präsidenten Rassismus und Sexismus vor.

John Bercow entwickelte sich zum Partei-Rebellen

Bercow redet „zu gern und im Zweifel zu viel“, wie er selbst einräumt. Schon als Kind las er Zeitung, kandidierte für das Schülerparlament und protestierte gegen das Schulessen. Die spätere Premierministerin Margaret Thatcher überzeugte ihn schließlich, den Konservativen beizutreten. Bercow entwickelte sich im Laufe der Zeit aber eher zum Partei-Rebellen, auch äußerlich. Auf die damals übliche Perücke des Präsidenten verzichtete Bercow, außerdem fiel er durch schrille Krawatten auf.

Dieses Markenzeichen ist auch im Video des belgischen Elektro-Hits „ORDER“ zu sehen. Dort tanzt eine Bercow-Puppe mit bunter Krawatte zum hypnotischen Beat des Musikers Michael Schack aus Antwerpen und ruft seine Anweisungen: „Ordeeeeer. Ja-Stimmen zur Rechten, 202. Nein-Stimmen zur Linken, 432.“ Auch andere typische Bercow-Phrasen werden in dem Lied zitiert.

Neben Bercow tanzen drei andere Puppen mit Krawatte, von denen eine der britische Premierminister Boris Johnson sein könnte. Das Video wurde bereits am 24. Oktober auf YouTube hochgeladen.

Bercow-Nachfolger wird gewählt

Zur Wahl des neuen „Speaker of the House of Commons“ stehen mehrere Kandidaten. Sie stellen sich zunächst der Reihe nach dem Parlament vor. Sodann wird solange in geheimer Wahl abgestimmt, bis ein Bewerber die absolute Mehrheit erhält. In jeder Runde scheiden der Abgeordnete mit den wenigsten Stimmen sowie alle Kandidaten mit weniger als fünf Prozent Zustimmung aus.

Als Favoriten gelten die Labour-Abgeordneten Lindsay Hoyle, bisher Vize-Sprecher, und Harriet Harman, die dienstälteste Parlamentarierin. Von den Konservativen werden Eleanor Laing die besten Chancen eingeräumt. Da die Regierung von Premierminister Boris Johnson keine Mehrheit im Unterhaus hat, dürfte sie wieder mit einem für sie unangenehmen Parlamentspräsidenten konfrontiert werden. (mit dpa/afp)

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