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Großbritannien: Gender-Klinik wird geschlossen – Erleichterung und Kritik

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Von: Tim Vincent Dicke

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Krankenhaus
Nach Kritik: In Großbritannien wird eine Londoner Spezialklinik für Geschlechtsumwandlungen geschlossen. (Symbolbild) © Julian Stratenschulte/dpa

Nach Vorwürfen wird in Großbritannien die einzige Gender-Klinik geschlossen. Es soll Ersatz geben, trotzdem stößt die Entscheidung auf Kritik.

London – Der nationale Gesundheitsdienst NHS hat angekündigt, die einzige Gender-Spezialklinik für Kinder und Jugendliche in Großbritannien zu schließen. Die Tavistock-Klinik in der britischen Hauptstadt London war nach einer unabhängigen Untersuchung in die Kritik geraten.

Die Gender-Klinik wurde vor mehr als drei Jahrzehnten gegründet, um Kindern und jungen Menschen zu helfen, die mit ihrer Geschlechtsidentität zu kämpfen haben. In den letzten Jahren hatte es aber immer wieder Beschwerden über die Methoden gegeben, die in dem Krankenhaus angewendet werden. Wie der britische Guardian berichtet, äußerten Ärztinnen und Ärzte Bedenken, dass einige der Patientinnen und Patienten zu schnell auf den Weg einer Geschlechtsumwandlung verwiesen worden seien.

Gender-Klinik in Großbritannien muss schließen: Extrem lange Wartezeiten

Eine Studie unter der Leitung der Wissenschaftlerin Dr. Hilary Cass kam nun zu dem Ergebnis, dass das derzeitige Betreuungsmodell junge Menschen einem „beträchtlichen Risiko“ für schlechte psychische Gesundheit und Not aussetze und dass eine einzige Klinik „keine sichere oder praktikable langfristige Option“ sei. Außerdem kritisierte Cass, dass Geschlechtsumwandlungen ohne rationalen Grund verschrieben worden seien. Auch habe es extrem lange Wartelisten gegeben.

Die Klinik soll laut NHS durch neue „familiennahe regionale Zentren“ ersetzt werden, die „den holistischen Bedürfnissen von verletzlichen Patienten“ beim Thema Gender entgegenkommen sollen. Diese würden in einem anderen Krankenhaus in London, aber auch in Liverpool und Manchester entstehen.

„Das Ziel ist es, die Tavistock-Klinik bis zum Frühjahr 2023 zu schließen und zu einem neuen Modell durch spezialisierte Kinderkrankenhäuser überzugehen“, sagte ein NHS-Vertreter dem Guardian. Es solle aber keine unmittelbaren Änderungen für Kinder geben, die derzeit in London bereits in Behandlung sind.

Großbritannien: Vorwürfe gegen Klinik

Auch die britischen Gerichte haben sich mit der Klinik beschäftigt. Die 25 Jahre alte Keira Bell, die vor dem Obersten Gerichtshof gegen das Krankenhaus geklagt hatte, zeigte sich laut BBC erfreut über die Entscheidung, Tavistock zu schließen. Eigenen Angaben zufolge wurden ihr im Alter von 16 Jahren dort Pubertätsblocker verschrieben – ohne dass sie allerdings eine richtige Beratung bekommen habe. Später änderte sie ihre Meinung und ließ ihr Geschlecht nicht zum Mann umwandeln. Vor Gericht argumentierte sie, dass sie eine deutlich bessere Beratung bekommen hätte müssen.

Bell sagte der BBC: „Ich habe als Teenager viel Kummer gehabt. Ich brauchte einfach etwas Unterstützung für meine psychische Gesundheit und eine Therapie für alles, was ich durchgemacht habe. Es muss in erster Linie Unterstützung für die psychische Gesundheit geben.“

Auch Kritik an Entscheidung, Gender-Klinik in Großbritannien zu schließen

Nicht alle sehen die Schließung der Klinik jedoch positiv. Zwar sei es eine großartige Idee, dass es in Zukunft regionale und leichter zugängliche Dienste gebe, aber kurzfristig werde Tavistock geschlossen, „ohne dass etwas an die Stelle tritt“, sagte die 46-jährliche Isobel Gray zu Sky News, die seit 2019 auf einen Termin für eine Geschlechtsumwandlung wartet. Nun, so ihre Befürchtung, werde es noch länger dauern.

„Als ich ein Kind war, sagte mir die Welt: ‚Das ist es, du bist ein Junge, du kannst nichts anderes sein‘“, so Gray gegenüber Sky News. Es sei verheerend, dass die Klinik nun keine weiteren Behandlungen anbieten dürfe. „Und dann wird es einem weggenommen – ich fühle wirklich mit den Kindern, die das gerade durchmachen. Das muss absolut schrecklich für sie sein.“ Sollten weitere Termine verschoben werden, „wird das für sie verheerend sein“. Insbesondere für die psychische Gesundheit befürchtet sie ernste Folgen. Auch in den USA wird die Situation für Trans-Personen immer schlechter.

Ein Tavistock-Sprecher verteidigte die Arbeit der Klinik. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten „unermüdlich und unter intensiver Prüfung in einem schwierigen Klima gearbeitet“, sagte er der BBC und fügte hinzu: „Wir sind stolz auf sie und dankbar für den unermüdlichen Einsatz für die Patienten und ihre außergewöhnlichen Bemühungen.“ (tvd)

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