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Mafia-Opfer: Einwanderer wurden in der Stadt Rosarno bei Ausschreitungen verletzt, die die ´Ndrangheta angezettelt haben soll.

´Ndrangheta terrorisiert Italien

Im Griff der Krake

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Die ´Ndrangheta ist die mächtigste der italienischen Mafiaorganisationen. Etwa 40 Milliarden Euro jährlich verdient sie mit Kokain. Unbequeme Gegner erhalten unmissverständliche Drohungen. Von Kordula Doerfler

Rom. Der Brief trug nur einen Namen, aber keine Adresse. Das war auch nicht notwendig, denn Giuseppe Lombardo kennt jeder in Reggio Calabria. Er ist Staatsanwalt in der Stadt am südlichen Ende Italiens und spezialisiert auf organisiertes Verbrechen. Der Brief an ihn, der Anfang der Woche in der Post abgefangen wurde, enthielt eine unmissverständliche Warnung: eine Pistolenkugel und ein Schreiben.

"Wenn du nicht aufhörst, werden wir dich enden lassen wie Falcone und Borsellino." Diese Namen kennt jeder. 1992 waren die beiden Juristen der Mafia so gefährlich geworden, dass sie sie in ihrem furchtbarsten Racheakt überhaupt brutal umbrachte, ein nationales Trauma, das bis heute nachwirkt.

Doch das war drüben, auf Sizilien, dem Stammland der Cosa Nostra. In den 90er Jahren versuchte die sizilianische Mafia, den Zentralstaat mit Terror und Bomben überall in Italien in die Knie zu zwingen. Die Clans der ´Ndrangheta dagegen agierten im Verborgenen, hatten ihre Hauptquartiere in den Bergen Kalabriens.

Während sich die staatlichen Sicherheitsorgane vor allem auf die Cosa Nostra konzentrierten, wuchs die ´Ndrangheta, einst gegründet von Banditen. Im August 2007 fiel ein Schlaglicht auf sie. Sechs Männer starben vor einer Pizzeria in Duisburg, aus Rache erschossen von Mitgliedern einer verfeindeten Familie aus dem fernen Kalabrien.

Verwundert nahm man in Deutschland zur Kenntnis, dass die Organisation auch nördlich der Alpen Geschäfte in großem Stil betreibt. Davor warnen italienische Ermittler zwar seit Jahren, doch wurden sie im Ausland oft nicht Ernst genommen.

Drohung gegen Präsidenten

Längst ist die ´Ndrangheta die mächtigste der italienischen Mafiaorganisationen. Wie der Cosa Nostra und der Camorra geht es ihr in Zeiten der Wirtschaftskrise besser als je zuvor. Etwa 40 Milliarden Euro jährlich verdient die ´Ndrangheta mit dem Drogenhandel, und sie kontrolliert von Mailand aus das weltweite Geschäft mit Kokain.

Nach Schätzungen der Ermittler kauft die ´Ndrangheta ein Gramm des Stoffes für etwa 2,50 Euro, streckt es auf das doppelte Gewicht und verkauft es für 60 Euro pro Gramm. Den Gewinn investiert sie vor allem in illegale Bauprojekte und die Müllentsorgung, aber sie wäscht ihn auch in großem Stil, um sich in Firmen und Immobilien im In- und Ausland einzukaufen.

Neuerdings aber fühlt sich die ´Ndrangheta gestört, nicht zuletzt, weil in Reggio Calabria neue Staatsanwälte arbeiten. Besorgt registrieren die Behörden, dass die "Krake" ihre Strategie ändert und dem Staat offen droht. "Es ist klar, dass die ´Ndrangheta beweisen will, dass sie über ein höchst gefährliches militärisches Potential verfügt", sagt Ermittler Michele Prestipino. Anfang Januar detonierte vor einem Gericht in Reggio ein Sprengsatz, in der vergangenen Woche fand man in der Innenstadt ein mit Sprengstoff und Munition beladenes Auto - just an dem Tag, als Staatspräsident Giorgio Napolitano zu einem Besuch erwartet wurde, um Behörden und Bewohner seiner Unterstützung im Kampf gegen die Mafia zu versichern.

Kampf gegen die Mafia

Mit welcher Macht man sich dabei anlegt, hatten kurz zuvor die Auseinandersetzungen in der Kleinstadt Rosarno gezeigt. In Süditalien ist die Mafia einer der größten Arbeitgeber - und beschäftigt auch zehntausende illegal eingereiste Wanderarbeiter. Es waren vermutlich ´Ndrangheta-Mitglieder, die auf eine Gruppe von Afrikanern schossen, deren Verzweiflung über ihre sklavenartigen Lebensumstände dann explodierte. Und es war wohl auch die ´Ndrangheta, die Bewohner des Städtchens dazu aufstachelte, eine Treibjagd auf die ungeliebten Immigranten zu eröffnen.

Unmissverständlich forderte Napolitano mehr Zivilcourage von jedem einzelnen. Auch die Regierung von Silvio Berlusconi ermahnte er, entschiedener vorzugehen. "Der Staat mit allen seinen Organen muss an vorderster Front stehen", sagte er. Berlusconi handelte auf seine Weise. Gestern hielt er eine Sondersitzung des gesamten Kabinetts in Reggio Calabria ab, bei der ein Aktionsplan für den Kampf gegen die Mafia verabschiedet wurde.

Dieser umfasst nicht nur ein schärferes Vorgehen gegen Schwarzarbeit, sondern auch die Gründung einer nationalen Agentur, die von der Mafia beschlagnahmtes Vermögen verwalten soll, mit Sitz in Reggio Calabria. Allein von der ´Ndrangheta konfiszierten die Ermittler im vergangenen Jahr Werte in Höhe von fast einer Milliarde Euro. Einige der besonders brisanten Fälle bearbeitet Giuseppe Lombardo.

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