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EU-Austritt und die Folgen

Brexit-Chaos in Großbritannien: Obst und Gemüse verrottet vor der Ernte

  • Isabel Wetzel
    VonIsabel Wetzel
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Die Folgen des Brexit werden in Großbritannien spürbar. In der Landwirtschaft fehlen zahlreiche Arbeitskräfte aus dem Ausland.

London - Bittere Nachrichten für die britische Landwirtschaft. Landwirt:innen im ganzen Land müssen dabei zusehen, wie ihre Obst- und Gemüseernte auf den Feldern und in den Plantagen verrottet. Denn durch die Folgen des Brexits, die seit Anfang des Jahres einsetzen, fehlen bei der Ernte zahlreiche Helferinnen und Helfer aus dem europäischen Ausland. In einem Bericht des paneuropäischen Senders Euronews sprechen leitende Kräfte landwirtschaftlicher Unternehmen von „verheerenden“ Auswirkungen durch die Einschränkungen der Freizügigkeit.

Julian Marks, der Geschäftsführer von Barfoots of Botley an der englischen Südküste, sagte gegenüber Euronews, die Auswirkungen seien nicht nur in der Landwirtschaft und im Gartenbau spürbar, sondern „in ziemlich jedem Sektor, in dem Menschen aus dem Ausland jahrelang gearbeitet haben.“

Brexit erschwert Arbeitskräften Einreise nach Großbritannien

Bereits Ende 2020 warnten Experten, dass Großbritannien nach dem Brexit langfristig Arbeitskräfte fehlen würden. Seit dem Jahresbeginn 2021 sind neue Regeln in Kraft getreten, die unter anderem Erntehelfer:innen die Einreise ins Vereinigte Königreich erschweren. So entfällt unter anderem die Dienstleistungsfreiheit und Arbeitgeber:innen müssen beispielsweise eine sogenannte „Sponsorship Licence“ beantragen, damit sie dienstleistende Kräfte aus dem Ausland nach England holen können - das geht in der Regel aber nur bei ausgebildeten und hochqualifizierten Kräften, so der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer, Ulrich Hoppe, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

In Großbritannien fehlen zahlreiche landwirtschaftliche Arbeitskräfte aus dem Ausland. Obst und Gemüse verrottet am Strauch, anstatt geerntet zu werden.

Bis dato konnten Saisonarbeitskräfte aus Europa einfach nach England einreisen und wer vor Ende 2020 im Land war, durfte auch bleiben. „Durch mehr Barrieren und mehr Bürokratie ist es viel schwieriger, hierherzukommen und zu arbeiten. Ein Riesenproblem für unsere Firma und andere Unternehmen in der Umgebung“, erklärte Gerard Vonk, der eine Paprikafarm in West Sussex betreibt bei Euronews. Er habe seit 33 Jahren mit Kräften aus Osteuropa gearbeitet und werde nun von einem gravierenden Arbeitskräftemangel eingeholt. Die Ernte sei bereits überreif und er habe 72 landwirtschaftliche Arbeiter:innen weniger zur selben Zeit 2020, so Vonk.

Wegen Brexit fehlen Erntehelfer:innen - Gemüse in England verrottet

Julian Marks von Barfoots of Botley ergänzte, dass die Folgen in diesem Jahr besonders spürbar seien: Die Kombination aus Corona-Pandemie und Brexit habe es so gut wie unmöglich gemacht, Erntehelfende vom europäischen Kontinent zurück auf die Insel zu holen. Doch die Geschäftsführenden der Farmen und Betriebe sehen die Hauptursache für die verheerende Lage auf den Feldern Großbritanniens beim Brexit, nicht bei den coronabedingten Reisebeschränkungen. Die Anstellung von Kräften aus dem Ausland müsse unbürokratischer gestaltet werden. Zusätzlich braucht es nach Ansicht der Landwirt:innen eine Kampagne der Regierung, die europäische Arbeitskräfte zur Rückkehr auf die Insel bewegt.

Es müsse dringend noch mehr passieren, um eine weitere Erntekatastrophe zu verhindern, so die Landwirt:innen gegenüber Euronews. Noch im Juni, als die Erdbeer-Ernte anstand, zeigte sich der Branchenverband britischer Beerenanbauer optimistisch.

Die Regierung hätte das entsprechende Visaprogramm von 10.000 Plätzen im Vorjahr auf 30.000 erhöht, teilte der Branchenverband British Summer Fruits im Juni 2020 mit. Das benötigte Visum sei allerdings umständlich zu erwerben, erklärte Barbara Drozdowicz von der Hilfsorganisation „East European Resource Center“ der dpa. Antragsteller:innen würden unter anderem einen Bürgen in Großbritannien benötigen, um ein Arbeitsvisum zu erhalten und die Ausstellung einer solchen Erlaubnis sei zudem sehr teuer. Die Kosten betragen 244 Pfund, also rund 285 Euro. Für Staatsangehörige einiger Länder wie Deutschland sei das Visum 55 Pfund günstiger, doch das gelte nicht für die ganze EU. So müssen Menschen aus Ländern wie Rumänien und Bulgarien, aus denen traditionell Saisonarbeiter:innen rekrutiert werden, den Normalpreis zahlen.

Brexit: 750.000 Zucchini verrotten auf englischer Farm

Julian Marks beklagte bei Euronews, auf seinen Plantagen würden aktuell rund 750.000 Zucchini verrotten - denn es fehle neben Arbeitskräften, die das Gemüse abernten, auch an Kunden, die es ihm abnehmen. Das Unternehmen kämpfe damit, die Anforderungen der Supermärkte an das Obst und Gemüse zu erfüllen. Damit wachse zusätzlich die Sorge, dass die großen Supermärkte in Großbritannien nicht mehr von regionalen Landwirt:innen kaufen, sondern ihre Regale mit EU-Importen füllen.

Er fügte hinzu, dass es „tragisch“ und „demoralisierend“ sei, so viel Gemüse verkommen zu sehen, und sagte, die Situation in den landwirtschaftlichen Betrieben sei durch den Brexit deutlich schlimmer als zuvor erwartet.

Landwirtschaftsarbeiter ernten Rosenkohl: In Großbritannien fehlen durch den Brexit und die Corona-Pandemie zahlreiche Erntehelfer aus dem Ausland.

Die Kampagne „Pick for Britain“, die die Regierung unter Boris Johnson im vergangenen Jahr durchführte, sollte - um eine Erntekatastrophe dieser Ausmaße zu vermeiden - in der Pandemie arbeitslos gewordene Briten dazu auffordern, bei der Ernte zu helfen. Die Agentur Pro-Force, die daraufhin zahlreiche britische Kräfte an landwirtschaftliche Betriebe vermittelte, legte Euronews allerdings deutliche Zahlen vor. Am Ende der Saison 2020 waren demnach nur noch vier Prozent der Kräfte in der jeweils vermittelten Position tätig. Nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass viele lediglich eine Lücke füllten, damit ihren Beitrag in der „nationalen Corona-Krise“ leisteten und anschließend - sofern möglich - wieder in ihre eigentlichen Berufe zurückkehrten. (iwe)

Rubriklistenbild: © Waltraud Grubitzsch/dpa

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