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"Ich hab mich befreit", sagt Heiner Halberstadt über seinen endgültigen Austritt aus der SPD.

Heiner Halberstadt

"Größte Bedrohung für Frieden geht von USA aus"

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1945 hat sich Heiner Halberstadt geschworen: nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus. 1962 wirft ihn die SPD aus der Partei. Wenig später gründet er in Frankfurt den "Club Voltaire". Halberstadt feiert seinen 90. Geburtstag.

Versteckt zwischen alten Bäumen duckt sich das kleine Haus an den Bornheimer Hang im Osten von Frankfurt am Main. Hier wohnen Heiner Halberstadt und seine Lebensgefährtin Else Gromball schon eine halbe Ewigkeit. Vom Balkon aus deutet er auf eine imposante, hochgewachsene Tanne. „Hab ich beim Einzug gepflanzt“, brummt er, zwirbelt den weißen Schnurrbart. Es folgt dieses für ihn typische, kurze, fast grimmige Schmunzeln. Der Mann aus Dortmund-Hörde gilt seit langem schon als das linke Gewissen Frankfurts. Sein Leben ist das eines Linken, der sich nicht anpassen wollte und konnte an Parteien, Organisationen und ihre Zwänge. Am 17. Mai feiert er, der Mitglied ist im Ältestenrat der deutschen Linken, seinen 90. Geburtstag. 

Wir stromern durch den Garten vor dem Haus. Halberstadt erzählt, dass er gegenwärtig sehr viel träumt, „quer durch alle Zeiten hindurch“. Natürlich „große Banalitäten“. Etwa die Erinnerung „an eine attraktive Frau“. Wieder das Brummen. Dann aber auch „traumatische Erinnerungen“. Die ihn für immer prägten. 

Die brennende Synagoge in Hörde, 1938, die Nazis organisieren, was sie zynisch „Reichskristallnacht“ nennen. Juden fliehen in Panik aus dem Gebäude, das in Flammen steht. Der neunjährige Heiner mit dem Vater auf der anderen Straßenseite. Ein Lastwagen mit SA-Leuten prescht heran, die Uniformierten springen herab, beginnen, Kinder, Frauen, Männer auf die Ladefläche zu prügeln. „So kann man sich die Hölle vorstellen“, sagt Halberstadt leise, „was Menschen mit Menschen tun können.“ Er bricht ab. Schweigt. 

So geht das über Stunden. Ein Gespräch mit Halberstadt ist wie eine Fahrt auf einem Fluss mit allerlei Stromschnellen, Untiefen, Klippen. Anfang der 40er Jahre ist er Lehrling in einem Chemiewerk in Dortmund, mit ihm in der Halle polnische Zwangsarbeiter. Luftangriff, Bomben fallen, Explosionen, Flammen. „Überall verbrannte Leichen.“ Ende 1944 soll der 16-Jährige als Flakhelfer zur Luftwaffe eingezogen werden. Er taucht unter, schlägt sich unter Lebensgefahr durch die Kriegswirren nach Norden durch, erlebt in Husum die Befreiung. 

Das damalige Lebensgefühl seiner Generation fasst der alte Mann in einen Satz: „Wir waren froh, entronnen zu sein.“ Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg: Das waren mehr als nur Parolen, das waren konkrete Ziele. Ende 1945 kommt der junge Mann in Frankfurt am Main an, tritt in die Sozialistische Jugend Die Falken ein, 1946 dann auch in die SPD. „Wir waren Jugendliche, die den Krieg erlebt hatten und einen Haltepunkt suchten.“ 

Es ist selbstverständlich, dass Halberstadt an den Ostermärschen teilnimmt, gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands protestiert. „Das hat der SPD nicht gefallen.“ 1962 wird er aus der Partei „rausgeschmissen“. Zugleich kündigt ihm der Frankfurter Verein „Häuser der offenen Tür“, für den er als Geschäftsführer arbeitet, wegen „kommunistischer Betätigung“. Doch der 34-Jährige kommt als städtischer Angestellter beim Stadtbahnbauamt unter. 

„Club Voltaire“ als unabhängigen linken Treffpunkt 

Im gleichen Jahr schreibt er ein Stück linke Geschichte, gründet im Herbst 1962 mit Gleichaltrigen in Frankfurt den „Club Voltaire“ als unabhängigen linken Treffpunkt für Veranstaltungen, Diskussionen, Musik. „Wir suchten etwas, wo wir uns ungestört aufhalten konnten.“ Der Club, benannt nach dem französischen Denker der Aufklärung, wird Vorbild für gleichnamige Einrichtungen in Hannover, Tübingen, München, Stuttgart und anderswo. „Der Name sollte auch Solidarität ausdrücken mit den Freiheitskämpfern in Algerien, die gegen die französische Besatzung im Untergrund waren.“ 

Bis heute hat sich der Club im Häuschen Kleine Hochstraße 5 in der Frankfurter Innenstadt gehalten, bis heute sind die Räume die gleichen geblieben: die Bar und die Kneipe unten, Platz für Konzerte, Vorträge, Diskussionen, Lesungen. Eine Stiege führt hinauf zur Bibliothek und weiteren Räumen. 

Halberstadt bricht im Club viele Tabus. Er lädt DDR-Autoren wie Christa Wolf, Anna Seghers, Volker Braun, Hermann Kant zu Auftritten ein – in der dumpf-konservativen Adenauer-Bundesrepublik eine Provokation. Aber auch der erste Ort entsteht, an dem sich Schwule treffen können, das Fest „Homolulu“ wird organisiert. Als die USA den blutigen Vietnam-Krieg eskalieren, desertieren im großen Truppenstandort Frankfurt immer mehr GIs. „Wir haben denen geholfen“, brummt der Club-Gründer, nennt aber auch heute noch keine Details. Jedenfalls erreichen die Deserteure auf Umwegen nordeuropäische Länder, die sie nicht ausliefern, etwa Schweden. 

Im Club treffen sich Ende der 60er Künstler, die gerade dabei sind, in Frankfurt Theatergeschichte zu schreiben: der junge Regisseur Claus Peymann zum Beispiel, der im Theater am Turm (TAT) die Premieren des jungen Dramatikers Peter Handke inszeniert – darunter „Publikumsbeschimpfung“ (1966) oder „Kaspar“ (1968). Die US-Aktivistin Angela Davis studiert vorübergehend an der Frankfurter Universität und steht im Club an der Theke. Joan Baez, US-Liedermacherin und Ikone des Protests, stattet dem Treffpunkt 1967 einen Besuch ab und nimmt am Ostermarsch in Frankfurt teil. 

Und dann kommt das Jahr der Revolte: 1968. Halberstadt macht bis heute keinen Hehl daraus, dass er mit den Töchtern und Söhnen aus bürgerlichen Familien, die da den Aufstand probten, anfangs Probleme hatte. „Es war ein Fremdeln.“ Else Gromball, die immer mal wieder zu unserem Gespräch dazukommt, drückt es deutlicher aus. „Ich konnte mit den 68er-Frauen nichts anfangen.“ Als sich an der Universität der Weiberrat gründete, in dem sich die Frauen erstmals ohne Männer trafen, gab es auch Treffen im Club Voltaire. Und doch sagt Gromball noch heute: „Bei uns Linken waren die Frauen nicht unfrei.“ 

Dennoch finden 1968 immer mehr Studenten in den Club und es entstehen Freundschaften. Halberstadt erinnert sich noch gut an den intellektuellen Kopf der Revolte in Frankfurt, Hans-Jürgen Krahl. „Der wurde bei uns Stammgast, trank viel Korn und hielt laute Reden.“ Ganz wichtig wird für die revoltierenden Studenten, dass sie im Club Rechtsberatung finden: Anwälte helfen, wenn jemand verhaftet oder von der Polizei zusammengeschlagen wurde. Durch viele Fernsehdokumentationen werden Halberstadt und der Treff in Frankfurt bundesweit bekannt. Im Mai 1968, auf dem Höhepunkt des Protests gegen die Notstandsgesetze, sind die Filmteams Dauergast. 

Nach dem Ende der Revolte geht Studentenführer KD Wolff vorübergehend in die USA, bringt von dort Freunde mit in den Club: Es ist der erste Auftritt der militanten Black Panther in Deutschland. Sie werben für den bewaffneten Aufstand in den USA. Die Polizei hat Wind bekommen von den Gästen und rückt an. Halberstadt rettet die Situation mit den Worten: „Das sind unsere Gäste.“ Die Polizisten lassen sich tatsächlich bluffen und ziehen ab. 

Der Linke Halberstadt arbeitet zu dieser Zeit noch immer bei der Stadt. Er wird stellvertretender Vorsitzender des Gesamtpersonalrates, verantwortlich für damals mehr als 15.000 Mitarbeiter. Und bleibt es lange. Die SPD-Bundesspitze wird auf ihn aufmerksam und versucht, ihn zurückzuholen. Der Vorsitzende Willy Brandt erklärt, da sei ein kritischer Geist der Partei verloren gegangen, den sie aber brauche. Halberstadt schätzt Brandt, insbesondere wegen dessen Ostpolitik, als moralische Instanz. 1972 tritt er wieder in die SPD ein.  

Eine Zeitlang scheinen der Linke und die Sozialdemokraten sich zu versöhnen. Als SPD und Grüne im Römer 1989 eine erste Koalition bilden und der Sozialdemokrat Volker Hauff zum Oberbürgermeister gewählt wird, beruft er Halberstadt zum Büroleiter. Es wird für den Linken ein bizarrer Ausflug ins Zentrum der Macht. Immer wieder versucht er, Hauff auf grundsätzliche Entwicklungen aufmerksam zumachen, die modellhaft auch für Frankfurt sein könnten – etwa neue Formen des preiswerten Wohnungsbaus in Schweden. 

Die außerparlamentarischen Aktionen bleiben ihm wichtig

Doch der Schwabe Hauff reibt sich auf im täglichen Machtkampf mit der heimischen SPD. Am 11. März 1991 dann ein einmaliger Vorgang in der Frankfurter Nachkriegsgeschichte: Der Oberbürgermeister teilt den Zeitungsredaktionen per Fax mit, dass er sein Amt niedergelegt hat. Als die Nachricht bei den Journalisten eintrifft, ist Hauff schon aus Frankfurt geflohen. 

Halberstadt konzentriert sich wieder auf seine Arbeit im Club Voltaire, versucht, einen Anlaufpunkt für die versprengte Linke in Deutschland zu bieten. Anfang 1998 unterschreibt er den Appell des „Sozialistischen Forums“: Die aus der SED hervorgegangene PDS müsse ein Bündnispartner der SPD sein gegen rechts. Die Frankfurter SPD-Spitze betreibt daraufhin seinen Parteiausschluss, scheitert vor dem Schiedsgericht – und legt Berufung ein.

„Da war für mich die Grenze der Selbstachtung erreicht“, sagt Halberstadt ganz ruhig. Wir sitzen im Wohnzimmer auf dem Sofa, umgeben von Büchern, Schriftstücken, Briefen. „Ich hab mich befreit“, brummt er. Ende Mai 1998 tritt er endgültig aus der SPD aus. Bald darauf ist er Mitglied der PDS. Er kandidiert bei der Kommunalwahl 2001 und arbeitet bis 2006 als Stadtverordneter. 

Doch die außerparlamentarischen Aktionen bleiben ihm wichtig. Am 10. Mai 2003 wird ein Ochsenkarren zum Römerberg gezogen: Er trägt die Namen der Schriftsteller, deren Bücher vor dem Rathaus 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt worden waren. Und Halberstadt schreibt. Veröffentlicht immer wieder Einschätzungen zu historischen Ereignissen und Problemen der Gegenwart, nicht zuletzt in der FR. Seine Hoffnung ist noch heute, dass das linke Lager in Deutschland weiter wächst. Die Sozialdemokraten hat er dabei aufgegeben. „Ich bin froh, dass ich kein Mitglied mehr bin – die SPD wird weiter zerfallen.“ Die Partei sei „kein Ort mehr für politische Auseinandersetzungen der Gegenwart“. 

Wir gehen hinaus auf den Balkon, von dem aus man weit über die Bäume des Ostparks blicken kann. Es ist ganz still bis auf das Zwitschern der Vögel. Wir sprechen über den Erfolg der Rechten in Deutschland und seine Ursachen. „Es liegt daran, dass die Aufklärung in Deutschland nie wirklich tief gegriffen hat“, urteilt Halberstadt: „Das unterscheidet uns von Frankreich.“ 

Zwei Herausforderungen müsse die Linke sich stellen. „Die größte Bedrohung für den Frieden geht von den USA aus.“ Und der Klimawandel müsse endlich entschlossen bekämpft werden. 

Es ist nämlich nicht so, dass Heiner Halberstadt sich aufs Altenteil zurückgezogen hat. Er sitzt im Ältestenrat der Partei Die Linke, der regelmäßig unter dem Vorsitz von Hans Modrow in Berlin tagt. Und er mischt sich noch immer ein in öffentliche Diskussionen, schreibt Leserbriefe, ruft in der FR-Redaktion an, macht auf Probleme aufmerksam. Seinen 90. Geburtstag wird er natürlich im Club Voltaire feiern. Wo sonst. 

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