+
Lindsay Hoyle ist seit Montag der neue Präsident des britischen Unterhauses.

Großbritannien

Großbritannien: Lindsay Hoyle ist die moderate Stimme im Unterhaus

  • schließen

Im Unterhaus in Großbritannien ist Lindsay Hoyle der neue Speaker. Er versteht sich und sein Amt als Schiedsrichter – ein Porträt.

Sir Lindsay Hoyle hat ohne Zweifel etwas sehr Englisches. Ein wenig skurril wirkt der Herr, sein Humor ist äußerst komisch. Wie sonst lässt sich ein Mann beschreiben, der täglich den Zirkus in Westminster mitdirigiert und dann noch seine Schar an Haustieren nach Politikern benennt? Hoyles Tiere, darunter zwei Hunde, eine Katze und eine Schildkröte namens Maggie – angelehnt an die Eiserne Lady Margaret Thatcher – führt sein vier Jahre alter plappernder Papagei an, der Boris heißt; benannt nach dem redseligen Premierminister Boris Johnson. Und natürlich, der Vogel kann außerdem noch „Order, Order“ krächzen.

Am Montagabend wurde der 62-jährige Hoyle zum neuen „Speaker of the House of Commons“ gewählt. Nach neun Jahren als Stellvertreter ersetzt er damit den wegen seiner markanten „Order“-Rufe vor allem im Ausland zur Kultfigur aufgestiegenen Unterhaussprecher John Bercow. Sein Talent zur Bändigung kann Hoyle nun auch im britischen Parlament nutzen, wo es im unendlichen Brexit-Theater mitunter ebenfalls äußerst animalisch zugeht. Doch Hoyle, der 1997 als Labour-Abgeordneter für den Wahlbezirk Chorley in der Grafschaft Lancashire ins Unterhaus zog und aufgrund seines Amts die Parteimitgliedschaft jetzt aufgeben muss, möchte auf der für das Unterhaus zentralen Position weniger polarisieren als sein umstrittener Vorgänger. „Ich werde neutral und transparent sein“, versprach er. „Dieses Haus wird sich ändern, aber zum Besseren.“

Das durfte man getrost als Seitenhieb auf John Bercow verstehen. Dieser mag insbesondere für Brexit-Gegner als Stimme der Vernunft gegolten haben, die die Rechte des Parlaments zum regelmäßigen Ärger der Regierung bis zum Letzten verteidigte. Dennoch, der selbstbewusste bis eitle Showmaster Bercow heizte mit seiner Rhetorik, den teils scharfen Zurechtweisungen und seinen Entscheidungen über die Zulässigkeit von Anträgen die Stimmung im Parlament oft weiter an.

Hoyle dagegen versteht sein Amt eher als das eines Schiedsrichters, wie er sagte. Fair, unabhängig, unparteiisch. „Die Menschen wollen sich nicht an einen Schiedsrichter erinnern, sondern an das Spiel.“ Seine Aufgabe sei es, den Spielfluss sicherzustellen. Der über die Parteigrenzen im Unterhaus beliebte Hoyle wird moderater auftreten, wirbt vor allem für einen zivileren Umgangston und mehr Respekt unter den Parlamentariern, will sich aber weiterhin für die Rechte der weniger prominenten Abgeordneten auf den hinteren Bänken einsetzen.

Mit der Ernennung hat Hoyle, der vor seiner Politkarriere eine Firma für Textildrucke betrieb, beruflich seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Im Privaten traf die Familie dagegen ein schrecklicher Schicksalsschlag. Im Dezember 2017 wurde seine Tochter Natalie tot in ihrem Schlafzimmer gefunden, die erst 28-Jährige hatte sich erhängt. Bis heute kämpft Hoyle mit dem tragischen Verlust, wie er Medien gegenüber zugab. „Ich wünschte, sie könnte hier sein. Sie war alles für uns“, sagte er mit Tränen in den Augen nach seiner Wahl vor den Abgeordneten.

Umso mehr will der sonst so vergnügt auftretende Politiker als Sprecher dafür sorgen, dass von ähnlichen Tragödien betroffene Abgeordnete mehr Seelsorge erhalten. Für ihn gehe es darum, seine eigene Erfahrung zu nutzen, um anderen zu helfen. Deshalb, so hat er angekündigt, werde er das Wohlergehen von Parlamentariern und ihren Teams ins Zentrum rücken. Hoyle, dessen Vater ebenfalls Labour-Abgeordneter war und mittlerweile als Baron Hoyle im Oberhaus sitzt, plant etwa, eine Allgemeinarztpraxis auf dem Westminsterareal eröffnen zu lassen. Unter dem neuen Speaker dürfte es ruhiger werden im ehrwürdigen Palast. Immerhin, einen geschwätzigen Boris hat Hoyle bereits gezähmt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion