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Swinson äußert auch Ambitionen auf die Downing Street.

Joanne Swinson

Joanne Swinson - eine Gegenspielerin von links

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Bei den britischen Liberaldemokraten übernimmt mit Joanne Swinson die erste Frau den Parteivorsitz.

Erstmals in ihrer 160-jährigen Geschichte werden die britischen Liberalen von einer Frau geführt. Bei der Urwahl durch die Mitglieder setzte sich am Montag die Schottin Joanne „Jo“ Swinson mit 63:37 Prozent deutlich gegen ihren englischen Mitbewerber Sir Edward Davey durch. Sie werde „alles tun, um den Brexit zu verhindern“, sagte die 39-Jährige am Montag nach Bekanntgabe des Ergebnisses.

Die 1988 aus der Fusion von Liberalen und Sozialdemokraten hervorgegangenen Liberaldemokraten, im Volksmund Lib-Dems genannt, sind traditionell die dritte Kraft der britischen Politik. Dass sie zuletzt turbulente Jahre erlebten, liegt nicht zuletzt am Mehrheitswahlrecht: Es zielt auf klare Verhältnisse ab und bevorzugt deshalb die beiden großen Parteien – Labour und die derzeit regierenden Konservativen. Dennoch gelang 2010 unter Nick Clegg nach Jahrzehnten in der Opposition der Sprung an die Regierung als kleiner Koalitionspartner der Konservativen. Swinson amtierte in dieser Zeit drei Jahre als Staatssekretärin. Bei der darauffolgenden Wahl folgte der Absturz: Statt 57 holten die Lib-Dems nur noch acht Mandate, auch die Schottin verlor ihren Wahlkreis.

Lib-Dems auf Platz vier

Die „Katastrophe des Brexit“, wie Swinson es nennt, hat der Partei jedoch neue Kraft eingehaucht. Seit dem Referendum 2016 positionierten sich die pro-europäischen Lib-Dems konsequent als Partei für ein zweites Referendum, holten bei der Europawahl im Mai 20 Prozent und belegten hinter der Brexit-Party, aber vor Labour und den Konservativen den zweiten Platz. In jüngsten Umfragen für die nächste Unterhauswahl lagen sie durchschnittlich bei 17,6 Prozent und damit um zehn Prozent höher als bei der Wahl vor zwei Jahren. Allerdings belegen sie mit diesem Ergebnis nur noch Platz Vier hinter Labour, den Torys und der Brexit-Party.

Swinson ging nach einem Management-Studium schon früh in die Politik, nach ihrer Wahl war sie 2005 das „Parlamentsbaby“. Die mittlerweile mit einem liberalen Ex-Abgeordneten verheiratete Mutter zweier kleiner Söhne übernimmt die Partei vom früheren Wirtschaftsminister Vincent Cable, 76.

Mindestens so wichtig wie der Generationswechsel ist Swinsons Wahl für die Frauen in einer Partei, die sich lang jeder Quote verweigerte und an einem großen Frauendefizit litt. Jüngste Weichenstellungen haben dies geändert. In der Europaparlamentsgruppe stehen neun Frauen sieben Männern gegenüber, im Unterhaus sind vier von zwölf Abgeordneten weiblich, nachdem in der letzten Legislaturperiode dort das zusammengeschmolzene Häuflein Liberaler nur aus Männern bestand. Bei einer Nachwahl Anfang August soll die walisische Parteivorsitzende Jane Dodds Abgeordnete Nummer 13 werden.

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Ihr klarer Kurs in der Brexit-Frage, ihre traditionelle Liberalität bei Bürgerrechten und Minderheitenfragen, ihr Bekenntnis zu Klima- und Umweltschutz hat die Lib-Dems in der Gunst der Bürger wieder nach vorn katapultiert. Swinsons Wahl dürfte der Partei einen zusätzlichen Energieschub verschaffen. Frech meldete die vergnügte Schottin unter dem Jubel ihrer Anhänger Ambitionen auf die Downing Street an: „Ich stehe vor Euch nicht nur als Vorsitzende, sondern auch als Premierminister-Kandidatin.“

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