Neubesetzung des britischen Oberhauses

Boris Johnson brüskiert Minderheiten: „skandalöse“ Entscheidung der Regierung bei Neubesetzung

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Ein schwarzer Erzbischof wird bei der Neubesetzung des britischen Oberhauses nicht berücksichtigt. Aktivist:innen der Black-Lives-Matter-Bewegung sind empört.

  • Der schwarze Erzbischof John Sentamu gilt als Vorbild für Integration in Großbritannien.
  • Premierminister Boris Johnson berief ihn nicht ins Parlament - dafür aber Freunde und Unterstützer.
  • Durch die Nichtberufung wird Sentamu zum Held der BLM-Bewegung.

London — In den Fußballstadien beugen Spieler und Trainer weiterhin vor jedem Spiel das Knie. In der Downing Street Nummer Zehn hingegen scheint die „Black Lives Matter“-Bewegung keine Anhänger zu haben. Empört weisen Aktivist:innen darauf hin, dass Premierminister Boris Johnson kürzlich dem Oberhaus 36 weiße neue Mitglieder:innen hinzufügte, nicht aber den ersten schwarzen Erzbischof von York. Dabei sei „John Sentamu ein Vorbild nicht nur für Schwarze, sondern für ganz Großbritannien“, empört sich Simon Woolley von der Organisation „Operation Black Vote“.

Boris Johnson beruft schwarzen Erzbischof nicht - aber Freunde

Als Erzbischof des englischen Nordens bekleidete Sentamu 15 Jahre lang das zweitwichtigste Amt in der anglikanischen Staatskirche. Im Sommer ging er 71-jährig in den Ruhestand. Doch anders als seinen beiden weißen Vorgängern verweigert die Johnson-Regierung dem Geistlichen die Berufung als Lord auf Lebenszeit. Zur Begründung verwies ein Sprecher der Downing Street gegenüber auf die vielbeklagte Überfülle der zweiten Parlamentskammer, die derzeit 797 Mitglieder aufweist.

John Sentamu (71) floh aus Uganda nach England und avancierte dort zum Erzbischof von York.

Das Argument halten Aktivist:innen wie Woolley für „skandalös“, angesichts der „Flut von Freunden, darunter kein einziger Schwarzer“, die der Regierungschef diesen Herbst zu Baroninnen und Lords ernannte. Dazu gehörten frühere Minister wie Kenneth Clarke und Philip Hammond sowie Johnsons jüngerer Bruder Joseph, die wegen der Brexit-Politik ihrer konservativen Partei unter Boris Johnson nicht mehr für das Unterhaus antraten. Ins Oberhaus geschwemmt wurden auch Exoten wie die aus Bayern stammende frühere Labour-Abgeordnete Gisela Stuart oder der legendäre Ex-Cricketspieler Ian Botham. Deren gemeinsames Kennzeichen besteht, genau umgekehrt, in der enthusiastischen Befürwortung des EU-Austritts.

John Sentamus Ansichten entsprechen nicht denen von Boris Johnson

An politischen Faktoren kann Sentamus Brüskierung kaum liegen. Zwar machte sich der Erzbischof im Vorfeld des Referendums 2016 für den EU-Verbleib stark, warb zuletzt aber immer wieder für den Ausgleich zwischen den gefährlich verhärteten Fronten.

Pikanterweise ergriff er einmal sogar im Oberhaus für die Brexitlinie der damaligen Premierminister Theresa May das Wort. Denn als geistlicher Lord (Lord Spiritual) gehörte Sentamu der Parlamentskammer qua Amt an: Für die anglikanische Staatskirche bleiben 26 Sitze – zwei Erzbischöfe und 24 Diözesanbischöfe, darunter neuerdings auch vier Frauen – reserviert. Hingegen bleibt den Oberhirten anderer wichtiger Religionen, beispielsweise Juden, Muslime, Katholiken oder Sikhs, nur der Weg über die Berufung als Lord auf Lebenszeit (Lords Temporal), der Sentamu verschlossen bleibt.

NameJohn Sentamu
Geburtsdatum10. Juni 1949 (Alter 71 Jahre)
GeburtsortKampala, Uganda
AmtErzbischof von York

Sentamus wird Held der BLM-Bewegung im Konflikt mit Boris Johnson

Der britische Zweig der BLM-Bewegung, um die es zuletzt recht still geworden war, hat nun einen neuen charismatischen Helden. In Uganda geboren, studierte Sentamu zunächst Jura und praktizierte in seiner Heimat als Anwalt, musste aber vor dem Terrorregime des damaligen Präsidenten Idi Amin nach England fliehen. Dem Theologiestudium samt Promotion in Cambridge folgten Bischofsposten in Ost-London und Birmingham, ehe die Berufung nach York erfolgte. In dem historischen Städtchen schien es manchmal, als sei der leutselige, meist vergnügte Geistliche der einzige Schwarze weit und breit.

Eine Bilderbuch-Karriere, geeignet als Symbol für die vielerorts gelungene Integration ethnischer Minderheiten in die britische Gesellschaft. Wenn man das nur auch in der Downing Street begreifen würde. (Sebastian Borger)

Rubriklistenbild: © AFP

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