1. Startseite
  2. Politik

Was wird jetzt aus Boris Johnson?

Erstellt:

Von: Sebastian Borger

Kommentare

Die jugendliche „Rot Squad“ (Schwadron gegen die Verrottung der politischen Sitten“) protestiert vor der Downing Street mit einer Collage des sich davonstehlenden nackerten Johnson.
Die jugendliche „Rot Squad“ (Schwadron gegen die Verrottung der politischen Sitten“) protestiert vor der Downing Street mit einer Collage des sich davonstehlenden nackerten Johnson. ADRIAN DENNIS/AFP © AFP

Der britische Chaos-Premier Johnson gibt sein Amt auf – und erfindet sich vielleicht ganz neu.

London – Bei seinem Amtsantritt im Juli 2019 stellte Queen Elizabeth ihrem 14. Premierminister eine Frage, die der Monarchin gewiss schon länger Kopfzerbrechen bereitet hatte: Sie könne nicht recht verstehen, „warum eigentlich überhaupt jemand diesen Job haben will“. Boris Johnsons Antwort ist nicht überliefert – und gut drei chaotische, krisenreiche, von einem triumphalen Wahlsieg und zahlreichen Skandalen gekennzeichnete Jahre später lässt die Bilanz seiner Amtszeit nicht nur diese Frage offen.

Übrigens war die Tatsache, dass der damals neue Regierungschef dieses Detail seiner allerersten Audienz brühwarm der Öffentlichkeit weiterplauderte, ein erster Hinweis auf die Besonderheit dieses Politikers. Was scherte ihn die Konvention, wonach die wöchentlichen Zusammentreffen britischer Regierungschefs mit der Königin striktem Stillschweigen beider Seiten unterliegen? Johnson hatte sich nie um Bräuche oder Vorschriften geschert; in 10 Downing Street sah er keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Boris Johnson: Wie ein Teenager

Sein Regierungshandeln wirkte häufig wie die Provokationen eines aufsässigen Teenagers gegen die olle Erwachsenenwelt. Kein Zufall, glaubt der Johnson-Biograph Andrew Gimson: „Er machte seine Gegner mit kalkulierten Geschmacklosigkeiten absichtlich so wütend, dass sie gar nicht mehr klar denken konnten.“ Der Autor eines vergnüglichen Buches über sämtliche Premierminister seit 1721 sieht Johnson in der Tradition Benjamin Disraelis: Wie der illustre Vorgänger (1804-81) habe Johnson instinktiv jene Bevölkerungsteile angesprochen, die sich gern über pompöse Rechthaber und Musterknaben lustig machen – das entsprechende Wort „prigs“ liegt nicht umsonst phonetisch sehr nahe an „pricks“, also Deppen oder Trottel.

Mit flotten Sprüchen und zerzaustem Haar, unter dem sich ein scharfer politischer Verstand verbirgt, schaffte es Boris Johnson als Brexit-Premier ins Amt. An der Volksentscheidung für den EU-Austritt 2016 hatte er wichtigen, vielleicht entscheidenden Anteil. Dass er seinem Land den Weg wies aus dem Brexit-Labyrinth, stellt ein wichtiges Verdienst dar – das knappe Ergebnis musste umgesetzt werden, um die zerrissene Nation zu befrieden. Den Brexit „vollendet“ hat Johnson deshalb aber lange nicht. Vielmehr werden mit zunehmender Zeit die vielfältigen Probleme immer deutlicher, die die Scheidung vom europäischen Einigungsprojekt mit sich bringt.

Boris Johnson: Die Partys wurden sein Schicksal

Ähnlich zwiespältig wirkt Johnsons Umgang mit der Pandemie. Er selbst weist gern – und zu Recht – auf das vorbildlich schnelle britische Impfprogramm und die effektiven Hilfen für Firmen und Bürger:innen hin. Kritischere Geister erinnern daran, dass der erste Lockdown im März 2020 viel zu spät kam, was seriösen Berechnungen zufolge mehr als 20.000 Tote forderte. Zudem warf die Regierung panikartig auf der Suche nach Schutzkleidung mit Milliarden um sich, von denen allzu viele in falschen Taschen verschwanden. Die zahlreichen Lockdown-Partys brachen ihm das Genick.

Ein „Mini-Trump“, wie von Verächtern behauptet, war Johnson aber schon deshalb nicht, weil er dem fürsorgenden Staat eine wichtige Rolle einräumte. Wie sich das aber mit traditionellen konservativen Werten wie disziplinierter Haushaltsführung und Marktgläubigkeit vertragen sollte, blieb stets offen.

Boris Johnson: Kommt es zum „Borisconi“-Phänomen?

Die Fantasie seiner Parteifreunde und der Öffentlichkeit in Großbritannien wird der gescheiterte Premier noch lange beschäftigen, dafür sorgt in allererster Linie Boris Johnson selbst. Genüsslich ist er in den vergangenen Tagen allen Pressefragen nach einem etwaigen Comeback ausgewichen. Schon in der bitteren Rücktrittsrede Anfang Juli schürte er eine alberne Dolchstoß-Legende. Unter den Torys im Unterhaus soll sich ein harter Kern von Johnson-Ultras gebildet haben, der der Wiederkehr des Gestürzten den Weg ebnen will. Durchaus realistisch: In einer kürzlichen Umfrage hielten 51 Prozent der Mitglieder seinen Rücktritt für falsch.

Kommt es also zum „Borisconi“-Phänomen, das der frühere Entwicklungshilfeminister und scharfe Johnson-Kritiker Rory Stewart befürchtet? Wie der nach erster kurzer Amtszeit gescheiterte Silvio Berlusconi könnte auch BoJo ins höchste Partei- und Regierungsamt zurückkehren. Ob aber Johnsons Bündnis von 2019 aus Stamm-Torys im prosperierenden Süden des Landes und dem Brexit-begeisterten früheren Labour-Anhang noch Bestand hat?

Vielleicht widmet sich Johnson doch lieber einer lukrativen Karriere als Festredner und Kolumnist sowie Verfasser von Büchern wie einer lang geplanten Shakespeare-Biografie. Er müsse dringend „Heu machen“, hat der scheidende Premier im Freundeskreis gesagt. (Sebastian Borger)

Auch interessant

Kommentare