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Nachfolge von Boris Johnson: Das Karussell dreht auf vollen Touren

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Von: Sebastian Borger

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Rund ein Dutzend Männer und Frauen wollen die Hausschlüssel zu Number 10 gewinnen. Wer tritt die Nachfolge des britischen Premiers Boris Johnson an?

London – Zu den Anzeichen für die unablässig schwindende Autorität Boris Johnsons gehörte nicht zuletzt die Offenheit, mit der Kabinetts- und Fraktionsmitglieder in den vergangenen Tagen ihre Ambitionen auf seine Nachfolge signalisierten. So etwas gehört in normalen Zeiten zu den Tabus in Whitehall, wo nach außen bekundete Loyalität (und geschickte Doppelzüngigkeit) als große Tugend gilt. Allerdings konnte sie der notorisch illoyale Amtsinhaber kaum einfordern, ohne Hohngelächter zu ernten.

Nach Johnsons Rücktrittsankündigung dürften rund ein Dutzend Frauen und Männer an die Startlinie gehen, um „First Lord of the Treasury“ zu werden, wie der Titel des britischen Premiers offiziell lautet. Den Statuten der Torys zufolge wählt die Unterhaus-Fraktion so lange, bis zwei Kandidat:innen übrig bleiben. Diese müssen sich der Urwahl durch die derzeit rund 200 000 Parteimitglieder stellen. Der oder die Neue dürfte deshalb erst im Herbst, vielleicht Anfang Oktober, feststehen.

Die von Johnson wenig geschätzte Penny Mordaunt könnte sich als Geheimtipp erweisen.
Die von Johnson wenig geschätzte Penny Mordaunt könnte sich als Geheimtipp erweisen. © afp

Wer tritt Boris Johnsons Nachfolge an?

Ob dann erstmals wer aus einer ethnischen Minderheit in die Downing Street einziehen wird? Sajid Javid kann die Erfahrung als Chef von sechs Ministerien, darunter die Kernressorts Finanzen, Inneres und Gesundheit, für sich ins Feld führen. Für den 52 Jahre alten Sohn bettelarmer Eingewanderter aus Pakistan und langjährigen Investmentbanker spricht auch, dass er Johnsons Kabinett zweimal wegen dessen Berserkermethoden verließ. Seine knallharte Rücktrittsrede im Unterhaus am Mittwoch („Enough is enough“) hat zum jetzigen Stimmungsumschwung gegen den Premierminister beigetragen.

Hingegen dürfte der bisherige Finanzminister Rishi Sunak, lange als Kronprinz gehandelt, durch ungeschicktes Taktieren seine Chance verspielt haben. Dem 42-Jährigen hängen zudem der unklare Steuerstatus seiner Frau und die Nähe seines milliardenschweren Schwiegervaters zu Indiens Populisten-Premier Narendra Modi nach.

Nachfolge für Boris Johnson: Mehrere Optionen offen

Besser sieht es für das dritte Migrationskind aus, das nun seit kaum drei Tagen im mächtigen Schatzkanzleramt den Ton angibt. Der 55-jährige Nadhim Zahawi hat sich als Staatssekretär für das Corona-Impfprogramm und Bildungsminister profiliert, dabei stets Johnson die Treue gehalten. Dass er sich Dienstagnacht zum Finanzchef berufen ließ und tags darauf dem Chef mitteilte, dieser müsse seinen Hut nehmen, hat Anklänge von „House of Cards“, dem Polit-Thriller (im britischen Original wie im US-Remake) um nackte Ambition und finstere Machenschaften. Dazu passt auch, dass Zahawi offenbar seit Monaten seine Kampagne plant.

Dies hat der Finanzminister gleich mit mehreren Parteifeinden gemein. Tom Tugendhat, Leiter des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, hat seine Ambitionen schon vor Monaten herausposaunt, was unter normalen Umständen als Karrierehemmnis gilt. Freilich hat der Liberalkonservative mutmaßlich ebenso geringe Chancen wie Ex-Außen- und -Gesundheitsminister Jeremy Hunt, der 2019 in letzter Runde Johnson unterlag. Beim Parteivolk hochgehandelt wird hingegen die 46-jährige Außenministerin Elizabeth Truss, wenngleich ihr wie Tugendhat und Hunt der „Makel“ anhaftet, 2016 für den EU-Verbleib gestimmt zu haben.

Boris-Johnson-Nachfolge: Das Buhlen kann beginnen

Seither aber hat sich Truss als begeisterte Brexit-Prophetin positioniert, was für die Unterstützung durch die Parteibasis unablässig ist. Nur so lässt sich auch erklären, warum der Hinterbänkler Steve Baker und die weit über ihre Fähigkeiten hinaus beförderte Generalstaatsanwältin Suella Braverman ihre Hüte in den Ring werfen wollen. Beide verfügen nur über geringste Regierungserfahrung, sind aber Brexit-Ultras und auf Krawall mit Brüssel gebürstet. Das liebt das Parteivolk.

Die Webseite „Conservative Home“ propagiert seit Monaten Penelope Mordaunt. Dass Johnson die 49-Jährige nicht im Kabinett haben wollte, könnte der Handels-Staatssekretärin zum Vorteil gereichen. Hingegen mag das Festhalten am lügenhaften Premierminister ihren Mit-Brexiteers, den Kabinettsmitgliedern Priti Patel (Inneres) und Dominic Raab (Justiz sowie Vize-Premier), negativ ausgelegt werden – oder etwa doch also Loyalität? Das Bewerbungskarussell jedenfalls dreht schon auf Hochtouren. (Sebastian Borger)

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